Nächtliche Ruhestörung im Hawaii-Viertel

Heilbronn  Mieter in der Christophstraße beschweren sich über unhaltbare Zustände −die Stadtsiedlung reagiert.

Von unserem Redakteur Jürgen Kümmerle

Nächtliche Ruhestörung im Hawaii-Viertel
In den 1980er Jahren galt das sogenannte Hawaii-Viertel, hier die Christophstraße, als sozialer Brennpunkt. Nach aufwendigen Sanierungsmaßnahmen haben sich die Zustände normalisiert.Foto: Jürgen Kümmerle

Herbert Hickl und seine Lebensgefährtin sind mit ihren Nerven am Ende. Die beiden leben in einer Wohnung in der Christophstraße 45. Das Paar fühlt sich seit diesem Sommer massiven Ruhestörungen ausgesetzt. Schuld daran sei ein Hausmitbewohner, der ab 19 Uhr bis zu 15 Bekannte zu sich einlädt. "Dann wird dort jede Menge Alkohol getrunken. Man traut sich nicht mehr aus der Wohnung", sagt Hickls Lebensgefährtin Ursula Puzicha. Die Menschen würden alkoholisiert im Treppenhaus rumpöbeln und seien aggressiv.

"Wenn mitten in der Nacht oben niemand mehr aufmacht, klingeln die Gäste an jeder Wohnungstür. An Schlaf ist da nicht mehr zu denken", sagt die 66-Jährige. Die Gäste aus dem dritten Stock würden auch zur nachtschlafener Zeit regelmäßig für alkoholischen Nachschub sorgen. Im Treppenhaus stießen sie betrunken gegen die Wohnungstüren, das Klirren von Flaschen sei zu hören.

Tiefpunkt waren zwei Vorfälle im September und Oktober. "Da haben sie einen mit dem Zinksarg aus der Wohnung über uns getragen", sagt Puzicha. Ihr Lebensgefährte Hickl ergänzt: "Es ist grausam." Wenige Wochen zuvor war es im angrenzenden Nachbarhaus zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Auch dort kümmerten sich Notarzt und Polizei um einen Toten.

Hickls und Puzichas Schilderungen bestätigt ein weiterer Mieter. Er wohnt seit 1. August im Parterre, möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Ich habe mich gefragt: Was passiert hier?" Selbstverständlich habe er sich bei seinem Vermieter, der Stadtsiedlung, über die Zustände beschwert. Mit dürftigem Erfolg. Er habe den Eindruck, als würde man sich des Themas ungern annehmen. "Wir kommen uns vor wie Menschen fünfter Klasse."

Abmahnung

"Wir haben dem betreffenden Mieter bereits fristlos gekündigt", sagt Joachim Beuchert, Prokurist bei der Stadtsiedlung Heilbronn. Das Verhalten sei nicht tolerabel und unerträglich. "Es geht einfach nicht mehr." Man hätte den Mieter am liebsten schon längst vor die Türe gesetzt. "Wir müssen aber die Regeln einhalten", sagt Beuchert. Nach der Abmahnung sei die fristlose Kündigung gekommen. Man müsse dem Mieter jedoch eine Frist einräumen, innerhalb derer er die Wohnung freiwillig verlassen kann. "Danach können wir eine Räumungsklage erheben."

Nicht alle scheinen so im Bilde zu sein wie die Stadtsiedlung. Bereits Anfang September hatten Hickl und sein Nachbar das Ordnungsamt der Stadt Heilbronn über die Zustände informiert. Ein Mitarbeiter war kurz danach in der Christophstraße 43, erinnerte sich aber auf Anfrage dieser Zeitung nicht mehr daran. "Seine Angabe war falsch, das war keine Absicht", sagt Harald Wild, Sachgebietsleiter beim Ordnungsamt, über seinen Mitarbeiter.

Ahnungslosigkeit herrscht zunächst auch bei der Polizei Heilbronn. Dort bestätigt man zwar den unnatürlichen Tod eines Mannes in der Christophstraße 43. Doch auch auf mehrfaches Nachfragen ist der Polizei der Fall des zweiten Toten nicht bekannt. Bis man Tage später den Toten im September zugibt. "Ein Erfassungsfehler", heißt es.

Kein Brennpunkt

Die Christophstraße erlangte in den 1980er Jahren Bekanntheit − auch über die Stadtgrenzen hinaus (siehe Infokasten). "Das war früher ein Brennpunkt allererster Sahne", sagt Beuchert. Mit den Zuständen von damals hätten die Krawalle aber nichts zu tun. Man habe zwar das eine oder andere Problem. "An sich ist es aber ein funktionierendes Gebiet."

So sieht es auch die Heilbronner Polizei. "Ich möchte es nicht als Problemviertel darstellen", sagt Sprecherin Yvonne Schmierer. Jedoch seien in Wohnungen rund um die Christophstraße auch sozial schwache Menschen untergebracht. "Es kommt zu vereinzelten Vorfällen, etwas Gravierendes war aber nicht dabei." Trotzdem werde das Quartier mit in die Streifentätigkeit aufgenommen. Die Ursache für den Tod der beiden Männer ist ungeklärt.

 

Hawaii-Viertel

Woher der Name Hawaii stammt, ist unklar. Das Quartier rund um Ellwanger Straße und Christophstraße galt lange Zeit als sozialer Brennpunkt. Ab den 1990er Jahren sanierte die Stadtsiedlung einen Großteil der Mehrfamilienhäuser. Damit begann die Aufwertung des Gebietes. 1994 kaufte der Heilbronner Kaffeeröster Hanspeter Hagen ein Gebäude in der Christophstraße und eröffnete ein Kaffeehaus, weitere Geschäfte in der Nachbarschaft folgten. Unweit dehnt sich der Bildungscampus mit Hochschulen aus. jükü