Handelsketten wollen Nährwertkennzeichnung testen

Hamburg/Berlin (dpa)  Auf Lebensmittelpackungen soll leichter erkennbar sein, wie günstig Produkte für eine ausgewogene Ernährung sind. Doch was ist die beste Kennzeichnung? Aus dem Handel kommt ein Vorstoß für einen Test.

Von Erich Reimann und Sascha Meyer, dpa
Nährwert-Logo Nutri-Score
Der «Nutri-Score» auf einer Packung Joghurt: Edeka und Netto wollen den Verbrauchern einen Vorgeschmack auf die künftige Nährwertkennzeichnung bei Lebensmitteln geben.

Ein «gesünderer» Lebensmittel-Einkauf soll einfacher werden - mit einem neuen Logo für Zucker, Fett und Salz auf vielen Produkten.

Noch ist offen, welches Siegel die Bundesregierung zur freiwilligen Nutzung auf Packungen empfiehlt - dazu läuft gerade eine offizielle Verbraucherbefragung. Doch nun preschen der größte Lebensmittelhändler Edeka und seine Discount-Kette Netto vor und starten einen eigenen Praxistest mit drei ausgewählten Modellen in ihren Märkten. Nicht alle finden den Vorstoß sinnvoll.

In ihrem Test wollen Edeka und Netto ab Ende August je 16 Artikel ihrer Eigenmarken mit den drei Nährwert-Logos versehen, wie sie am Dienstag mitteilten. Die Kennzeichnung auf «besonders beliebten und verkaufsstarken Produkten» wie Tiefkühlpizza, Lasagne, Paprika-Chips oder Schokolade solle Verbrauchern die Chance geben, sich selbst ein Bild von unterschiedlichen Lösungen zu machen.

Der Probelauf solle zeigen, ob und wie die Kennzeichnung das Kaufverhalten beeinflusse, und bei der Entwicklung verbrauchernaher Lösungen helfen.

In den dreimonatigen Test kommen soll zum einen das aus Frankreich stammende System Nutri-Score. Es bezieht auch empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - auf einer Skala von einem grünen A bis zu einem roten E.

Dafür machen sich Verbraucherschützer und die SPD stark, erste Milchprodukte des Herstellers Danone damit sind auch schon im Handel zu kaufen. Getestet werden sollen außerdem zwei komplexere Modelle: eines mit blaugrün gefärbten Waben vom bundeseigenen Max-Rubner-Institut (MRI) und ein Vorschlag des Lebenmittelverbandes Deutschland mit fünf Torten-Diagrammen.

Der Wahlkampf um das künftige Logo nimmt damit weiter Fahrt auf - denn die Erkenntnisse könnten wieder neue Diskussionen anfachen. Das Ministerium verwies auf die «weitgehende, wissenschaftlich fundierte und unabhängige» eigene Befragung und betonte: «Allein diese Verbraucherforschung ist ausschlaggebend.»

Getestet werden darin nicht nur drei Modelle, sondern vier - noch das «Keyhole»-Logo aus Skandinavien mit einem weißen Schlüsselloch auf grünem Grund, das nur Produkte mit günstiger Nährwertbewertung bekommen können. Knifflig ist auch das Timing: Klöckner erwartet die Ergebnisse ihrer Befragung Ende September. Der Test von Edeka und Netto läuft dann noch weiter.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch, die für Nutri-Score wirbt, reagierte reserviert auf den Vorstoß der Händler: Es sei zwar schön, dass Edeka und Netto den Nutri-Score in die Supermarktregale bringen. «Erkenntnisse zur Auswirkung auf das Kaufverhalten lassen sich aber nicht gewinnen, indem willkürlich unterschiedliche Produkte mit unterschiedlichen Modellen kennzeichnet werden.»

Auch vom Rivalen Rewe kam Kritik an Edekas Plänen. «Wir sehen in parallelen, eingeschränkten und womöglich konkurrierenden Verbraucherbefragungen zum Thema Nährwertkennzeichnung keinen Vorteil für Kunden», betonte ein Sprecher. Rewe werde daher die Ergebnisse der Ministeriums-Befragung abwarten. Auch Aldi erklärte, man wolle dem laufenden Prozess in Deutschland nicht vorgreifen und hoffe auf schnellstmögliche Rechtssicherheit. Der Discounter Lidl bekräftigte seine Unterstützung für eine «branchenweit einheitliche, leicht verständliche Nährwertkennzeichnung».

Der Handelsexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf, sah in dem Schritt dennoch einen cleveren Schachzug der Edeka-Gruppe. «Sie präsentieren sich als Innovationstreiber. Die Eigenmarken wirken so zeitgemäß und gesundheitsbewusst. Gleichzeitig setzt der Schritt die Markenhersteller unter Druck. Er signalisiert: Wenn wir das können, solltet ihr das bitte auch schaffen.»


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