Musical über Open-Air-Festival Woodstock auf der Buga

Heilbronn  Sehnsucht nach Woodstock: Rund 5000 Fans feiern 50 Jahre nach dem legendären Festival am Freitag auf der Sparkassenbühne „Woodstock the Story – Das Rock Musical“. Eine zweite Vorstellung gibt es am Samstag.

Von Leonore Welzin

Besser hätte die Buga das Event „Woodstock the Story – Das Rock Musical“ nicht terminie­ren können als am 16. und 17. August: Genau vor 50 Jahren, vom 15. bis 17. August 1969, fand das legendäre Musikfestival statt.  Veranstaltungsort waren die Weidefelder eines Milchbauern, eine große Mulde in White Lake nahe der Kleinstadt Bethel im Bundesstaat New York, etwa 70 Kilometer südwestlich vom namensgebenden und ursprünglich für das Open-Air angedach­te Woodstock.

„Three Days of Peace and Music" („Drei Tage Frieden und Musik“) lautete der Slogan der Veranstalter. Das Festival, das zum Meilenstein einer Generation wurde, kulminierte am Morgen des 18. Augusts im Auftritt von Jimi Hendrix, der mit seinem „Star-Spangled Banner“ die amerikanische Nationalhymne dekonstruiert, mit scharfen, schroffen, oft auch schrillen Rückkopplungs-Effekten Kriegsgeräusche suggeriert und das rational unfassbar Zerstörerische des Vietnamkriegs kommentiert.

>>> Auch interessant: Woodstock prägte in Heilbronn die Friedensbewegung

Erwartet worden waren damals zunächst 20.000 Besucher. Doch der Kartenverkauf ging durch die Decke. Es kamen schließlich über 400.000 junge Menschen mit Kind und Kegel, Sack und Pack! Sich dieser Friedensdemonstration anzuschließen, war das Gebot der Stunde. Allerdings waren die Organisatoren dem Ansturm der Massen nicht gewachsen. Sie mussten nicht nur ihre Eintrittspreise opfern, sie verloren auch den Überblick über Versorgung, Hygiene und Verkehrsführung rund um das Gelände. Wegen Staus auf Zufahrtsstraßen mussten die Künstler, 32 Bands und Solisten, zum Teil mit Hubschraubern eingeflogen werden.

Freie Liebe, viel Marihuana und LSD - Woodstock gilt als letztes Aufbäumen der Hippie-Kultur in den Sechzigerjahren. Dass es im Chaos dieses Festivals friedlich blieb, ist ein Glücksfall der Pop-Geschichte. Zur Legen­den­bildung führten neben Besucherrekord und misslichen Rahmenbedingungen die Auftritte von Künstlern wie Janis Joplin, Jimi Hendrix und Joan Baez. Damals noch unbekannt, wurde Woodstock für Santana und Joe Cocker zum Karriere-Sprungbrett. Warum erschienen die Beatles, die Stones und Led Zeppelin nicht? Auch darum ranken sich Spekulationen.

Sehnsucht der Sechzigergeneration

Ein Ereignis, wie geschaffen, um es wieder aufleben zu lassen. Besser organisiert, verspricht das Remake ein Marketing-Erfolg zu werden, zumal die Sehnsucht der mittlerweile ergrauten Sechzigergeneration nach Woodstock geblieben ist. Einige haben sich sogar ins Hippie-Häs (wie man hier fürs Kostüm sagt) geschmissen und die zur Minderheit geschrumpfte Rauchergemeinde freut sich in alten Doku-Filmfragmenten, ihr heute geschmähtes Laster als lustgewinnbringende Rauchdroge wieder zu finden.

Bemüht, den realen Umständen nahe zu kommen, hat die niederländische Produktion kein Glitzer-Event auf die Bühne gestellt, bei dem im Minutentakt die Highlights der Pop-Ikonen abgespult werden. Vielmehr werden Auftritte von Joe Cocker („Feelin' alright“, „With a little help from my friends“), Santana („Soul Sacrifice“/ „Persuasion“) und The Who („Pinball Wizard“) gut dosiert in Szene gesetzt. Klasse ist Thomas Meeuwis als Vokalist, Gitarrist und Frontman von The Who. Etwas schwach fällt das Remake von „Star-Spangled Banner“ und „Purple Haze“ aus (vor allem im Vergleich zur Präsentation von Randy Hansen tags zuvor auf der gleichen Bühne). Stark dagegen sind Stimme und Performance von Muriel te Loo als Janis Joplin mit „Mercedes Benz“ und „Take a little piece of my heart“.

Textzeilen zum Mitsingen

Insgesamt ist es eine Art inszenierter Erzählung (neudeutsch: re-enactment), die nicht chronologisch, aber entlang von Anekdoten, Doku-Filmfragmenten der Originalkünstler und eingeblendeten Textzeilen zum Mitsingen auch dem Woodstock-Neuling eksta­ti­sche Mo­men­te, le­gen­dä­re Songs und die über­schäu­men­de Stim­mung näher bringt. „What are we fighting for?“, fragte einst Country Joe McDonald in seinem „Vietnam-Song“.

In „Woodstock the Story“ geht es weniger ums politische Bewusstsein als um Hedonismus (Streben nach privatem Glück, Sinnenlust und -genuss). Laurens ten Den kalauert durch den Abend. Manche finden sein deutsch-englisch-niederländisches Kauderwelsch witzig. Er gibt dem Affen Futter, will heißen, er wirft Plastikfetzen (gegen den Regen damals) und Pindakaas-Brotje (Erdnussbrötchen gegen den Hunger) in die Menge. Billige Schenkelklopfer versucht er mit einem Nietzsche-Zitat wettzumachen: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ „Johnny B. Goode“ und „Dance to the Music“ sind Treibstoff fürs Finale, eine blumig-heiter-bunte Tanzparty für alle. Wer wollte, konnte auf der Sparkassenbühne mitswingen.

>>> Weiterlesen: Den Geist von Woodstock auf die Buga-Bühne tragen


Geldregen oder Finanz-Desaster?

Pacht, Bühne, Werbung, Beleuchtung, Künstler-Gagen und Löhne für die 1000 Mitarbeiter - ein Festival wie Woodstock auf die Beine zu stellen, kostet Aufwand und viel Geld: Woodstock hat den Veranstalter 2,7 Millionen US-Dollar gekostet. Das Drei-Tagesticket gab es damals für 24 US-Dollar. 

Knapp eine halbe Millionen Menschen waren dabei. Rein rechnerisch hätte man das Vierfache der Ausgaben verdienen müssen. Doch durch die Masse an Menschen war es unkontrol­lierbar, ob jemand ein Eintrittsticket hatte oder nicht. Hinzu kamen Helikopter-Einsätze. Am Ende machten die Veranstalter einen Verlust von 1,2 Millionen US- Dollar. Langfristig wurde das Festival durch Veröffentlichungen wie die große Woodstock-Doku, die ein Jahr später erschien, und durch zahlreiche Musikauskopplungen aber doch noch ein finanzieller Erfolg. 


Kommentar hinzufügen