Früherer VW-Chef Ferdinand Piëch ist tot

Wolfsburg  Der langjährige VW-Vorstands- und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ist tot. Piëch starb im Alter von 82 Jahren. 1988 wurde er Chef von Audi. Später trieb Piëch gemeinsam mit Martin Winterkorn die Vision voran, VW zum größten und erfolgreichsten Autohersteller der Welt zu formen.

Von Alexander Schnell
Ferdinand Piech
Ferdinand Piëch, der langjährige VW-Vorstands- und Aufsichtsratschef, ist tot. Er starb im Alter von 82 Jahren. Foto: dpa

Wer sich Ferdinand Piëch an seinem Wohnsitz in den Bergen oberhalb von Salzburg nähern wollte, für den war ohne Termin vor einem schweren Eisentor Schluss. Auf dem Hof des verstorbenen Patriarchen des Volkswagen-Konzerns standen stets die neuesten Modelle der verschiedenen Marken, einige von ihnen noch nicht einmal im Handel.

Zwischen Bäumen windet sich eine kleine Straße weiter nach oben, dort steht das Haus im landestypischen Stil. Groß, aber nicht protzig. Was hinter den Mauern des gelben Gebäudes abläuft, bleibt der Außenwelt verborgen. Hier nahm manche technische Idee ihren Anfang, wegweisende Entscheidungen wurden getroffen. Piech lässt seine Frau Ursula zurück, eine der ganz wenigen Vertrauten.

Piëchs Karriere begann in Zuffenhausen
 
Die Leidenschaft für das Auto wurde Ferdinand Karl Piëch schon in die Wiege gelegt. Er ist der Enkel von Ferdinand Porsche, dem Konstrukteur des Käfers und dem Gründer des Sportwagenbauers Porsche. Unter der Regie seines Onkels Ferry Porsche begann der Maschinenbauer Ferdinand dann auch 1963 seine Karriere in Zuffenhausen. 1971 wurde er Technischer Geschäftsführer des Unternehmens, das damals weitgehend den Erben des Gründers gehörte – den Familien Porsche und Piëch. Die beschlossen allerdings bereits 1972, sich künftig aus der Unternehmensführung herauszuhalten, auch Ferdinand Piëch musste gehen.

Er heuerte bei der damaligen Audi NSU Auto Union AG an. Dort zeigten sich die herausragenden Fähigkeiten Piëchs richtig: als Konstrukteur, als technischer Visionär und als Mann mit einem sicheren Blick für besondere Talente. Der Weg führt nach ganz oben: 1988 wird er Chef von Audi, 1993 von VW. Als Aufsichtsratschef des VW-Konzerns zieht er auch später immer noch die entscheidenden Strippen.

Ferdinand und Ursula Piëch
1988 wurde Ferdinand Piëch Vorstandschef von Audi. Zu dieser Zeit besuchte er auch häufig den Audi-Standort in Neckarsulm, hier mit seiner Frau Ursula. Foto: Archiv/Veigel

Über Audi sagte er 2001: "Da herrscht Stillstand."
 
Mit kurzen, markigen Sätzen hat der Verstorbene in der Vergangenheit viele Karrieren beendet. In einem Zeitungsinterview über Audi sagte er 2001: „Da herrscht Stillstand.“ Kurze Zeit später war der damalige Vorstandschef Franz-Josef Paefgen Geschichte. Unvergessen bleibt der Abend des 11. Mai 2009. Auf Sardinien stellt VW an diesem Tag die neue Generation des Polo vor.

Für Schlagzeilen sorgt an diesem sonnigen Tag auf der italienischen Insel nicht der Kleinwagen, sondern Ferdinand Piech. Überraschend landet er mit Gattin Ursula und dem damaligen VW-Chef im Firmenjet auf dem Flughafen Olbia. Abends wird der Patriarch im Kaminzimmer des Hotels redselig. Nicht zufällig. Ferdinand Piechs Worte waren nie zufällig. Das Gespräch dreht sich um den damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Ob der denn Piechs Vertrauen genieße? „Zur Zeit noch. Das noch können sie streichen.“

Piëch und Winterkorn schienen unzertrennlich zu sein
 
Es ist der Beginn der Demontage von Wiedeking. Ein paar Wochen später sitzt er beim Festakt zum 100. Geburtstag von Audi nur in der zweiten Reihe. Am 24. Juli 2009 schließlich verabschiedet sich Wiedeking unter Tränen von der Belegschaft. Der Plan, VW mit riskanten Finanzgeschäften zu übernehmen, ist gescheitert. Bis heute ist nicht ganz geklärt, inwieweit Piëch selbst diesen Plan forciert hatte.

Den überraschendsten Satz spricht Ferdinand Piëch allerdings am 10. April: 2015 „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Die beiden scheinen in der Zeit davor unzertrennlich, in Perfektion und automobilem Sachverstand. Der Förderer und sein Zögling, der Aufsichtsratschef von VW und der Vorstandsvorsitzende von VW. Gemeinsam treiben sie die Vision voran, den Konzern aus Wolfsburg zum größten und erfolgreichsten Autohersteller der Welt zu formen.

Mitglieder der Familien Porsche und Piëch fanden nicht nur nette Worte 
 
Aber es war nun einmal so: Wenn es überhaupt jemanden gab auf der Welt, von dem Ferdinand Piëch zu 100 Prozent überzeugt war, dann war er das selbst. Er vertraute niemandem und stand stets nur so lange hinter Topmanagern im Volkswagen-Konzern, bis sie in seinen Augen versagt haben. Doch seinerzeit mit Winterkorn hatte sich Piëch an dem Feuer, das er selbst gelegt hatte, heftig verbrannt. Nicht Winterkorn musste seinen Posten räumen, sondern Piëch als Vorsitzender des Aufsichtsrats von Volkswagen.

Seine Frau Ursula trat zusammen mit ihrem Gatten ebenfalls von allen Posten in Aufsichtsräten des Konzerns noch im April 2015 zurück. Seit jener Zeit war es still geworden um den Verstorbenen. Öffentliche Auftritte mied er. Gerüchte um seinen Gesundheitszustand machten immer wieder die Runde. Die Mitglieder der Familien Porsche und Piëch, denen der VW-Konzern mehrheitlich gehört, fanden nicht nur nette Worte für den ehemaligen Patriarchen.
 
Ähnlich wie Ferdinand Porsche war Ferdinand Piëch ein Tüftler, der ohne Rücksicht auf die Kosten das bestmögliche Ergebnis erzielen wollte. Von den übrigen Familienmitgliedern hielt er wenig. "Ich bin ein Wildschwein, ihr seid Hausschweine", soll er ihnen auf einem Familientreffen 1970 an den Kopf geworfen haben, um klar zu machen, dass er kämpfe, während die anderen sich bedienen ließen.

 

 


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