Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Heilbronn  Vor 50 Jahren feierte die Stadt den Wiederaufbau der Kilianskirche.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth
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Susanne Finkbeiner erinnert sich noch gut. "Früher kam man von der Windgasse her in die Kirche und hatte vom Paradies aus freie Sicht zum Hochaltar." Das Schiff der Kilianskirche war von einer durchgängigen Empore umfangen. Die Kanzel befand sich rechts an der zweiten Säule, weshalb die Sitzbänke in diese Richtung gedreht werden konnten. "Da haben wir in der Kinderkirche immer rumgeklappert", berichtet die 84-Jährige. In einer Mischung aus Wehmut und Freude blickt die langjährige Organistin, die später zur Mutter der Aufbaugilde avancierte, zurück auf die Aufbaujahre. "Nie hätten wir geglaubt, dass unsere Kilianskirche jemals wieder so schön werden würde wie vor der Zerstörung."

Zerstörung

Was heute vielen nicht mehr bewusst ist: Die Kirche fiel am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht auf einen Schlag, sondern in Etappen. Am 10. September 1944 brannte nach einem Luftangriff das Chordach aus, am 12. Oktober gingen durch eine Luftmine viele Chorfenster zu Bruch, am 4. Dezember schließlich wurde das Gotteshaus bis auf die Grundmauern zerstört − wie die komplette Altstadt.

Jahrelang war man mit der Räumung der Trümmer beschäftigt, so dass der eigentliche Wiederaufbau erst 1948 beginnen konnte. Architekt Hannes Mayer wollte auf die neogotischen Elemente, die erst in den 1880er installiert worden waren, weitgehend verzichten, so dass sich das Äußere der Kirche in seiner ursprünglichen Renaissancepracht darstellen sollte. Ab Mai 1954 konnte zumindest das Hauptschiff wieder für Gottesdienste genutzt werden.

Der Chorraum war damals komplett zugemauert, sodass ihr Sohn Johannes, inzwischen Vorsitzender des Kilianskirchengemeinderates, 1954 nicht am heutigen Taufbecken, sondern an einem Provisorium getauft wurde. Hinter der Mauer befand sich links eine Mesnerstube, rechts die Sakristei mit Ausgang zur Fleiner Straße. "Und um den ganzen Chor herum lagen lauter Trümmersteine, abgesperrt mit einem Bauzaun. Man wusste ja nicht, ob noch was runterfällt. Unvorstellbar."

Erst 1965 feierte Heilbronn die Wiedereinweihung der gesamten Kirche: und zwar am Sonntag, 28. November, dem 1. Advent, also vor 50 Jahren. Auch daran erinnert sich Susanne Finkbeiner noch gut. Kilianskirchenkantor Fritz Werner spielte die 1959 installierte Walcker-Orgel und dirigierte den Heinrich-Schütz-Chor − während die damals 34-jährige Zweite Organistin in der Nikolaikirche aushelfen musste und dadurch den feierlichen Gottesdienst mit Landesbischof Erich Eichele und Dekan Günther Siegel verpasste. Angeblich fanden 1500 Menschen in der Kirche Platz, heute dürfen es aus Sicherheitsgründen maximal 750 sein.

Bauhütte bis 1974

Doch mit dem Einweihungsgottesdienst waren die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen. Von 1964 bis 1967 arbeitete der Münchner Künstler Charles Crodel an seinem die ganze Kirche umfassenden Fensterwerk. Erst 1968 sollte der fast 500 Jahre alte Hochaltar von Hans Seyfer − Heilbronns größtes Kunstwerk − mit originalen Figuren und nachgeschnitztem Rahmen wieder installiert werden.

Bis 1968 wurde am Westturm gearbeitet, erst 1971 wurde die Turmvorhalle vollendet, bis 1972 der nördliche, 1973 der südliche Chorturm. Erst danach verschwand die Bauhütte am Kiliansplatz, fast 30 Jahre nach 1944.

 

 

 

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