Serbien droht der Corona-Kollaps

Politik  Das Coronavirus verbreitet sich in mehreren Balkan-Ländern rasant. Besonders in Serbien steigen die Infektionen, während die Fallzahlen geschönt werden. Ein Nordheimer befürchtet, dass die Situation außer Kontrolle gerät.

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Serbien droht Corona-Kollaps

Serbien gilt laut Robert-Koch-Institut als Risikogebiet. Trotz Empfehlung der EU dürfen Serben deshalb aktuell nicht nach Deutschland einreisen.

Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa

Die Balkanstaaten kämpfen mit steigenden Corona-Infektionszahlen. Am Dienstag hatte der Europäische Rat noch empfohlen, nicht notwendige Reisen für 14 Länder wieder zu erlauben, darunter Montenegro und Serbien. Einen Tag später verhängte Österreich eine Reisewarnung für sechs Länder, auch für Montenegro und Serbien. Österreichern wird abgeraten, dorthin zu reisen. Wer dort ist, soll heimkehren.

Die Lage in Serbien wird offenbar immer dramatischer. Das Robert-Koch-Institut listet das Land als Risikogebiet, auf der Positivliste des Bundesinnenministeriums ist es deshalb nicht zu finden. Vor der Präsidentenwahl am 21. Juni hob Serbien die Corona-Beschränkungen auf. In sozialen Netzwerken zeigen Videos, wie Menschen dicht gedrängt auf Wahlpartys und in Clubs feiern. Nun steigen zwei Wochen später die Infektionszahlen.

Chaotische Szenen in Krankenhäusern

Senad Ljajic aus Nordheim will darauf aufmerksam machen: "Die Situation droht zu eskalieren. Es gibt viele Fälle und keine Kontrolle darüber, wer infiziert ist." Video- und Bild-Material, das er unserer Redaktion schickt, zeigt, wie Menschen in Krankenhäusern auf dem Flur liegen. Die Szenen wirken chaotisch, eine Isolation von Patienten ist nicht erkennbar.

Laut WHO werden täglich rund 250 Infektionen und wenige Tote aus Serbien gemeldet. Doch an den Zahlen gibt es Zweifel. Das Netzwerk "Balkan Investigative Reporting Network" hatte Ende Juni aufgedeckt, dass die offiziellen Zahlen von den tatsächlichen Infektionen und Todesfällen abweichen.

Informant liefert Reportern nicht-öffentliche Daten

Mithilfe eines Informanten konnten die Reporter nicht-öffentliche Daten einsehen, die an den Staat übermittelt wurden. "Der Unterschied liegt bei mindestens 600 Toten mehr. Und die Zahl der Infizierten vor den Wahlen lag bei 300 am Tag, nicht bei den offiziell gemeldeten 30 am Tag", erklärt die Journalistin Marija Ristic im Gespräch mit unserer Redaktion.

Weder Gesundheitsbehörden, noch der Krisenstab beantworteten Fragen der Journalisten. "Wir wissen nicht, warum es diese Unterschiede gibt. Wir wissen nur, dass es ein Problem gibt, weil sie uns nicht antworten. Die Daten, die wir veröffentlicht haben, sind korrekt", sagt Ristic

Nur wer Symptome zeigt, wird getestet

Das Land leide extrem unter der Corona-Pandemie. "Das Gesundheitssystem hat schon vor Covid-19 zu kämpfen gehabt." Das betreffe vor allem ärmere Regionen. Separate Corona-Krankenhäuser seien nach der Wahl wieder geschlossen worden. "Nun müssen sich die regulären Krankenhäuser um die Corona-Patienten kümmern. Es gibt keine zusätzlichen Ärzte, keine Testkapazitäten", sagt die 36-Jährige.

In Serbien würden nur Menschen mit Symptomen getestet, Kontaktpersonen jedoch nicht. "Einfach, weil es nicht anders geht." Eine Rückkehr zu strengen Corona-Maßnahmen hält Ristic für ausgeschlossen. "Ein erneuter kompletter Lockdown könnte zum Staats-Crash führen. Das ist eine wirtschaftliche Entscheidung, keine gesundheitspolitische."

Premierministerin argumentiert mit statistischen Gründen

Die Corona-Lage sei "unter Kontrolle", sagt die serbische Premierministerin Ana Brnabic bei einem Besuch im besonders betroffenen Ort Novi Pazar. Im Süden Serbiens steigen die Infektionen laut Medienberichten rasant an.

Brnabic wurde unter Protest empfangen. Das Personal des örtlichen Krankenhauses wandte der Regierungschefin den Rücken zu, später übertönten Demonstranten ihre Ansprache. Den Vorwurf geschönter Zahlen hatte Brnabic zurückgewiesen.

Nicht jeder, der positiv getestet sei, sterbe an dem Virus, sagte die Premierministerin im serbischen Fernsehen. Wer auf dem Weg zum Krankenhaus von einem Bus angefahren werde und sterbe, gelte statistisch als Corona-Toter - so etwas passiere oft.

Tausende Pflegekräfte sind in Deutschland

"Für mich war der Zustand vor den Wahlen eine staatlich verordnete Normalität. Die Menschen haben dem Staat geglaubt und sind wieder ihrem Alltag nachgegangen", sagt Aleksandra Tomanic, Direktorin des European Fund for the Balkans. Anschließend seien die Fallzahlen explodiert. "Das Gesundheitssystem ist strukturell und personell sehr schwach. Tausende Pflegekräfte sind in Deutschland, die gezielt angeworben wurden."

Seit Freitag gilt wieder Maskenpflicht in geschlossenen Räumen. Doch Tomanic beklagt die Entwicklung: "Die Totenzahlen sind einfach nur tragisch. Das ist ein Indikator dafür, dass man mit vielen Maßnahmen zu spät angefangen hat."


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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