Die selbstfahrende Paketbox auf der Buga Heilbronn

Heilbronn  Die Bundesgartenschau ist auch Reallabor: Wissenschaftsministerin Bauer gibt den Startschuss für das Experiment Buga-Log und weckt Hoffnungen, dass es auf dem Bildungscampus weitergeht.

Von Christian Gleichauf
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Die selbstfahrende Paketbox ab sofort auf Kurs Mensch

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer nimmt aus der selbstfahrenden Paketbox eine Lieferung entgegen. Mit dabei sind der Rektor der Hochschule Oliver Lenzen (v.r.) und Buga-Geschäftsführer Hanspeter Faas. Foto: Mario Berger

Für die baden-württembergische Wissenschaftsministerin war es ein Aha-Effekt. "Großartig, das überzeugt einen doch auf der Stelle", sagt Theresia Bauer gegen Ende der Live-Vorführung. Das Reallabor Buga-Log, mit dem Pakete im neuen Stadtteil Neckarbogen durch eine fahrerlose Paketbox selbstständig bis vors Haus gefahren werden, kann beginnen.

So funktioniert die Paketbox

Das Fahrzeug ist bereits jetzt einer der Hingucker auf dem Buga-Gelände. Auch wenn es ständig überwacht wird, sehen die Besucher vor allem eine ungewöhnliche Form, die langsam und fast lautlos über den Asphalt rollt. Im Innern werden sich künftig Pakete der Bewohner befinden, die nach einem Hinweis auf ihrem Handy zur Abholung auf die Straße kommen.

So wie die gesamte Gartenschau ein Experiment ist, wie Buga-Geschäftsführer Hanspeter Faas betont, so ist auch diese Paketzustellung der Zukunft ein Experiment. "Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden", zitiert Hochschul-Rektor Oliver Lenzen Goethe. "Und nun wenden wir an." In der Interaktion mit dem Menschen werde sich herausstellen, wie gut es funktioniert und wo es hakt.

 

 

Man macht es wie die Start-ups: Einfach raus ...

"Für das Projekt haben Informatiker, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler zusammengearbeitet", sagt Tobias Bernecker, Professor für Verkehrsbetriebswirtschaft und einer der Projektleiter. Ebenso seien juristische Aspekte zu berücksichtigen gewesen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für Theresia Bauer ebenso zukunftsweisend wie der Umstand, dass man hier früh nach draußen, quasi auf die Straße, gegangen ist.

"Man kennt diese Vorgehensweise von Start-ups, die ein Produkt auch nur zu 70 Prozent fertigmachen und dann den Rest am Markt entwickeln." Es sei wichtig, diesen Ansatz auch für die Forschung zu entdecken. "Hier verändert sich die Wissenschaft."

Die selbstfahrende Paketbox ab sofort auf Kurs Mensch

Übers Handy wird eine Lieferung angekündigt.

Fotos: Gleichauf

In diesem Fall sei es besonders interessant zu schauen, wie die Menschen reagieren, weil mit der künstlichen Intelligenz und dem autonomen Fahren auch Ängste verbunden seien. Gleichzeitig machten die Hochschulen mit dem Projekt und ihrem Auftritt auf der Buga Werbung für die zukunftsträchtigen Studiengänge: "Da muss man sich doch für Technik begeistern", so Bauer.

Zwei Brüder aus Bad Friedrichshall sind schon fasziniert

Wie sehr, das lässt sich schon wenige Minuten später beobachten. Der neunjährige Laurin steht vor der fahrenden Box und sagt zu seinen großen Bruder: "So etwas habe ich ja noch nie gesehen!" Beide sind fasziniert. "Das wird es in 20 Jahren dann auch mal bei uns geben", vermutet Laurin. Der zwölfjährige Tim schüttelt den Kopf. "Ich könnte mir vorstellen, dass das schon früher kommt." Das Interesse an Technik ist bei den Brüdern aus Bad Friedrichshall jedenfalls schon geweckt.

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Skelettscanner interpretieren die Bewegungen der Menschen

Die selbstfahrende Paketbox ab sofort auf Kurs Mensch

Skelettscanner erfassen Menschen und ihre Bewegungen und interpretieren die soziale Interaktion.

Foto: Gleichauf

Wie das Gefährt funktioniert, zeigt sich nebenan im Ausstellungsraum der Hochschulen. An einer Kopie der Paketbox erfassen die Sensoren, wer sich im Umfeld befindet. Wird eine Person erfasst, dann beginnt die Rechenarbeit im Hintergrund. Die Computer überlagern die Menschen mit einer Art Skelett.

So können die Bewegungen und indirekt auch die soziale Interaktion berechnet werden: Laufen vier Personen auf das Fahrzeug zu, würde das Fahrzeug erkennen, wenn jeweils zwei Personen miteinander sprechen. "Bleibt ein kleiner Zwischenraum zwischen den zwei Pärchen, würde das Fahrzeug langsam darauf zusteuern, so wie das ein Mensch auch machen würde", erklärt Zöllner. "In der Regel machen die Leute Platz."

Wenn nicht, hält das Fahrzeug an. Dafür sorgen Laserscanner, Kameras und Ultraschallscanner sowie der "Bumper" - ein rundumlaufender, weicher Stoßfänger, der bei Kontakt sofort den Halt auslöst.

Neues Reallabor Bildungscampus Heilbronn?

Für die Ministerin muss es nach der Buga weitergehen mit dem Thema. "Mein Interesse ist, das schnell auszuweiten." In anderen Teilen der Welt sei man hier weiter. "Es ist gut, dass wir die Menschen mitnehmen, aber wir müssen auch Tempo machen und neue Experimentierräume schaffen." Der Bildungscampus in Heilbronn sei prädestiniert, zu einem neuen Reallabor zu werden.

Bundesweit einmalig

Das Fahrzeug ist bereits auf dem Gelände unterwegs, allerdings nur zu Test- und Demonstrationszwecken. Innerhalb der nächsten zwei Wochen sollen die ersten Pakete mit der selbstfahrenden Post-Box an Bewohner des Neckarbogens ausgeliefert werden. 50 Interessenten gibt es für das System in dem neuen Stadtteil. Somit wäre derzeit jeder achte Bewohner dabei. Komplizierter als erwartet waren die formalen Hürden, damit die Paketdienstleister auch berechtigt sind, Pakete an diesem fahrbaren Ablageort bereitzustellen, erklärt Nicola Marsden, IT-Professorin an der Hochschule Heilbronn.

Bundesweit gibt es nach dem Wissen der Verantwortlichen kein vergleichbares Projekt. "Es ist jedenfalls das einzige fahrerlose Fahrzeug, das im Außenbereich in einem bewohnten Quartier unterwegs ist", sagt Professor Raoul Zöllner, der für die Mechanik und Elektronik des Projekts verantwortlich ist.

Gefördert wird das Projekt durch das Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg. Projektpartner bei Buga-Log sind unter anderem die Buga GmbH, die Stadt Heilbronn sowie das Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart. 

 

 

 

Auf unserer Webseite Buga aktuell finden Sie weitere Informationen über die Heilbronner Bundesgartenschau 2019 und Hintergrundberichte. Dazu gibt es 360-Grad-Rundgänge über das Gartenschau-Gelände und Vorher/Nachher-Aufnahmen von der Entstehung der Buga. 

>>Buga aktuell

 

 

 

 

 

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