Welthungerhilfe-Präsidentin: Corona ist zum Hungervirus mutiert

Berlin  Die Zahl der lebensbedrohlich hungernden Menschen auf der Welt ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Kriege, Klimawandel und Corona-Krise verschärfen die Not in vielen Ländern.  

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Südsudan: Eine Frau sammelt Hirse vom Boden auf, die in Säcken vom Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen über der Stadt Kandak abgeworfen wurden. Foto: dpa 

Die Hungersnöte sind wieder auf dem Vormarsch. Konflikte, Klimawandel und Pandemie gefährden die Versorgung von vielen hundert Millionen Menschen, hieß es auf der Jahrespressekonferenz der Welthungerhilfe in Berlin. Vor allem die Corona-Krise bedrohe Existenzen, erklärte Präsidentin Marlehn Thieme. „Corona ist zum Hungervirus mutiert“, treffe die Ärmsten und Schwächsten, sagte sie.

„2020 litten 155 Millionen Menschen in 55 Ländern unter lebensbedrohlichem Hunger“, erklärte Thieme. Das seien 20 Millionen Menschen mehr als 2019. Insgesamt hungern 690 Millionen Menschen, zwei Milliarden leiden an Mangelernährung.

Vor allem Frauen und Kinder sind betroffen

Im Zuge von Lockdowns komme es zu wirtschaftlicher Rezession und steigender Armut, Nahrungsmittel werden teurer, für viele ist eine ausgewogene Ernährung nicht mehr bezahlbar. Insbesondere Frauen und Kinder seien die Notleidenden. Thieme: „Mädchen werden noch früher verheiratet, viele Kinder kehren nicht in die Schulen zurück, weil sie Geld verdienen müssen. Der Klimawandel gefährdet in Afrika die Existenzen der Familien. In Madagaskar waren es Dürren und in Ostafrika haben Jahrhundertfluten Ackerland und Viehherden und damit die Lebensgrundlage der Kleinbauern und -Bäuerinnen zerstört. Die Menschen haben keinerlei Reserven mehr.“

Immer mehr Schulabbrecher und steigende Kinderarbeit

Eine Befragung in 25 Ländern des globalen Südens bestätigt dies: Menschen aus mehr als 16.000 Haushalten, die schon vorher zu den Benachteiligten gehörten, berichten über die Auswirkungen der Corona-Krise. Verschlechtert hat sich bei jeder dritten Person durch Mangel- und Fehlernährung der Gesundheitszustand und bei zwei von drei Kindern die Ausbildungssituation. Projektarbeiter berichten von immer mehr Schulabbrechern und steigender Kinderarbeit. In Uganda z. B. waren die Schultore rund ein Jahr lang geschlossen, nun steigen die Infektionen wieder, und die Schulen müssen erneut ihren Betrieb einstellen. Weltweit beläuft sich die Zahl der Mädchen und Jungen in Kinderarbeit auf etwa 160 Millionen. 

Zugleich nimmt die Armut in der Pandemie zu, nach Schätzungen der Weltbank hat sie 2020 rund 120 Millionen Menschen neu in Armut gestürzt - sie leben pro Kopf von maximal 1,90 Dollar (circa 1,60 Euro) am Tag. 

„Hunger wird als Waffe eingesetzt”

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, erläuterte: „Die wirtschaftliche Entwicklung ist durch die Lockdowns und Unterbrechung der Handelswege um Jahre zurückgeworfen und viele Familien haben sich hoch verschuldet. In vielen Ländern kämpfen die Menschen mit den Auswirkungen von verschiedenen, sich überlagernden Krisen und Hunger wird in Kriegsgebieten zunehmend als Waffe eingesetzt.“  Dass in diesen Ländern auch noch Impfstoffe fehlten und die Gesundheitssysteme an ihre Grenzen stießen, verschärfe die Situation dramatisch.

Fast in allen Ländern seien die Nahrungsmittelpreise gestiegen: In Nepal um 20 Prozent, im Irak um 40 Prozent, in Syrien, wo politische und wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen weiterhin fehlten, um etwa das Dreifache.  Auch in Afghanistan klettern die Preise. Corona verstärkt die Armut, der Klimawandel bringt Dürren und Sturzfluten und vertreibt Menschen. Die Spannungen zwischen Taliban und Regierungstruppen sind hoch. Gerade wurde der Nato-Abzug abgeschlossen, das könnte nun die Wirtschaftskrise verstärken, fürchtet Mogge, weil noch mehr besser bezahlte Jobs verloren gingen.

„Mutige und konsequente Klimapolitik“

Deutliche Worte fand Thieme zum Thema Klimawandel: „Die Folgen treffen diejenigen, die ihn am wenigsten verursacht haben.“ In den Projektländern der Welthungerhilfe treten Überschwemmungen, Dürren oder Stürme heute viel häufiger und mit großer Heftigkeit auf. Sie mahnte die Industrieländer, eine „mutige und konsequente Klimapolitik“ voranzutreiben, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken.

Nach Ansicht Thiemes ist es auch dringend nötig, das weltweite Ernährungssystem grundlegend zu reformieren, um bald zehn Milliarden Menschen gesund ernähren zu können, ohne zugleich Natur und Klima zu zerstören. Das heutige System sei „weder gerecht noch nachhaltig“, weil es beispielsweise die Kosten von Wasserverschwendung oder von Fehlernährung nicht berücksichtige. Generalsekretär Mogge hofft, dass die internationale UN-Konferenz zu Ernährungssystemen dazu im Herbst wichtige Impulse geben wird.

 

Welthungerhilfe 

Die 1962 gegründete Welthungerhilfe verzeichnete 2020 mit 69,6 Millionen Euro das dritthöchste Spendenergebnis ihrer Geschichte und konnte so rund 14,3 Millionen Menschen in 35 Ländern unterstützen.  Insgesamt standen der Welthungerhilfe 285,4 Millionen Euro für den Kampf gegen Hunger und Armut zur Verfügung. Die Spendeneinnahmen lagen bei 69,6 Millionen Euro. Die öffentlichen Geber stellten 213,2 Millionen Euro für die Projektarbeit bereit. Der Anteil der Bundesregierung betrug knapp 50 Prozent, der größte Einzelgeber davon war das BMZ mit 43,8 Millionen Euro. Südsudan, Sudan und Syrien/Türkei erhielten die höchste Projektförderung.


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Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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