Wissenschaft über Fridays for Future: Junge Leute haben Anspruch auf lebenswerte Zukunft

Deutschland  Weltweit gehen junge Menschen wieder auf die Straße und mahnen ein entschiedenes Handeln für mehr Klimaschutz an. In Berlin nimmt auch Greta Thunberg teil. Unterstützung finden die jungen Leute bei renommierten Wissenschaftlern.

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Scientists-for-Future-Mitgründer Volker Quaschning hält das Engagement von Fridays for Future für mit entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel. Der Wissenschaftler sagte unserer Redaktion: „Die Wissenschaft warnt bereits seit Jahrzehnten erfolglos vor den katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise. Der Fridays For Future Bewegung ist es gelungen, das Thema in das öffentliche Bewusstsein zu bringen und damit Handlungsdruck auf die Politik zu erzeugen. Ohne diese Entwicklung wäre inzwischen der Kampf gegen die Klimakrise vermutlich aussichtslos.”

Zu Maaßen (CDU): „Realitätsverweigerung offenbar auch bei Volksparteien“ 

Quaschning nahm auch Stellung zu Äußerungen des CDU-Politikers Hans-Georg Maaßen. Der Ex-Verfassungsschutzchef und CDU-Bundestagskandidat hat Umweltpolitiker als „Klimafanatiker” angegriffen. Quaschning: „Leider sind solche Aussagen nicht unbedingt neu. Wir sehen aber in Deutschland immer mehr wissenschaftsfeindliche Tendenzen und Menschen, die sich in parallele Fakten und Realitäten flüchten. Es ist sehr bedauerlich, dass diese Realitätsverweigerung offenbar auch bei den Volksparteien stattfindet.”

Bei einem gemeinsamen Auftritt mit dem aus der SPD ausgeschlossenen Ex-Politiker und Buchautor Thilo Sarrazin am Donnerstagabend in Suhl sagte Maaßen: „Wir hatten wiederholt in unserer Geschichte Fanatiker gehabt, die unsere Gesellschaft an den Rand des Ruins getrieben haben. Ich habe einfach die Angst, dass wir dieses Land wieder politischen Fanatikern - Klimafanatikern - überlassen.” Er traf diese Aussage im Zusammenhang mit seiner Kritik an dem möglichen Bau von Windrädern im Thüringer Wald.

Volker Quaschning: Totales Politikversagen beim Klimaschutz

Volker Quaschning sagte zur Notwendigkeit einer echten Wende beim Klimaschutz: „Wir haben in den letzten Jahren im Bereich des Klimaschutzes ein totales Politikversagen erlebt. Darum ist es jetzt enorm herausfordernd, überhaupt noch die nötigen Maßnahmen zum Einhalten des Pariser Klimaschutzabkommens zu realisieren. Die nächste Bundesregierung ist die letzte, die noch die nötigen Maßnahmen zum Erreichen des deutschen Beitrags zum Pariser Klimaschutzabkommen auf den Weg bringen kann. Gelingt das nicht, wird Deutschland im Hinblick auf internationale Klimaschutzmaßnahmen scheitern.” Der Wissenschaftler kritisierte: „Keine Partei im Deutschen Bundestag hat ein Wahlprogramm vorgelegt, mit der Deutschland seinen Beitrag zum Einhalten der 1,5-Grad-Grenze leisten kann. Bei den Wahlprogrammen von CDU/CSU und SPD ist nicht einmal ersichtlich, wie diese damit ihr eigenes Klimaschutzgesetz und damit die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts einhalten können. Darum ist entscheidend, dass die politischen Kräfte, die sich für mehr mehr Klimaschutz einsetzen, entscheidend gestärkt werden. ” Quaschning, gebürtiger Leonberger, ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin.

Artemis Alexiadou: „Echte Wende ist eine absolute Notwendigkeit“

Auch Scientists-for-Future-Mitglied Artemis Alexiadou hält den Einfluss von Fridays for Future für „sehr wichtig“. Die Professorin für Englische Linguistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und stellvertretende Direktorin des Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft würdigt den Beitrag der Jugendlichen als Motivation für die Gesamtgesellschaft. Sie erklärte gegenüber unserer Redaktion: „Die Bewegung hat sehr viele Leute über die Thematik sensibilisiert, klar und deutlich auf die wissenschaftliche Erkenntnisse hingewiesen und unterstrichen wie jede(r) von uns seinen Beitrag leisten kann. Eine „echte Wende beim Klimaschutz ist eine absolute Notwendigkeit, man sollte nicht länger warten“, so Alexiadou: „Dieser Sommer hat uns alle noch mal dramatisch daran erinnert, wie sehr unser Planet unter den Klimafolgen leidet.“ Über Friday for Future sagt die Wissenschaftlerin: „Die Bewegung fordert die Berücksichtigung wissenschaftlicher Fakten und konkrete Maßnahmen zur Vermeidung eine Klimakatastrophe. Das hat nichts mit Fanatismus zu tun.“

Jan Cermak: „Berechtigt und dringend notwendig“

Jan Cermak, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dort lehrend am Institut für Meteorologie und Klimaforschung, sagt ebenfalls: „Fridays for Future ist es gelungen, dem Thema Klimaschutz in Öffentlichkeit und Politik eine deutlich größere Aufmerksamkeit zu verschaffen.“ Der Bundestagswahlkampf der Parteien zeige, so Cermak, dass am Thema Klima inzwischen niemand mehr vorbeikomme. Er betont: „Die jungen Menschen auf der Straße haben Anspruch auf eine lebenswerte Zukunft. Ohne ernsthaften Klimaschutz laufen wir auf Bedingungen zu, die immer größere Schäden mit immer größeren Kosten nach sich ziehen werden. Dass Fridays for Future darauf hinweisen und die Politik zum Handeln auffordern, ist berechtigt und dringend notwendig.“

UN-Chef Guterres: Welt auf einem „katastrophalen Weg“

Vor der Klimakonferenz in Glasgow im November befindet sich die Welt nach Aussagen von UN-Chef António Guterres hinsichtlich der Erderwärmung auf einem „katastrophalen Weg“. Einem Bericht der zuständigen UN-Klimaagentur zufolge sei eine Erwärmung um 2,7 Grad absehbar. „Damit wird das vor sechs Jahren gemachte Versprechen gebrochen, das 1,5-Grad-Celsius-Ziel des Pariser Abkommens zu verfolgen“, sagte Guterres vor einigen Tagen in New York. „Die Nichterreichung dieses Ziels wird sich am massiven Verlust von Menschenleben und Existenzgrundlagen messen lassen."

Eis schmilzt rasant, Meere erwärmen sich

Zudem wurde jetzt der fünfte Bericht des Copernicus-Meeresumweltüberwachungsdienstes vorgestellt. Tenor: Den Weltmeeren geht es immer schlechter. Die Erwärmung der Weltmeere und das schmelzende Landeis führen demnach zu einem Anstieg des Meeresspiegels - im Mittelmeerraum um 2,5 Millimeter pro Jahr und weltweit bis zu 3,1 Millimeter. Die Erwärmung der Ozeane habe zudem zur Folge, dass Meeresbewohner in kühlere Gewässer abwandern oder die Bestände von Arten schrumpfen. Das arktische Meereis geht laut Bericht stetig zurück: Zwischen 1979 und 2020 habe die Arktis eine Eisfläche verloren, die etwa sechs Mal so groß wie Deutschland ist. Seit 1979 sei das Eis um 12,89 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen. Die Tiefststände wurden dabei in den vergangenen beiden Jahren verzeichnet. Der Report warnt: Wenn das arktische Meereis weiter schmelze, könne das zur regionalen Erwärmung, der Erosion der arktischen Küsten und zu einer Veränderungen der globalen Wettermuster beitragen.

Warnung vor den teuren Folgen des Klimawandels 

Klimaforscher Jan Cermak urteilt: „Nicht nur neuere Studien sind alarmierend - dass der Klimawandel eine massive Bedrohung unserer Lebensgrundlagen darstellt ist seit Jahrzehnten bekannt.“ Mit jedem Jahr „weiter so“ würden die Auswirkungen der Erderhitzung „schlimmer und teurer“. Cermak weiter: „Das Ziel, 1,5 Grad Erhitzung nicht zu übersteigen, können wir nur noch erreichen, wenn wir jetzt deutlich gegensteuern. Wie ernst es die nächste Bundesregierung den Klimaschutz nimmt ist also entscheidend für unsere Zukunft.“ Zu den Äußerungen Maaßen sagte Cermak: „Immer wieder wird versucht, Umweltpolitik zu diskreditieren. Klimaschutz ist aber eine naturwissenschaftliche Notwendigkeit und kommt letztlich der gesamten Gesellschaft zugute. Nicht zuletzt, indem er die Grundlagen der Wirtschaft von morgen erhält.“

Von Weizsäcker: Bewusstseinsänderung herbeigeführt

Viele Wissenschaftler beteiligen sich auch am neuerlichen Weltklimastreik und gehen mit auf die Straße. So auch Ernst Ulrich von Weizsäcker (82). Der Naturwissenschaftler, Gründungsdirektor des weltweit bekannten Wuppertal-Instituts und ehemalige Co-Präsident des Club of Rome, demonstriert gemeinsamen mit Jugendlichen in Freiburg. Von Weizsäcker sagte unserer Redaktion: „Die Fridays for Future Bewegung hat in Deutschland, in der EU, und an vielen anderen Orten eine Bewusstseinsänderung herbeigeführt. Großartig!” Er fügte hinzu. „Fridays for Future verlangt auch Klima-Außenpolitik und nicht bloß deutschen Kohleausstieg! Viele der heutigen Protestierer denken, es geht nur um Deutschland. Aber der deutsche Kohleausstieg und das deutsche Elektroauto ändern die weltweite Klimaänderung kaum. Wir müssen die Entwicklungsländer auf das Boot holen und sie dafür belohnen. Das ist der Budget-Ansatz der internationalen Klimapolitik.”


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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