Was wusste Winterkorn von den Manipulationen an den Dieselmotoren?

Braunschweig  Das Verfahren gegen Martin Winterkorn soll endlich Klarheit bringen: Fast fünf Jahre nach dem Auffliegen von Manipulationen an Dieselmotoren hat das Landgericht Braunschweig am Mittwoch die Betrugsanklage gegen den ehemaligen Chef des VW-Konzerns zugelassen.

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Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Foto: Archiv/dpa

Es gibt in der Automobil-Geschichte die großen Namen von Konstrukteuren und Designern. Oder jene Größen, die mit automobilem Sachverstand und einem untrüglichen Gespür für die Märkte automobile Entwicklungen beeinflussen und damit entscheidende Weichenstellungen bewirkt haben. Martin Winterkorn ist zweifelsohne so ein „Car Guy“, wie man umgangssprachlich oft von jenen Menschen spricht, die ihr Leben dem Automobil gewidmet haben. Er hat Audi auf Augenhöhe von BMW und Mercedes geführt, den Volkswagen-Konzern zum größten Autobauer der Welt geformt.

All das geriet aus den Fugen, als am 18. September 2015 der Dieselskandal enthüllt wurde. Kurze Zeit darauf trat der heute 73-Jährige zurück. Fast fünf Jahre später hat das Landgericht Braunschweig am Mittwoch die Betrugsanklage gegen den ehemaligen Chef des VW-Konzerns zugelassen. Wann der Prozess beginnt, ist offen.

Winterkorn schweigt seit Jahren

Gegen Winterkorn bestehe ein hinreichender Tatverdacht „wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs“, teilte das Gericht mit. Gegen vier weitere Angeklagte sieht die zuständige Kammer ebenfalls einen hinreichenden Tatverdacht wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in Tateinheit mit Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall sowie wegen weiterer Straftaten. Angeklagt wurde der Ingenieur aus Leonberg bereits im April 2019. 

In den USA liegt ein Haftbefehl gegen Winterkorn vor, Verkehrsminister Andreas Scheuer forderte in der Vergangenheit immer wieder mehr Aufklärungswillen ein. Und der Angeklagte? Schweigt seit Jahren eisern. Bereits im September 2016 nährten Ermittlungen der von Volkswagen beauftragten US-Kanzlei Jones Day den Verdacht, dass Wiko, wie sie ihn intern genannt haben, von den Manipulationen an den Dieselmotoren schon früh Kenntnis hatte, sie deckte beziehungsweise die Situation völlig falsch eingeschätzt hatte. Etliche seiner Vertrauten und Mitstreiter sind ebenfalls angeklagt: Ex-Audi-Chef Rupert Stadler oder ehemalige Vorstände wie Wolfgang Hatz, Stefan Knirsch oder Winterkorns langjähriger Top-Entwickler Ulrich Hackenberg.

Wer die Anklageschrift gegen Martin Winterkorn und die anderen Beschuldigten durchsieht, bleibt immer wieder an einer Stelle hängen. Die Angeschuldigten hätten in dem Bestreben gehandelt, dem Unternehmen möglichst hohe Verkaufszahlen zu verschaffen, heißt es da. Vom Gewinn hing letztlich auch das Einkommen der Beschuldigten ab.

Trotzdem soll offenbar vor allem Volkswagen als Firma vom Abgasbetrug profitiert haben, nicht die Manager persönlich. Die bis zu elf Millionen Euro, die Winterkorn als Boni in dem relevanten Zeitraum bekommen hatte, könnten daher nicht einfach eingezogen werden. Das heißt allerdings nicht, dass die Affäre für Winterkorn nicht doch noch teuer werden kann. Denn sollte er verurteilt werden, müsste VW seinen früheren Vorstandschef wohl auf Schadenersatz verklagen.

Eigentlich wollte Winterkorn immer alles wissen

Seit Bekanntwerden des Dieselskandals stellen sich Beobachter immer wieder die Frage, ob es wirklich sein kann, dass Winterkorn von nichts gewusst hatte. Begegnungen mit dem großgewachsenen Schwaben bleiben im Gedächtnis. Es konnte in der Vergangenheit schon einmal vorkommen, dass der ehemalige VW-Chef auf einer Automesse in irgendein Modell des Konzerns gesessen ist und auswendig wusste, wie sich das Spaltmaß an einer bestimmten Stelle im Vergleich zum Vorgänger verändert hat.

Ausgerechnet dieser Martin Winterkorn, der immer alles wissen wollte in dem Zwölf-Marken-Konzern, der jedes noch so kleine Detail im Kopf hatte – ausgerechnet er soll von den Manipulationen an den Dieselmotoren nichts mitbekommen haben? Intern wie extern fällt es den Menschen schwer, daran zu glauben. Die Frage soll nun das Landgericht Braunschweig klären.

Egal, wie der Prozess auch ausgehen mag: Kaum ein anderer deutscher Manager ist tiefer gefallen als Winterkorn. Er, der einst einer der wichtigsten Wirtschaftsbosse war. Der Qualitätsfanatiker dachte immer in Spaltmaßen, in Lackstärken, hörte darauf, wie satt eine Tür schließt. Oder eben nicht. Seine Liebe zum Auto und der Blick für jedes noch so kleine Detail hatten den Fußballfan über den Chefsessel von Audi an die Spitze des VW-Konzerns gebracht. Nun muss er auf die Anklagebank.

 


Zur Person

Martin Winterkorn wurde 1947 in Leonberg geboren. Nach einem Studium der Metallkunde und Metallphysik promovierte er 1977. Zuerst noch in der Forschung beim Autozulieferer Bosch tätig, wechselte er 1981 in die Qualitätssicherung zu Audi – als Vorstands-Assistent. 1990 wurde er Leiter der Qualitätssicherung. Danach wechselte er zur Konzernmutter VW, wo er es bis zum Entwicklungsvorstand brachte. Im März 2002 wurde er Audi-Vorstandschef, im Januar 2007 VW-Chef. Am 23. September 2015 trat er wegen des Dieselskandals zurück. 

 

Kommentar: Winterkorn muss vor Gericht

Von Jürgen Paul

Ein kurzer Blick in die Anklageschrift genügt, um den tiefen Fall des einst mächtigsten deutschen Managers deutlich zu machen. „Gewerbs- und bandenmäßigen Betrug“ wirft die Braunschweiger Staatsanwalt dem früheren Volkswagen-Chef Martin Winterkorn vor. Gestern hat das Braunschweiger Landgericht die Klage mit der Begründung zugelassen, es bestehe eine „überwiegende Verurteilungswahrscheinlichkeit“. Dem 73-jährigen Winterkorn droht somit eine Haftstrafe von ein bis zehn Jahren.

Knapp fünf Jahre nach dem Auffliegen des Abgasbetrugs bei Volkswagen zeigt sich: Die Mühlen der deutschen Justiz mahlen langsam, aber sie mahlen. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit, erst recht im wohl größten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Zulassung der Anklage gegen Winterkorn beweist, dass man eben nicht die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt, wie in der Bevölkerung häufig geargwöhnt wird.

Das heißt freilich nicht, dass Martin Winterkorn wirklich verurteilt wird. Bis zum Urteilsspruch gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung – wenngleich die Richter mit dem Hinweis auf die hohe Verurteilungswahrscheinlichkeit die Richtung vorgeben haben.

Es ist in der Tat kaum vorstellbar, dass ein Konzernchef, der berüchtigt war für seine sprichwörtliche Detailversessenheit und Kontrollwut nichts von einem Betrug dieses Ausmaßes gewusst haben will. Es spricht viel dafür, dass der frühere Chef des weltgrößten Autobauers der Meinung war, mit dem Abgasbetrug durchzukommen. Winterkorn wäre nicht der erste Manager, dem seine Hybris zum Verhängnis wird.


Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

Jürgen Paul

Jürgen Paul

Teamleiter Autorenteam Politik/Wirtschaft Regional

Jürgen Paul arbeitet seit 1998 bei der Heilbronner Stimme. Der gebürtige Pfälzer widmet sich der regionalen und überregionalen Wirtschaft, Schwerpunkte sind das Handwerk, die Bankenbranche, der Arbeitsmarkt und die Konjunktur.

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