Heilbronn sichert Genpool alter Apfelsorten dauerhaft

Heilbronn  Es ist ein Forschungsobjekt, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geriet. Nun werden zahlreiche gut dokumentierten Obstbäume nach der Buga auf eine Streuobstwiese umgesiedelt.

Heilbronn sichert Genpool alter Apfelsorten dauerhaft

Jürgen Gunkel (von rechts) und Jürgen Hetzler mit zwei Exemplaren alter Apfelsorten. Oliver Toellner hat ein Exemplar aus dem 3D-Drucker dabei.

Foto: Christian Gleichauf

Der älteste Apfel Mitteleuropas wurde 1938 in Böckingen gefunden. Ganz so alt sind die Sorten, die auf der Buga zu finden sind, nicht - aber teilweise doch Hunderte Jahre. Und damit entstand hier nicht nur ein "kontemplativer Ort", ein "Wandelgang", wie Buga-Chefplaner Oliver Toellner sagt, sondern auch ein Gartenlabor und ein Genpool für künftige Neuzüchtungen.

Der katastrophale Hagel von 1897 radierte viele alte Obstsorten aus

Dabei erweist sich Dr. Jürgen Hetzler vom Grünflächenamt als wahrer Apfelexperte. Er lernte bei der Konzeption der Station "Genetische Schätze" aber auch dazu. "Wir dachten zum Beispiel, dass der Frankenbacher Dauerapfel viel älter ist. Tatsächlich stammt er von ungefähr 1900." Heraus kam das bei Gesprächen mit alten Streuobstwiesenbesitzern, die vom verheerenden Hagel von 1897 berichteten, der sozusagen alle Obstbäume "erschlagen" hat. Als neue Sorte setzte sich damals der Frankenbacher Dauerapfel durch, der bis heute Jahr für Jahr gute Erträge bringt.

Biologie kümmert sich nicht mehr um Äpfel

Solche Geschichten sind Grundlage für die Dokumentationen, die für alle 38 ausgestellten Obstsorten aus Baden-Württemberg erstellt wurden. Ein Wissen, das sonst vielleicht verloren gegangen wäre. Denn leider, so beklagt Hetzler, interessiert sich in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg kaum noch jemand in der Biologie für alte Apfel- und Obstsorten. "Anders als in den USA und vor allem in China, die geben da den Takt vor."

Unter Glas finden sich auf der Ausstellungsfläche im Inzwischenland auch Ausstellungsstücke, denen die Sonne in den vergangenen Monaten nur etwas die Farbe genommen hat. Das Anschauungsmaterial stammt aus dem 3D-Drucker. Ein solch makelloses Plastikexemplar, das Hetzler dabei hat, ist der "Pink Lady" - ein sogenannter Club-Apfel, für dessen Anbau Lizenzgebühren fällig sind, und der von Laien gar nicht erfolgreich angebaut werden kann.

Stadt betreut zahlreiche Streuobstwiesen

Die 24 Apfel-, zehn Birnen-, zwei Zwetschgen- und zwei Kirschsorten sollen nach dem Ende der Buga einen neuen Platz auf einer Streuobstwiese der Stadt Heilbronn finden. Schon jetzt betreut das Grünflächenamt rund 3000 Obstbäume. Und wie es sich gehört, landen zahlreiche Äpfel in den Mostpressen.

Saftproduzent Jürgen Gunkel aus Heilbronn lebt vom Ertrag solcher Streuobstwiesen. "Seit Jahren weiß man, dass Äpfel ein großes Gesundheitspotenzial haben. Das liegt an den sekundären Pflanzenstoffen." Die gebe es aber vor allem in den alten Sorten und weniger in den hochgezüchteten Äpfeln, die man heute üblicherweise im Supermarkt zu kaufen bekomme.

Und zum Schluss ein Gedicht

"Wir haben auch einige Sortenreine Säfte im Angebot", sagt Gunkel. Doch das sei eine Nische. Interessanter seien die Mischungen, die entweder "geschmacksoptimiert oder inhaltsoptimiert" seien. Entscheidend sei: "Es muss schmecken." So wie die Goldparmäne. Hetzler ist überzeugt, dass dieser süße, mehr als 200 Jahre alte Apfel vom schwäbischen Dichter Ludwig Uhland einst besungen wurde. Und siehe da: Hetzler kann das Gedicht "Einkehr" sogar auswendig rezitieren.

 

 


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Stv. Leiter der Stadtkreis-Redaktion

Über den Raum Heilbronn in all seinen Facetten schreibt Christian Gleichauf seit dem Jahr 2000. Der gebürtige Südbadner kam damals als Volontär zur Heilbronner Stimme. Nach Stationen in der Wirtschaftsredaktion, im Service und im Landkreis steht jetzt die Stadt Heilbronn ganz oben auf der Agenda. 

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