Migranten-Bundesverband: Sprachförderung spielend gestalten

Berlin  Der Migranten-Bundesverband NeMO spricht von großen Bildungsrückschlägen wegen der Corona-Pandemie und mahnt mehr Hilfen an. Monate der Pandemie haben das Bildungssystem extrem gefordert.  Die krisenbedingten Bildungslücken treffen besonders hart auch Kinder mit Einwanderungshintergrund. 

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Bildung und Lebensfreunde: Kinder bei einem Radioworkshop. Foto: NeMO

Vor allem geflüchtete Kinder, die noch keine gefestigten Sprachkenntnisse haben und in der Krisenzeit zu Hause vor allem ihre Muttersprache gesprochen und beim Homeschooling möglicherweise weniger Unterstützung und keine so gute digitale Ausstattung hatten, drohen den Anschluss in der Schule zu verlieren. Der Bundesverband von Migrantenorganisationen ( BV NeMO) ist besorgt und spricht von dramatischen Bildungsrückschlägen.  

Die stellv. Vorsitzende des in Berlin und Dortmund ansässigen Verbandes, Elizabeth Beloe, erklärt: „Corona hat die Ungleichheit drastisch verschärft. Die Kinder möchten die deutsche Sprache erlernen, aber unter den Bedingungen der Pandemie mangelt es an Praxis in der Schule, an Begegnungen mit Freunden und Lehrern.“

„Bildungsbezogene Risikolage”

Dass die Sorgen vor einer wachsenden Ungleichheit berechtigt sind, geht auch aus dem aktuellen nationalen Bildungsbericht der Bundesregierung hervor, der alle zwei Jahre Stand und Entwicklungsperspektiven im Bildungssystem untersucht. Eine zentrale Erkenntnis für 2020 lautet auch mit Blick auf die Pandemie: Die sogenannte „bildungsbezogene Risikolage“ ist auffallend häufig bei Kindern in Familien mit Migrationshintergrund und sozial schwächerem Status zu finden. Laut Bericht ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder gleichzeitig von sozialen, finanziellen und bildungsbezogenen Risikofaktoren betroffen sind, sogar vier Mal höher als bei anderen Schülern. Seit Vorlage des Bildungsberichtes sind weitere Monate der Einschränkungen hinzugekommen, an geregelten Präsenz-Schulunterricht und Kita-Betreuung war vielerorts nicht zu denken. 

Nun haben in den ersten Bundesländern die Sommerferien begonnen, und viele fragen sich: Werden die Aufholprogramme ausreichen? Wie wird sich Bildungsvermittlung verändern? Wird es nach den Ferien wieder einen Normalbetrieb geben? 

 

Ein Sommer und ein Winter der Bildung und Lebensfreude

Im Rahmen ihrer Möglichkeiten sind die in NeMO vereinten Verbünde und lokalen Mitgliedsvereine schon selbst tätig geworden, hatten 2020 zunächst in einigen Städten einen „Sommer der Bildung und Lebensfreude“ veranstaltet, im Rahmen des bundesweiten Projektes samo.fa – und Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Aktivitäten zusammengebracht. Beispielsweise wurde Schwimmen gelehrt. Ein „Winter der Lebensfreude“ folgte mit kulturellen, künstlerischen und sportlichen Aktivitäten. Viele Kurse fanden wegen Corona nur digital statt. Das Drehen von Videos oder virtuelle Reisen standen hier für die Lebensfreude. Beloe spricht von einem wichtigen, weil spielerischen Format – aber die Mikroprojekte reichten nicht, um das große Problem zu lösen. Sie fordert deshalb: „Wir brauchen ein festes Aufholprogramm für Kinder mit Einwanderungsgeschichte, das sich aber auch an Jugendliche und Eltern richtet. Viele waren viel zu lange isoliert, gerade die Jungen leiden sehr darunter, manche werden depressiv: Wir müssen jetzt und entschiedener handeln.“ 

Beantragung von Geldern sei kompliziert 

Vieles sei diffus, weil Zuständigkeiten in Ländern und Kommunen oft nicht klar seien. Das mache es schwierig für eine Nichtregierungsorganisation, praktische Hilfe zu leisten. Besonders bedauerlich sei, dass viele Gelder aus dem Programm Bildung und Teilhabe gar nicht abgerufen würden, obwohl Bedarf da sei.  Die Beantragung sei kompliziert, manche scheiterten am Ausfüllen der Anträge, oft wüssten Betroffene auch gar nichts von dem Programm, sie „erfahren erst gar nichts von dieser Chance“, so Beloe, die Lehrbeauftragte für „Diversity Backgrounds“ an der Berliner Alice Salomon Hochschule ist. Sie nennt ein Beispiel: Eine Erhebung in der Stadt Mönchengladbach habe gezeigt, dass nur zwölf Prozent der Fördergelder aus dem Programm Bildung und Teilhabe ausgeschöpft worden seien. 

 

Engagierte Senioren einbinden

Einen weiteren Ansatz schlägt das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) vor. Der gemeinnützige Verein, der unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, setzt sich für Netzwerke aus „sorgenden Nachbarschaften“ ein nach dem Motto: Seniorinnen und Senioren helfen jungen Menschen, die jungen Leute revanchieren sich mit Hilfe im Garten, beim Einkaufen oder ähnliches. Helmut Kneppe, Vorsitzender des KDA, hat in mehreren Projekten festgestellt, dass „gerade Seniorinnen und Senioren sich sehr gerne ehrenamtlich engagieren“. 

Im Herbst soll Aufholprogramm des Bundes starten

Neben dem bestehenden Programm Bildung und Teilhabe hat die Bundesregierung weitere Hilfen geplant, um Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung und beim Aufholen von Lernrückständen zu unterstützen. Ab Herbst soll das bundesweite Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ starten. Insbesondere junge Menschen aus benachteiligten Familien stehen im Fokus. Auch an eine Zusammenarbeit mit Veranstaltern von  Kinder- und Jugenderholungsreisen ist gedacht.  Das Programm stellt zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021 und 2022 in Aussicht.  Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) lobte nach der Entscheidung im Bundesrat die Zusammenarbeit von Bund und Ländern, die für die Umsetzung vor Ort zuständig sind, und sprach von „einer guten Nachricht für Schülerinnen und Schüler und vor allem für die leistungsschwächeren Kinder und Jugendlichen“. 

Mobilisierung von Lernbereitschaft und Lernwillen 

Aber wird das Geld alle Betroffenen überall erreichen? NeMO schlägt vor, dass 0,5 Prozent aus dem Programm – also zehn Millionen Euro –  ohne Umweg den Migrantenorganisationen für eigene Projekte gegeben werden. Beloe: „Wir haben den direkten Zugang zu Menschen mit Einwanderungsgeschichte und kennen den Bedarf vor Ort sehr genau und können also sehr gezielt helfen. Die Migrantenorganisationen müssen Teil des Prozesses sein.“ Für die Mobilisierung von Lernbereitschaft und Lernwillen sei die lokale Ebene von entscheidender Bedeutung.  Es gehe auch nicht darum, schulische Arbeit durch außerschulische Projekte zu ersetzen, sondern um „Aufholen und Einbinden“.  Hier ergänzt Peyman Javaher-Haghighi, ebenfalls Vize-Vorsitzender von NeMO, das Angebot des Verbandes sei nicht als Konkurrenz zur Schule zu verstehen. Javaher-Haghighi: „Es wäre schön, wenn unsere Hilfe eine Bereicherung sein könnte. Es geht doch darum, die Zukunft gemeinsam zu gestalten und niemanden zurückzulassen.“ 

Aussetzung von Kursen verstärkt soziale Isolation

Javaher-Haghighi betont weiter: „Gerade für kleinere Kinder und Grundschüler brauchen wir Eltern-Kind-Angebote, auch mobile Angebote und lokale Kleingruppen, bei denen die Eltern einbezogen werden. Denn auch für die Erwachsenenbildung bedeutet diese Pandemie eine Katastrophe. Noch immer sind manche Deutsch- und Integrationskurse ausgesetzt. Das verstärkt soziale Isolation. Oft bieten gerade diese Kurse die fast einzige Möglichkeit, Deutsch zu sprechen.“  Digitaler Austausch sei für Menschen, die die Sprache noch nicht richtig beherrschen, oft frustrierend, und er könne echte Begegnungen nicht ersetzen. Als langjähriger Lehrbeauftragter u.a. für interkulturelle Arbeit an den Unis Hannover und Hildesheim weiß Javaher-Haghighi, wovon er spricht.

 

Wissenschaftler der Frankfurter Goethe-Universität haben jüngst für eine Studie weltweit Daten zur Kompetenzentwicklung im Distanzunterricht zusammengetragen. Das Resultat: Schulschließungen während der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 gingen mit Distanzunterricht einher, und diese hätten lediglich einen Lernerfolg „im Bereich der Effekte von Sommerferien“ gehabt. Darüber hinaus hieß es auch hier: Von Kompetenzeinbußen seien besonders stark Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Elternhäusern betroffen. 

„Pandemie legt Schwächen unseres Bildungssystems schmerzhaft offen”

Aus Sicht von Margit Stumpp, Sprecherin für Bildungspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, offenbart sich als Folge der Corona-Krise eine grundsätzliche Problematik, die dringend Lösungen bedürfe: „Die Pandemie legt die Schwächen unseres Bildungssystems, die bisher zu oft ignoriert wurden, schmerzhaft offen, sie müssen endlich angegangen werden. Wir müssen jedes Kind dort abholen, wo es in seiner Entwicklung steht, unabhängig davon, aus welchem Elternhaus oder Land es stammt.“ Dies gelte auch in Bezug auf den Bildungsrückstand, der durch die Pandemie zusätzlich entstanden sei. Dabei gehe es nicht nur um Wissenslücken oder Sprachrückstände, sondern auch um soziales Lernen. Stumpp: „Deswegen ist es wichtig, individuelles Fördern und Lernen in den Vordergrund zu stellen.“ 

Dazu müssten aber Lehrkräfte  zuerst einmal wissen, wo ein Kind in seiner Entwicklung stehe. Die entsprechenden Analyseinstrumente gebe es schon lange, sagt die Grünen-Politikerin aus dem Wahlkreis Aalen-Heidenheim, digitale Methoden erleichterten die Erhebung: „Aus diesen Erkenntnissen müssen die weiteren Schritte abgeleitet werden. Egal ob Sprachförderung oder andere Förderangebote, wichtig ist, diese nicht nur als kurzzeitiges, zusätzliches Angebot aufzulegen, sondern diese dauerhaft zu etablieren.“

Individuelle Förderprogramme in den Bundesländern

In den Bundesländern gibt es unterdessen individuelle Förderprogramme, einige finden in den Ferien statt, um möglichst viel verpassten Stoff nachholen zu können, andere sind bereits etabliert. Ein Land, das selbst die Initiative ergreift, ist das grün-schwarz-regierte Baden-Württemberg.  Wie etwa mit dem  Modellprojekt „Bridge the Gap“ (Überbrücke die Lücke). Lehramtsstudierende helfen Schülerinnen und Schülern bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juli, Lernlücken zu schließen. Anschließend soll das Programm Hinweise für Förderprojekte in und nach den Sommerferien liefern. Zielgruppe sind insbesondere Kinder und Jugendliche, die mit sozialen Brennpunkten in Berührung kommen.

 

Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen

Der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (NeMO) wurde vor rund fünf Jahren gegründet und hat Sitze in Berlin und Dortmund. Unter dem Dach von NeMo sind bis jetzt 22 lokale Verbünde in zehn Bundesländern und mit ihnen insgesamt 800 Vereine organisiert. Lokale Verbünde: das sind Zusammenschlüsse verschiedener Vereine mit einer Vielfalt von Herkünften, Zielen und Kulturen, vor allem auch aus kleineren migrantischen Gemeinschaften. Die Expertise von NeMO ist nicht nur vor Ort gefragt, sondern auch beispielsweise beim Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin, beim Integrationspolitischen Dialog und beim Flüchtlingsgipfel.


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Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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