4. Dezember mit den Augen eines Jungen

Heilbronn - Der heute 76-jährige Rolf Wacker schildert, wie er als Kind den Feuersturm erlebte.

Von Rolf Wacker

4. Dezember mit den Augen eines Jungen
Eines der wenigen Farbfotos zeigt den Feuersturm in der Südstadt mit dem Kreuz der damaligen, hölzernen Südkirche, die wie durch ein Wunder heil blieb.Foto: Stadtarchiv

Heilbronn - Der 4. Dezember 1944 war zunächst ein Tag wie jeder andere. Gegen Abend mussten wir in den Keller, es heulten die Sirenen und die Erwachsenen kamen zu uns in das Kellergewölbe. Wir Kinder trugen über der obligaten Unterwäsche einen blauen Trainingsanzug, dessen lange Überfallhose die Schuhe bedeckte. Und da war noch ein kleiner Kinderbademantel, der am Ende entscheidend dazu beitrug, dass ich überlebte.

Inferno

Zu der im Keller entstandenen Schicksalsgemeinschaft gehörten mein Bruder Fritz, meine Mutter und ihre Jugendfreundin Edda, die für meine berufstätige Mutter Haushalt und Kinder versorgte, die Angehörigen der im Hause wohnenden Familien Weisser und Hönig und ein Soldat, dessen eigentliche Funktion mir noch heute unklar ist. Vielleicht war er auf Heimaturlaub. Jedenfalls verdanke ich ihm mein Leben, er war mein Lebensretter und am Ende der Einzige von uns, der das Inferno nicht überlebte. Er starb in der Herbststraße, erschlagen von einer Hauswand.

4. Dezember mit den Augen eines Jungen
Die Sirenen waren verstummt, das Inferno, die Hölle, begann. Es kam so unvermittelt, so gewaltig, so unvorstellbar schrecklich, brüllend laut. Mir fehlen die Worte. Die Wände und vor allem die Decke des Kellergewölbes bogen sich hin und her, der Mörtel zwischen den Steinen löste sich und rieselte auf uns herab. Der ganze Keller erzitterte und schien in Bewegung zu geraten.

Mit jedem Einschlag der gewaltigen Sprengbomben, deren Höllenlärm ich noch heute in den Ohren habe, wurde die Einsturzgefahr in unserem kleinen Keller größer − aber er hielt und widerstand dem etwa zwanzig Minuten dauernden Bombenhagel, der kein Ende zu nehmen schien. Im Keller saßen die Menschen teils eng zusammen, meine Mutter hatte ihren Arm um mich gelegt. Niemand weinte oder schrie, da war keine Panik. Wir hatten Glück, ein Volltreffer ereilte uns nicht. Ganz plötzlich war es still in unserem Keller. Die letzte Bombe war gefallen. Heilbronn war zerstört.

Gerettet

Aber wir lebten und wir alle überlebten auch. Unser Soldat half uns entscheidend dabei. Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er mir in gespenstischer Ruhe meinen Bademantel entriss, ihn in einen Löschwasserzuber tunkte und mir dann tropfnass über die Schulter warf. Barsch und nachgerade aggressiv und keinen Widerspruch duldend jagte er mich zu einem als Notausstieg umfunktionierten Kellerfenster, das mit einer von ihm bereits geöffneten Luftschutztüre versehen war.

Das im oberen Bereich der Außenmauer gelegene rettende Fenster war indessen nur unter Nutzung der in die Wand geschlagenen Eisenstreben erreichbar. Dies war für uns kleine Buben kein Hindernis. Den fraglichen Keller habe ich vor Jahren einmal aufgesucht. Er ist im Originalzustand erhalten und ich war überwältigt von meinen Erinnerungen.

4. Dezember mit den Augen eines Jungen
Rolf Wacker war 1944 acht Jahre alt. 68 Jahre später bringt er die "grenzwertigen Erlebnisse" zu Papier.Fotos: privat

Am Ende der Aktion stand ich als kleiner Bub alleine mitten in dem brennenden Heilbronn und wartete auf meinen Bruder, meine Mutter und unsere Edda. Jeder von uns war mit einem tropfnassen Bademantel oder einer entsprechenden Decke bewaffnet, so dass uns der gewaltige Funkenflug nichts anhaben konnte.

Der Anblick, der sich uns bot, war grauenhaft. Wir suchten einen Fluchtweg aus dem Inferno. Nach links die Friedensstraße hinunter schlugen gewaltige Flammen aus den Gebäuden bis weit auf die Straße und Brandbomben sorgten für eine Feuersbrunst, die kein Durchkommen erlaubte. Es blieb uns als Fluchtweg nur die Bismarckstraße in Richtung Friedenskirche. Es war ein Höllenritt.

An dem Platz vor unserem Haus an der Friedensstraße 39 münden noch heute fünf Straßenzüge. Hierdurch entstand inmitten der ohnehin lichterloh brennenden Häuser in der Mitte des Platzes ein Feuersturm unvorstellbaren Ausmaßes. Der entstandene Sog war so gewaltig, dass vor meinen Augen vor allem Frauen und Kinder schreiend in den Flammen verschwanden und verbrannten. Es war furchtbar.

Schließlich gelang es uns, den Platz zu umgehen, indem wir uns mit den Händen am rauen Mauerwerk der Häuserfassaden festkrallten. Wie uns das gelang, weiß ich noch heute nicht.

Verzweifelt

Auf der Bismarckstraße waren Bombentrichter an Bombentrichter, in welchen zum Teil Feuer brannten. Die Lage war verzweifelt. Zunächst fiel meine Mutter, erfasst von einer gewaltigen Windböe in einen solchen Trichter und bat erschöpft, sie doch liegen zu lassen und uns Kinder zu retten. Tante Edda reichte ihr die Hand und konnte sie nach oben ziehen. Als wir schließlich völlig erschöpft und verstört, mit von Brandlöchern übersäten Klamotten, verdreckt und aus kleineren Verletzungen blutend die Friedenskirche erreichten, wussten wir, dass wir gerettet waren. Dort gab es Sauerstoff zum Atmen.