Heilbronns ICE-Anbindung ist vorerst gekappt

Region  Heilbronn war stolz auf seinen ICE-Anschluss während der Bundesgartenschau. Tatsächlich fällt die Verbindung mit Stopp in Heilbronn aber häufig "kurzfristig" aus. Dahinter steckt ein Muster: Die Bahn spielt Blindekuh mit den Reisenden.

Von Christian Gleichauf
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Heilbronn war stolz auf seinen neuen, temporären ICE-Anschluss. Wenigstens während der Buga-Zeit sollte die Stadt so wirken, als wäre sie ein wichtiger Punkt im Liniennetzplan der Deutschen Bahn AG. Doch mit jedem Tag, an dem die Verbindungen kurzfristig gestrichen werden, wächst die Ernüchterung und die Wut der Fahrgäste.

Wie die Bahn mit Reisenden Blindekuh spielt

Wenige Minuten später kommt dann - wenig überraschend - die Info, dass der Zug ausfällt. Online war das schon längst eingeplant.

Mittwoch, 13 Uhr, Bahnsteig 2 auf dem Heilbronner Hauptbahnhof. Die Anzeigentafel zeigt den ICE 714 aus Stuttgart mit Ziel Köln, Abfahrt 14.10 Uhr. Keine Verspätung, also alles gut? Nein. Online auf www.bahn.de ist schon seit dem Morgen der Ausfall dieser Verbindung vermerkt. Übrigens so, wie an den vergangenen neun Tagen. Wer nun gehofft hatte, dass der Zug doch fährt, wird enttäuscht: Um 13.10 Uhr wechselt die Anzeige: "Zug fällt heute aus."

Wie man der Wahrheit näher kommt

Das Muster ist offenbar immer das gleiche: Bis zum Vortag wird der ICE über Heilbronn auch online jeweils als gültige Verbindung angegeben. Der einzige Hinweis darauf, dass er möglicherweise nicht fährt, erfolgt nur indirekt: Die Auswahl des Sparpreises ist nicht möglich. Reguläre Tickets lassen sich dagegen buchen, sogar die Sitzplatzreservierung wird angeboten. Die Bahn spielt so Blindekuh mit Pendlern und Reisenden. Je nachdem, wo man die Informationen abklopft, kommt man der Wahrheit näher oder auch nicht.

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Wie die Bahn mit Reisenden Blindekuh spielt

70 Minuten vor der geplanten Abfahrt wird der ICE 714 noch als gültige Verbindung im Bahnhof Heilbronn angezeigt.

Fotos: Mario Berger

 

Reisende informieren die Stimme

Das bleibt nicht verborgen. Mehrere Hinweise auf die Zugausfälle erreichten unsere Redaktion in der vergangenen Woche. So auch von Sonja L. aus Obersulm, die mit ihrem bahnbegeisterten Sohn in Heilbronn in den ICE steigen wollte. Sie hatte die Sitzplätze am Vortag noch reserviert, bis sie am Abfahrtstag plötzlich den Hinweis über ihre Bahn-App erhält, dass die Verbindung ausfällt. "Das ist schade, weil ja auch Werbung dafür gemacht wurde, dass Heilbronn wenigstens zur Buga den ICE-Halt bekommen hat."

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Unsere Redaktion fragte bereits am Freitag, 5. Juli, bei der Bahn-Pressestelle in Stuttgart nach, welche Ursache die Ausfälle haben, wie lange noch mit Ausfällen zu rechnen ist, wie mit dem ICE weiter geplant wird. Zuerst mündlich, dann auf ausdrücklichen Wunsch schriftlich. "Das geht dann schneller", erklärte die Bahn-Sprecherin. Nicht zum ersten Mal hat die Bahn-Pressestelle allerdings eigene Vorstellungen davon, was schnell bedeutet. Die Mail wurde jedenfalls innerhalb von vollen sechs Tagen weder beantwortet, noch gab es eine Info, warum die bis Montagnachmittag erbetene Antwort nicht möglich ist.

Der ICE rollte in Heilbronn ein. Foto: David Mülheims

Es gibt offenbar nicht genügend Fahrzeuge

Aktiver sind die Bahn-Zuständigen in den einschlägigen Internet-Foren. Dort schreibt ein Offizieller: "Hauptsächlicher Grund für den Ausfall ist die unzureichende Verfügbarkeit der ICE-3-Fahrzeuge. Leider ist auch in der nächsten Zeit noch mit dispositiven Zugausfällen zu rechnen. Ein Datum, ab wann sich die Situation entschärft, ist noch nicht absehbar."

In dem Forum kündigt er aber an, dass der ICE 715, der morgens von Köln über Heilbronn nach Stuttgart fährt, auch an diesem Donnerstag und Freitag nicht verkehren wird. Buchbar ist der Zug über bahn.de trotzdem - ohne Hinweis auf den offensichtlich vorhersehbaren Ausfall. Und auch die Nachmittagsverbindung steht weiterhin zur Verfügung, obwohl ein Klick auf Details des ICE 714 verrät: "bis 4. Okt 2019 Mo - Fr; nicht 11., 12. Jul". Also auch dieser Zug fährt an diesem Donnerstag und Freitag nicht.

In den Foren sind auch Hinweise zu finden, dass mehrere ICEs wegen der Hauptuntersuchungen nicht zum Einsatz kommen können. Dass neue Fahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert wurden. Dass angeblich trotzdem jeden Tag von neuem versucht wird, die Verbindung zu bedienen und am Vortag deshalb noch kein Ausfall vermerkt werden kann.

Keine transparente Unternehmenskommunikation 

Diese Informationspolitik des Konzerns ist ebenfalls Thema in den Foren. Ein anonymer Nutzer schreibt am Mittwochnachmittag: "Vielleicht machen Sie sich auch nur ein Späßchen daraus, die hier fragenden Kunden noch etwas mehr aufzumischen." Er empfehle dringend, die "deeskalierende Wirkung von transparenter und unmittelbarer Information" zu bedenken.

Trotz der Enttäuschung würde Sonja L. gerne nochmals versuchen, in Heilbronn in den ICE zu steigen. "Aber ob er überhaupt noch einmal fährt, das weiß man ja nicht." Immerhin: Ab Sonntag, 21. Juli, gibt es wieder Sparpreise für die Nachmittagsverbindung. Das könnte ja mal ein Hinweis in diesem Blindekuh-Spiel sein: Es wird "warm".


OB Mergel ist entsetzt

Über die Ausfälle wurde auch die Stadt Heilbronn von der Bahn nicht informiert. Nachdem Oberbürgermeister Harry Mergel durch die Anfrage unserer Redaktion auf den Sachverhalt aufmerksam gemacht und dieser erst dann von der Bahn bestätigt wurde, machte er seinen Unmut an diesem Donnerstagnachmittag in einem Brief an den Konzernbevollmächtigten für Baden-Württemberg, Thorsten Krenz, deutlich.

„Dass nun kein ICE mehr fährt, wohl aufgrund fehlender ICE-3-Züge, spottet jeder Beschreibung“, teilt der OB mit. Das sei auch für die Stadt „äußerst peinlich“. Das alles - inklusive der „kläglichen Kommunikationspolitik - passe aber in das Bild, das die Deutsche Bahn nun schon seit Jahren abgebe.

Die Bahn teilte der Stadt inzwischen auch mit, dass „eventuell die ICE-Zugverbindung über Heilbronn ersatzlos aus dem Fahrplan gestrichen werden soll“. Dies sei nicht akzeptabel, erklärte Mergel.

Update von Freitag, 12. Juli: Als Reaktion auf Mergels Brief hat die Bahn an diesem Freitag eine schnelle Lösung zugesagt. Kommende Woche soll der ICE wieder über Heilbronn fahren. Weitere Fragen unserer Redaktion blieben allerdings unbeantwortet.


Ein Brief unseres Autors an die Bahn

Liebe Bahn-Verantwortliche,

an dieser Stelle einen Kommentar zu schreiben, wie leichtfertig ein Unternehmen das Vertrauen der eigenen Kundschaft aufs Spiel setzt und welche negativen Begleiterscheinungen so etwas über den Tag hinaus haben dürfte, kann man sich getrost sparen. Denn zum einen haben sich Pendler und andere Zugreisende schon so oft über Sie geärgert, dass auch dieses ICE-Fiasko nur in das Bild passt, das sich der Großteil der Bevölkerung längst von Ihrem Konzern gemacht hat. Zum anderen sind alle sprachlichen Bilder wie "Zug abgefahren",. "Entgleist" oder "Bahn am Zug" so abgedroschen, dass es nur lächerlich wird. Dass von Ihren Entscheidungen Menschen betroffen sind, die für ihren Alltag Planungssicherheit brauchen, ist Ihnen ohnehin egal.

Daher gilt es, Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich ganz viel Geld einfach sparen können. Die Millionen für Werbung und Marketing an erster Stelle. Die Anzeigen dienen in der Regel nur dazu, sich über die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit in den sozialen Medien lustig zu machen. Auch Ihre Pressestellen sind leider nur Kostenstellen. 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr stehen die nach eigener Aussage für Anfragen bereit. Das ist richtig. Fragen darf man immer. Bloß: Sie antworten nicht. Jedenfalls scheint das nicht der Auftrag dieser Mitarbeiter zu sein, die einem leid tun können.

Mit dem Geld lässt sich sicher noch der eine oder andere Zug kaufen. Und vielleicht wären funktionierende Verbindungen eine viel bessere Werbung als die unzähligen YouTube-Spots, mit denen nur die großen Agenturen irgendwelche Preise abräumen wollen.

Ach, und eins noch: Wenn ein Zug dann trotzdem mal ausfällt, dann hilft es immer, die potenziellen Kunden möglichst früh zu informieren. Aber solche Tipps können Sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr hören. Machen Sie einfach weiter Ihr Ding.

Freundlichst

Ihr

Christian Gleichauf

 


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