Winterkorn: Der Mann, der immer jedes Detail kannte

Braunschweig  Die Anklage gegen Martin Winterkorn soll Licht ins Dunkel des Dieselskandals bringen.

Von Alexander Schnell

Der Mann, der immer jedes Detail kannte

Foto: dpa

Wer die Anklageschrift gegen Martin Winterkorn und die anderen Beschuldigten liest, bleibt immer wieder an einer Stelle hängen. Die Angeschuldigten hätten in dem Bestreben gehandelt, dem Unternehmen möglichst hohe Verkaufszahlen mit einem möglichst hohen Gewinn zu verschaffen, heißt es da.

Vom Erfolg des Unternehmens sei letztlich auch das Einkommen der Angeschuldigten abhängig gewesen. Denn neben einem Fixgehalt erhielten Manager gewinnabhängige Bonuszahlungen. Bei Winterkorn konnte das schon Mal in die Millionen gehen. Die unrechtmäßig erlangten Boni sollen den Beschuldigten wieder entzogen werden. Dabei handelt es sich nach Einschätzung der Ermittler um Beträge zwischen knapp 300.000 Euro bis hin zu knapp elf Millionen Euro.

Winterkorn nur noch selten beim FC Bayern

In der Öffentlichkeit sieht man Martin Winterkorn nur noch sehr selten. Ab und an verlässt der ehemalige VW-Chef seine Villa im noblen Münchner Stadtteil Bogenhausen. Der 71-Jährige läuft schwer, die Hüfte schmerzt schon lange. Nach ein paar Metern verschwindet er meist im Fond eines Audi A8 mit Ingolstädter Kennzeichen. Hin und wieder holt ihn ein Fahrer ab und bringt ihn zur Allianz-Arena, um den Spielern des FC Bayern München zuzuschauen. Doch auch die Besuche beim deutschen Fußball-Rekordmeister sind seltener geworden.

Meist sitzt Winterkorn wenn überhaupt nur beim Training und beobachtet das Geschehen mit großer Entfernung. Der großgewachsene Schwabe war einst der mächtigste Industrie-Boss Deutschlands. Dann kam der Dieselskandal.

Winterkorn soll früh von den Manipulationen gewusst haben

Wenige Tage nach den Enthüllungen trat der Leonberger im September 2015 zurück. "Ich mache den Weg frei für einen Neuanfang", hatte er damals gesagt − und seitdem stets betont, dass er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei. Bereits im September 2016 nährten aber Ermittlungen der von Volkswagen beauftragten US-Kanzlei Jones Day den Verdacht, dass Wiko, wie sie ihn intern genannt haben, von den Manipulationen an den Dieselmotoren schon früh Kenntnis hatte, sie deckte beziehungsweise die Situation völlig falsch eingeschätzt hatte. Letzteres halten aber Insider für völlig abwegig.

Begegnungen mit Martin Winterkorn bleiben im Gedächtnis. Es konnte in der Vergangenheit schon einmal vorkommen, dass der ehemalige VW-Chef auf einer Automesse in irgendein Modell des Konzerns gesessen ist und auswendig wusste, wie sich das Spaltmaß an einer bestimmten Stelle im Vergleich zum Vorgänger verändert hat. Ausgerechnet dieser Martin Winterkorn, der immer alles wissen wollte in dem Zwölf-Marken-Konzern, der jedes noch so kleine Detail im Kopf hatte − ausgerechnet er soll von den Manipulationen an den Dieselmotoren nichts mitbekommen haben? Intern wie extern fällt es den Menschen schwer, daran zu glauben.

Welche Fragen die Staatsanwaltschaft klären muss

Gefürchtet war sein Schadenstisch, an dem er mangelhafte Teile begutachtete − selbstredend im Beisein der Verantwortlichen. Von außen zu lauschen war dabei überflüssig: Oft sei er durch die geschlossene Tür zu hören gewesen, berichten viele, die nah an ihm dran waren. Ja, Martin Winterkorn konnte laut und ungemütlich werden.

Einige beschreiben die Art seiner Führung fast schon als diktatorisch. War es der enorme Druck von oben, der die Dieselentwickler zu den Manipulationen trieb, weil sie nicht mehr weiter wussten, wie sie die immer strengeren Abgasvorschriften auf legalem Weg einhalten sollten? War der Betrug von oberster Stelle angeordnet worden? Fragen, die nun die Staatsanwaltschaft Braunschweig endgültig zu klären versucht.

Neues von Ex-Audi-Chef Stadler

Unterdessen sorgt auch der entlassene Ex-Audi-Chef Rupert Stadler wieder für Schlagzeilen. Der 56-Jährige soll auf Hauptversammlung von Volkswagen am 14. Mai im Unterschied zu den anderen Mitgliedern des Konzernvorstandes für 2018 nicht entlastet werden. Das geht aus der Einladung zum nächsten VW-Aktionärstreffen in Berlin hervor.

"Aufsichtsrat und Vorstand schlagen vor, die Entlastung des im Geschäftsjahr 2018 amtierenden Mitglieds des Vorstands Herrn Rupert Stadler wegen der noch andauernden Untersuchungen zur Dieselthematik für das Geschäftsjahr 2018 zu vertagen und allen übrigen im Geschäftsjahr 2018 amtierenden Mitgliedern des Vorstands für das Geschäftsjahr 2018 die Entlastung zu erteilen", heißt es dazu wörtlich.


Aufpasser: Seit Ende Mai 2017 wachen Larry Thompson und sein mehr als 60-köpfiges Team im VW-Konzern darüber, dass sich so etwas wie in der Vergangenheit nicht wiederholt. Der 73-jährige Thompson, den die US-Justizbehörden dem Autobauer infolge des Dieselskandals als Kontrolleur zur Seite gestellt haben, ist Top-Jurist im Ruhestand. Von 2001 bis 2003 war er stellvertretender Generalstaatsanwalt − und damit zweithöchster Mann im US-Justizministerium. Thompson war es, der den Bilanzbetrug beim Energiekonzern Enron ans Licht gebracht hat.

 


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