Plötzlich ist das Thromboserisiko bei Einnahme der Antibabypille ein Thema

Gesundheit  Nachdem Impfungen gegen das Coronavirus mit dem Wirkstoff von Astrazeneca wegen einer möglichen Thrombosegefahr ausgesetzt worden sind, tauchte ein Thema verstärkt in den Sozialen Medien auf: das Thromboserisiko bei Einnahme der Antibabypille. Ein zulässiger Vergleich?

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Im Oktober 2020 hat das Aktionsbündnis Thrombose einen Aktionstag abgehalten: "60 Jahre Antibabypille", war das Thema einer Diskussionsrunde. Das Aktionsbündnis wollte darauf aufmerksam machen, dass Frauen besonders thrombosegefährdet sind - durch die Einnahme der Antibabypille und weiterer Faktoren. Thrombosen sind Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel. Auch auf der Seite einer Heilbronner Praxis für Gefäßchirurgie heißt es: "Bestimmte Erkrankungen, Medikamente und auch eine Schwangerschaft können zur Entstehung einer Thrombose beitragen." Einen größeren medialen Widerhall erzeugte der Aktionstag damals nicht, das zugehörige Youtube-Video mit Ausschnitten aus der Diskussion hat lediglich etwa 200 Aufrufe

Seit dieser Woche ist die mediale Aufmerksamkeit eine andere. Nach Impfungen gegen das Coronavirus waren Hirnvenenthrombosen aufgetreten. In bislang sieben Fällen in Deutschland "wurde in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca eine spezielle Form von schwerwiegenden Hirnvenenthrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen festgestellt", erklärte das Paul-Ehrlich-Institut, das sich um die Sicherheit von Arzneimitteln und Impfstoffen kümmert. Drei betroffene Personen sind nach Angaben des Instituts verstorben.

Etwa 1,6 Millionen Impfungen mit Astrazeneca hat es in Deutschland bislang gegeben, ehe Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag einen Impfstopp verhängte. Von verschiedenen Seiten wurde anschließend auf die geringe Fallzahl im Verhältnis zu den Geimpften und darauf hingewiesen, dass sich Frauen bei Einnahme der Antibabypille ebenfalls einem Thromboserisiko aussetzten - und zwar, nach allem, was man weiß, einem weitaus höheren. 

Doch ist das eine mit dem anderen überhaupt zu vergleichen?

"Das ist kein guter Vergleich", sagt der aktuell omnipräsente Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Deutschlandfunk. "Tatsächlich ist das ein anderes Risiko. Die Thrombosen, die es nach Einnahme der Pille gibt, die sind nicht in der Schwere vergleichbar mit den Thrombosen, über die wir hier sprechen." Weiter führt der SPD-Politiker aus: "Das ist von der Thrombose-Art schwerwiegender als das, was man bei den Thrombosen nach der Anti-Baby-Pille sieht. Von daher ist der Vergleich nicht hilfreich."

Weitere Experten weisen darauf hin, dass Thrombosen, von denen üblicherweise die Rede ist, hauptsächlich in den Beinen auftreten - und nicht im Gehirn, wie in den nun untersuchten Fällen. Hirnvenenthrombosen gelten als äußert selten. 

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Informationen über das Risiko

Das Paul-Ehrlich-Institut weist zudem darauf hin, dass das Risiko bei der Antibabypille Teil der Patienteninformation ist. Als verschreibungspflichtiges Medikament müsse der verordnende Arzt über das Risiko aufklären - zumindest der Theorie nach. Bei der Astrazeneca-Impfung besteht dieses Wissen aktuell nicht, sondern lediglich der Verdacht, der zum vorsorglichen Impfstopp führte. Ohne Klarheit können Impfwillige aber auch nicht entsprechend informiert werden. Es bedarf nun weiterer Informationen.

"Nach Gesamtbetrachtung und Erwägung der genannten Fakten hat das Paul-Ehrlich-Institut empfohlen, die Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca in Deutschland vorsorglich auszusetzen, um die Fälle weiter zu analysieren", so das Fazit des Instituts.

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Auch in Beipackzetteln der Antibabypille ist von der Thrombosegefahr übrigens die Rede. So heißt es im Beipackzettel eines gängigen Produkts: "Bei der Anwendung eines kombinierten hormonalen Kontrazeptivums ist Ihr Risiko für die Ausbildung eines Blutgerinnsels höher als wenn Sie keines anwenden. In seltenen Fällen kann ein Blutgerinnsel Blutgefäße verstopfen und schwerwiegende Probleme verursachen." Auch mögliche Symptome eines Blutgerinnsels (zum Beispiel Schwellungen an den Beinen) bis hin zu einer Lungenembolie (stechender Brustschmerz, unerklärliche Atemlosigkeit) tauchen darin auf. 

Das Aktionsbündnis Thrombose, das im vergangenen Herbst den Aktionstag organisiert hatte, möchte sich zur aktuellen Thematik derweil nicht äußern. "Aktuell kann die Fachgruppe dazu nichts sagen, bevor es keine weiterführenden Erkenntnisse der EMA gibt." Jene Europäische Arzneimittelbehörde will offenbar am Donnerstag bekanntgeben, ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Impfungen und Blutgerinnseln besteht. 


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Tobias Wieland

Tobias Wieland

Onlineredakteur

Tobias Wieland kümmert sich um die onlinespezifische Aufbereitung eigener und fremder Artikel auf Stimme.de. Er erstellt Zeitleisten, Listicles, Grafiken und mehr.

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