Familienberater hält Eltern auf der Buga den Spiegel vor

Heilbronn  Erziehung hat etwas mit Leichtigkeit und Humor zu tun, sagt Jan-Uwe Rogge. Er weiß das aus eigener Erfahrung. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet der 72-Jährige als Familienberater, hat unzählige Mütter, Väter und Kinder kennengelernt - und dabei einiges erlebt.

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Erziehung gelingt mit Humor

Im Holzpavillon hat Jan-Uwe Rogge auf Einladung der AOK einen unterhaltsamen Vortrag zum Thema "Was jüngere Kinder brauchen" gehalten. Foto: Ralf Seidel

Am Freitag hat Rogge auf der Buga von seiner Arbeit erzählt und mit seinem komödiantischen Talent die Zuhörer im Holzpavillon begeistert. Die AOK hatte den Erziehungsexperten am Weltkindertag eingeladen, um darüber zu berichten, "was jüngere Kinder brauchen".

So wie er sich Erziehung wünscht, war auch sein Vortrag: Es wurde vor allem gelacht. Um den Eltern die Augen über ihr eigenes Verhalten zu öffnen, erzählte Rogge aus deren Alltag. Für die wahren Geschichten über "pädagogisch hyperaktive Mütter" und Väter, "die anders sind", erntete der Autor mehrerer Erziehungsratgeber schallendes Gelächter. Er hielt den Familien auf charmante Art einen Spiegel vor. Eltern lachten vielleicht nicht nur über seine Geschichten, sondern auch ein bisschen über sich selbst. "Kinder sind wunderbare Geschenke", sagte Rogge. "Man erkennt es nur nicht in jedem Augenblick."

Eltern sind auch nur Menschen

So manches Elternteil erkannte sich vermutlich wieder. Wenn der kleine Timi das spannende Wort "Arschgeige" aus dem Kindergarten mitbringt, wenn der Nachwuchs aktiver Eltern eine Schnecke ist, wenn Forderungen mit "Bitte" garniert werden, oder wenn Mütter ausflippen − alles ganz normal. Schließlich sind Eltern auch nur Menschen. "Du darfst durchdrehen", erklärte Rogge in der ihm eigenen Offenheit. "Seid so, wir ihr seid", riet den Eltern. Denn Kinder merken das sowieso.

Also besser ehrlich und vielleicht auch unkonventionell. Wenn das Kinderzimmer nicht aufgeräumt ist, muss der Gute-Nacht-Kuss eben von der Tür zugehaucht werden. Und wer nicht in Versuchung kommen möchte, die Kinder in die Schule zu fahren, sollte ein Glas Wein trinken, gerne auch morgens halb acht. "Kinder lernen aus Konsequenzen", betonte Rogge. Und sie wissen genau, dass Anweisungen "im Guten" noch lange nicht das Ende der Eskalationsstufen sind.

Eltern sollen ihre Kinder annehmen, wie sie sind

"Heute steckt doch hinter jedem Busch eine Mutter", sagte Rogge. Kinder bräuchten eine ungeheure Kraft, "um den Raum ihrer Kindheit zu verteidigen". Der Nachwuchs sei überbehütet und umgeben von "Wir-Romanen", jenen Müttern, die immer "Wir" sagen und Romane erzählen. Eltern sollten ihre Kinder annehmen, wie sie sind − "und nicht, wie man sie gerne hätte". Erziehung sei nun mal ergebnisoffen: "Du weißt nicht, was rauskommt." Dankbarkeit und Demut nannte der Familienberater deshalb als zentrale Punkte. Er plädierte dafür, Kinder auch mal bei den Großeltern abzugeben, für Abende zu zweit und für Humor.

Der gute, alte gemeinsame Strang, an dem alle ziehen, ist seine Sache nicht. "Kinder lieben die Unterschiedlichkeit von Erziehung", ist sich Rogge sicher. Der Nachwuchs könne sich nicht vorstellen, dass "das mit der Mutter alles ist". Sie lieben Väter, die auch mal Pizza bestellen. Und sie lieben Mütter, auch wenn die nicht immer gut drauf sind. "Kinder brauchen Eltern, die ein Stück weit gelassen sind." Denn eines sei doch klar, durch schwierige Phasen wie Trotzalter und Pubertät müssen alle durch. "Wenn du Kinder hast, wirst du stadtbekannt − die Frage ist nur wann."

 


Tanja Ochs

Tanja Ochs

Autorin

Tanja Ochs arbeitet seit 2000 bei der Heilbronner Stimme und hat lange als Lokalredakteurin für die Kraichgau Stimme geschrieben. Seit 2019 ist sie Teamleiterin im Bereich Familie, Kinder und Bildung. Außerdem kümmert sie sich als Vorsitzende des Vereins Menschen in Not um die Sozialaktion des Medienunternehmens.

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