Trotz Corona noch ein Stück Normalität in der City

Region  Andrang auf Wochenmärkten, ordentliche Frequenz in Innenstädten: Die Menschen kapseln sich nach harten Maßnahmen der Behörden nicht völlig ein – haben das Virus aber immer im Hinterkopf.

Email

Schulen werden geschlossen, reihenweise sind Veranstaltungen abgesagt, Volkshochschule oder Theater ordnen eine Auszeit an, Discos und Bäder werden geschlossen: Das Corona-Virus schränkt das öffentlichen Leben drastisch ein.

Ein Andrang wie an Weihnachten

Doch wer am Samstag in der Region durch Innenstädte lief, traf noch genug Menschen, die sich nicht zu Hause verschanzen. Tote Hose im Stadtzentrum von Neckarsulm? Von wegen. Gegen elf Uhr sind hier einige Passanten bei strahlendem Sonnenschein unterwegs, an den Marktständen bilden sich kleine Schlangen.

Auf dem Wochenmarkt in Neckarsulm: Großen Andrang erlebte Brigitte Laitenberger aus Bad Friedrichshall am Obst- und Gemüsestand. Mit frischem Gemüse, aber auch mit viel Kartoffeln und Zwiebeln deckten sich die Kunden dort ein. Foto: Carsten Friese

„Der Andrang ist heute stärker als sonst, fast wie an Weihnachten“, berichtet Brigitte Laitenberger am Obst- und Gemüsestand. Zwiebeln und Kartoffeln werde viel gekauft, aber auch andere Frischware. Wie sie mit der Situation umgeht? Man wasche sich öfter die Hände „und hofft auf das Beste“.

„Man kann sich doch nicht eingraben“

In der Sonne unterhalten sich Gerhard Ebele (82) und Günter Bauer (84). „Man kann sich doch nicht zu Hause eingraben“, findet Bauer. „Das Leben geht weiter“, sagt Ebele, und man hoffe eben, dass man verschont bleibt. Händeschütteln macht er nicht mehr, auch nicht bei Bekannten. Und in den Besen geht er jetzt nicht mehr so. Aber alles aufgeben? Das wollen sie nicht. „Raus an die frische Luft“ ist auch für Hedwig Ebele (80) weiter ein Muss.

Manch einer fühlt sich belogen 

Unzufrieden mit der Situation ist dagegen der Italiener Salvatore Stancanelli. Die ganzen Maßnahmen der Regierung kämen viel zu spät, findet er. Er hat das Gefühl, man werde beim Thema Coronavirus belogen. Mit Sorge blickt er auf seine Heimat Italien, wo die Menschen nur noch mit Genehmigung vor die Tür gehen dürften und wo das Militär im Einsatz sei.

„Ruhe bewahren“ 

Szenenwechsel, Heilbronn um die Mittagszeit: Der Wochenmarkt ist gut besucht. Vor dem Rathaus steht eine Gruppe Studenten, die noch eine der letzten öffentlichen Stadtführungen gebucht hat. „Man darf sich von der ganzen Sache nicht verrückt machen lassen“, findet Organisator Steffen Münzenberg (23). Die Menschen hätten schon schlimmere Krisen wie die Spanische Grippe überstanden. „Ruhe bewahren“ ist für den Aachener Falko wichtig. Wenn man Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts befolgt, könne man weiter normal leben. Alles andere würde nur zu Panik führen. Man müsse zusehen, „dass unsere Gesellschaft funktioniert“.

Stadtführerin Edith Süßenbach auf einer der letzten öffentlichen Stadtführungen durch Heilbronn mit einer Studentengruppe. Ab jetzt werden auch die Führungen ausgesetzt. Auf dem Bild zu sehen sind die Studenten Vanessa Zhang, Steffen Münzenberg und Jan Peylo. Foto: Carsten Friese

Stammkunden kommen weiterhin in schwäbische Snack-Bar

In der kleinen Snack-Bar „Michels Küche“ in der Hafenmarktpassage sind vier Tische besetzt. „Es läuft ganz normal, wir haben zu 90 Prozent Stammkunden. Wir merken hier noch nichts, toi, toi, toi“, sagt Angélique Allmis. An einem Tisch sitzt ein Paar ganz entspannt vor einem Bier und einem Weißwein. Eine ganz normale Szene – in Zeiten von Corona aber doch irgendwie besonders. „Es wird positiv gedacht. Wir werden nur aufgehetzt“, findet Hans Müller. Der Wein schmecke so gut wie vor der Corona-Zeit, bestätigt Mira Kunz.

 „Es gibt keine Hysterie“

Auf dem Wochenmarkt ein paar Meter weiter berichtet Ulrich Fritz am Obst- und Gemüsestand Häußermann-Fritz, dass der Kundenbesuch stark sei. „Es ist richtig gut heute.“ Kunden kämen wegen der Frischware – und weil sie wüssten, dass man hier die Ware nicht anfassen darf. Die Menschen seien normal, sagt Fritz. „Es gibt keine Hysterie.“

Noch schnell schöne Schuhe kaufen 

Am frühen Nachmittag ist die Fußgängerzone belebt. Kein Riesen-Andrang, aber eine ständige Frequenz. Im Osiander, Kaufhof, Müller-Markt kaufen Kunden ein. Im Schuhhaus Kaufmann ist Mitarbeiterin Silke Heber „positiv überrascht“, dass am Nachmittag doch „so viel los ist“. Am Morgen sei es für einen Samstag „schon ruhig“ gewesen. Einige Kunden hätten gesagt, sie wollten noch schöne Schuhe kaufen, weil man nicht wisse, was in den nächsten Tagen noch kommt.

Stadtvisite mit Verwandten aus dem Norden

Am Marra-Haus schleckt eine Gruppe Erwachsener und Kinder genüsslich Eis. Der Nordheimer Alfred Frank hat Besuch aus Niedersachsen: Familientreffen. Das Buga-Gelände hat er den Verwandten gezeigt. Das Corona-Virus beschäftigt auch sie. Den empfohlenen Abstand einzuhalten, fordert einer beim Gespräch ein. „Wenn wir nur in der Gruppe unterwegs sind, dann sind wir sicherer“, findet Christiane Schwarz. Sonst habe sie in ihrer Bäckerei mit 500 Kunden am Tag Kontakt. Sie sind alle mit dem Auto gekommen, bewusst nicht mit der Bahn. Und dass in Heilbronns Innenstadt heute doch einiges los ist, empfindet Christiane Schwarz als „schönes Gefühl von Normalität“.

Eine Gruppe aus Niedersachsen ist bei einem Nordheimer zu Besuch. Am Marra-Haus isst sie genüsslich Eis. Foto: Mario Berger

Frische Luft beim Schaukeln 

Auch der Spielplatz im Pfühlpark ist belebt. Gut 50 Eltern und Kinder sind hier gegen 15 Uhr. „Wir nehmen Corona schon ernst. Aber mit Kindern nur zu Hause zu bleiben, ist schwierig“, sagt Pascal Wieldt. Tochter Alfina (2) schaukelt gerade. In große Menschenansammlungen gehen sie nicht mehr. Aber „an frischer Luft ist es was anderes“, findet Mutter Olga. „Panik“, sagt ihr Mann, „wäre die schlimmere Reaktion.“

 

 


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

Kommentar hinzufügen