Arztskandal: Kommission prüft Patientenakten

Heilbronn - Eine Kommission der Universitätsklinik Heidelberg wird am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen eingesetzt, um die Behandlungen und Eingriffe des als holländischer Skandalarzt bekannt gewordenen Dr. Ernst J. S. an Patienten in seiner Zeit am Heilbronner Krankenhaus zu überprüfen.

Von Adrian Hoffmann und Jürgen Kümmerle
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Heilbronn - Eine Kommission der Universitätsklinik Heidelberg wird am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen eingesetzt, um die Behandlungen und Eingriffe des als holländischer Skandalarzt bekannt gewordenen Dr. Ernst J. S. an Patienten in seiner Zeit am Heilbronner Krankenhaus zu überprüfen. Das gab Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der SLK-Kliniken ist, am Montagmittag im Heilbronner Rathaus bekannt.

Sicherheit

Der dafür vorgesehen Gutachter sei neutral und überprüfe „alle Patientenakten, die mit diesem Arzt in Verbindung zu bringen sind“, so Helmut Himmelsbach. Auf diese Weise wolle man die Patientensicherheit gewährleisten.

In der Zwischenzeit haben sich ehemalige Patienten des betreffenden Arztes in der Redaktion unserer Zeitung gemeldet. Einige davon gaben an, eine schlechte Behandlung erfahren zu haben – ob diese Schilderungen allerdings zutreffen könnten, wird derzeit noch recherchiert. Wie berichtet hatte eine 33-jährige Frau aus einer Landkreisgemeinde bereits den Vorwurf erhoben, sie habe bei einem Eingriff – einer sogenannten Lumbalpunktion – durch Dr. Ernst J. S. unnötige Schmerzen erfahren. Der Arzt selbst konnte dazu noch nicht gehört werden. Die Heilbronner Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen aufgenommen.

Zentrales Register

Nach Informationen unserer Zeitung sollen jetzt auch teilweise Qualifikationen dort angestellter Ärzte, insbesondere von Ärzten aus dem Ausland, intensiv geprüft werden. „Ich will jetzt nicht wegen des Einzelfalls alles unter Verdacht stellen“, sagte Heilbronns OB Helmut Himmelsbach im Interview, der auch Aufsichtsratschef der SLK-Kliniken ist. „Auf der anderen Seite werde ich prüfen – das ist jetzt meine Aufgabe –, ob die Geschäftsführung richtig gehandelt hat. “

Eine Schwarze Liste für Ärzte fordert der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn. „Es sollte eine gegenseitige Information, etwa in Form eines zentralen Registers in Europa geben“, sagt er im Interview mit unserer Zeitung.

Wie berichtet, wird Dr. J. S. in den Niederlanden schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen vorgeworfen. Mitte 2011 war der Arzt über die Berliner Vermittlungsagentur Doctari an das Klinikum am Gesundbrunnen vermittelt worden. Deren Geschäftsführer Christoph Siegmann sagte gegenüber unserer Zeitung, dass es Aufgabe des Krankenhauses sei, die erforderlichen Qualifikationen eines Arztes zu prüfen. Auch er spricht sich für ein zentrales Register aus.

 

 

Unterdessen reagierte die Heilbronner Staatsanwaltschaft auf die Berichterstattung der Heilbronner Stimme über eine ehemalige SLK-Patientin, die sich vom holländischen Skandalarzt Ernst J. S. geschädigt fühlt. „Wir nehmen Vorermittlungen auf“, sagte Staatsanwalt Harald Lustig am Montag.

Es soll geprüft werden, inwiefern es zu einer fahrlässigen Körperverletzung gekommen sein könnte und der Frau möglicherweise „unnötige Schmerzen“ zugefügt wurden. Die 33-jährige Patientin, an dem Ernst J. S. im August 2012 eine sogenannte Lumbalpunktion vorgenommen hatte, hat sich daraufhin gestern mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung gesetzt und will als Zeugin bzw. mögliche Geschädigte Angaben machen.
„Wenn die Staatsanwaltschaft das übernimmt, bin ich froh und helfe dort natürlich als Zeugin gerne“, sagt sie. Dr. J. S. selbst, der noch bis Freitag am Heilbronner Gesundbrunnen arbeitete, war für unsere Zeitung bislang nicht zu erreichen.

Nicht gemeldet

Die Staatsanwaltschaft will durch die Prüfung der Bundesärzteordnung und des Heilpraktikergesetzes auch der Frage nachgehen, wie es sich mit der deutschen Approbation verhält, die der Mann nach Angaben der SLK-Klinik vorgewiesen hat. Es wäre zu klären, ob er die Approbation ordnungsgemäß erhalten hat, so Staatsanwalt Lustig.

Auf Nachfrage, ob möglicherweise gegen Verantwortliche des Heilbronner SLK-Klinikums ermittelt werden könnte – insbesondere nach der Bestätigung von Klinikchef Dr. Thomas Jendges, dass es schon vor eineinhalb Jahren einen Hinweis auf die fehlende holländische Zulassung des Mannes und auch ein Strafverfahren gegen Dr. Ernst J. S. bekannt gewesen sein soll – sagte Harald Lustig: „Wir sehen dazu derzeit keine Anhaltspunkte.“

Bei der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg ist Dr. J. S. nach Angaben der Kammer nicht gemeldet gewesen – obwohl er dies hätte sein müssen, wie Dr. Martin Uellner, Sprecher der Heilbronner Ärzteschaft, auf Anfrage unserer Zeitung sagte. Ein Arzt sei unabhängig von seinem Wohnort verpflichtet, sich innerhalb von vier Wochen bei der für die Region seines Arbeitgebers zuständigen Kammer zu melden.

„Er hätte das tun müssen“, sagte Uellner weiter. Manche Arbeitgeber forderten einen entsprechenden Meldenachweis von ihren Ärzten. Ob dies im Heilbronner Gesundbrunnen geschehen ist oder nicht, ist allerdings unklar. Jeder Arzt wisse, dass man sich melden müsse, „oder der Arbeitgeber macht darauf aufmerksam“, so Uellner.

Auch bei der Ärztekammer in Berlin war und ist Dr. J. S. nach Angaben eines Sprechers nicht gemeldet. In Berlin hat die Vermittlungsagentur ihren Sitz, die den Neurologen im Februar 2012 ans SLK-Klinikum empfahl.
Bereits 2011 Im Regierungspräsidium Stuttgart, das in Baden-Württemberg für die Erteilung von Approbationen zuständig ist, reagiert man erstaunt über die bekannt gewordenen Vorwürfe. „Unser Haus war mit diesem Fall bisher nicht befasst“, sagte Pressesprecher Dr. Peter Zaar am Montag.

Dr. Thomas Jendges sagte, dass er davon ausgeht, dass ein Hinweis auf ein Verfahren, das gegen Dr. J. S. in Holland geführt wird, in seinem Haus bereits im Jahr 2011 vorlag. Wer im Gesundbrunnen darüber Bescheid wusste, konnte Jendges gestern nicht sagen. „Wir werden klären, in welcher Form der Hinweis an die Personalverwaltung gegangen ist.“ Dass man billigend in Kauf genommen hat, dass nach dem Hinweis Patienten zu Schaden kamen, will er nicht sagen. „Davon gehe ich erstmal nicht aus. Wir müssen erst klären, wie der Kenntnisstand damals war.“

Aufsicht

Jendges betont, dass Ernst J. S. im Gesundbrunnen unter ständiger Aufsicht vom Chefarzt oder von Oberärzten war. Wie sich das in der Neurologie des Gesundbrunnen konkret gestaltete, konnte Jendges am Montag nicht sagen. „Bei jeder wesentlichen Medikation und bei jeder wesentlichen Therapieentscheidung zeichnet zumindest ein Oberarzt mit. Das ist Standard.“