Bischof Williamson klopft in Heilbronn an

Heilbronn - Ein spektakulärer Fall, der weltweit Schlagzeilen machte, führt jetzt nach Heilbronn. Der britische Bischof Richard Williamson, vom Regensburger Amtsgericht als Holocaust-Leugner zu 10.000 Euro Geldstrafe verurteilt, sucht Hilfe bei Strafverteidiger Norbert Wingerter.

Von Carsten Friese


Norbert Wingerter (rechts) mit der Akte Williamson: Er wird den umstrittenen britischen Bischof Richard Williamson im Berufungsprozess am Regensburger Landgericht verteidigen. Fotos: dpa/Friese


Heilbronn - Es ist ein spektakulärer Fall, der weltweit Schlagzeilen machte, und jetzt führt er mitten nach Heilbronn. Der britische Bischof Richard Williamson (70), vom Regensburger Amtsgericht als Holocaust-Leugner zu 10.000 Euro Geldstrafe verurteilt, sucht Hilfe bei Strafverteidiger Norbert Wingerter. Mit dem Heilbronner als neuem Anwalt will er in den Berufungsprozess gehen.

Wie das? Wingerter ist kein Jurist, der dem rechtsextremen Spektrum zuzurechnen ist. Am Holocaust und offiziellen Zahlen über ermordete Juden „gibt es nichts zu leugnen“, sagt der 72-Jährige, der in seiner Kanzlei noch halbtags arbeitet. Ende November bekam er den Anruf des Bischofs, der „fließend Deutsch spricht“. Der Geistliche fragte an, ob Wingerter die Verteidigung übernehmen wolle und ob er „wirklich katholisch“ sei. Der Heilbronner bejahte beides.

Nicht überrascht Sonderlich überrascht vom Anruf war Wingerter nicht. Er hatte gelesen, dass die erzkonservative Pius-Bruderschaft Williamson mit dem Ausschluss gedroht habe, falls der sich nicht umgehend von dem zuvor ausgewählten Verteidiger aus dem rechten Spektrum trenne. „Ausdrücklich befohlen“ soll die Pius-Bruderschaft die Trennung haben, schrieb die „Augsburger Allgemeine“.

Berufsethos

Wingerter gilt als akribischer Spezialist in Revisionsverfahren und hat vor dem Bundesgerichtshof auch zwei Holocaust-Fälle für Mandanten erfolgreich bestritten – für einen Mannheimer Rechtsanwalt und einen Australier, der Rundbriefe und Artikel im Internet verfasste. Dies könne Williamson recherchiert haben, mutmaßt der 72-Jährige, wie der Bischof auf ihn kam. Er, der Anwalt mit Schwerpunkt Ausländerstrafrecht, habe mit einer Verharmlosung des Holocausts „nicht zu tun“. Dass er das Mandat annahm, ist für  Wingerter eine Art Pflicht, ein Berufsethos – „weil jeder Angeklagte ein Recht auf einen Verteidiger seines Vertrauens hat“.

Noch hat er die Gerichtsakten aus Regensburg nicht, noch hat er mit Williamson nur ein Mal am Telefon gesprochen. Frühestens im März rechnet er mit dem Prozessbeginn in der Oberpfalz. Eine Verteidigungsstrategie könne jedoch sein, zu prüfen, ob der Bischof damit rechnen musste, dass seine Aussage in der deutschen Öffentlichkeit „bekannt werde“.

Williamson hatte in einem Interview gegenüber einem schwedischen TV-Sender die Existenz von Gaskammern im Dritten Reich bestritten und die offizielle Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden als historisch falsch eingestuft. In Schweden ist dies nicht strafbar, in Deutschland sehr wohl.

Geldfrage

Auch die verhängte Geldstrafe mit einem Tagessatz von 100 Euro will Wingerter überprüfen. Weil er bezweifelt, dass ein englischer Weihbischof, der „vom Geld im Klingelbeutel lebt“, tatsächlich 100 Euro am Tag verdiene.
Den bevorstehenden Medienrummel um den Prozess sieht er gelassen. „Dies ist mein Beruf.“ Etwas Besonderes ist der Fall für ihn dennoch. Die Unterschrift eines Bischofs hatte er noch nie auf einer Strafprozessvollmacht. Ein christliches Kreuz hat Williamson darin vor seinen Namen gesetzt.


Hintergrund: Prozess ferngeblieben

Wegen Volksverhetzung hat das Regensburger Amtsgericht Bischof Richard Williamson im April 2010 verurteilt. Der Brite war trotz Anordnung des Gerichts nicht zum Prozess erschienen. Sein Interview mit dem schwedischen TV-Sender fand im Priesterseminars der Pius-Bruderschaft im Landkreis Regensburg statt. Laut Williamson sollen die Journalisten angeblich zugesagt haben, nichts außerhalb Schwedens oder im Internet zu veröffentlichen. 
   
Der Fall hatte die katholische Kirche in eine schwere Krise gestürzt. Fast zeitgleich mit Bekanntwerden der Aussagen Williamsons hatte Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation des Bischofs aufgehoben. cf


Zur Person: Norbert Wingerter

1938 wurde Norbert Wingerter in München geboren und kam nach dem Jura-Studium nach Heilbronn. Bekannte Fälle: Er verteidigte in den 70er Jahren den Heilbronner Hafenmörder, der zwei Kinder getötet hatte, und war Anwalt eines Tierpflegers im Mordfall ohne Leiche. Die Nachbarin des Tierpflegers war damals spurlos verschwunden. Drei Ordner sind in seinem Büro gefüllt mit erfolgreichen Revisionen vor dem Bundesgerichtshof. Er gehe auch heute noch gerne ins Büro und „bastel an Revisionen“, sagt der 72-Jährige. Einen „gewissen Hang zum Oberlehrer“streitet er nicht ab. Wingerter hat fünf Kinder. Zwei Söhne sind Anwälte in der Kanzlei. cf