Patenschaftsnetz beklagt bedrohliche Lage der Ortskräfte im Afghanistan

Berlin  Die wirtschaftliche und psychologische Lage der von den Taliban bedrohten Ortskräfte verschlechtere sich ständig, sagt Marcus Grotian, Vorsitzender des Patenschaftsnetzes. Es würden gezielte Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gemeldet. 

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Das deutsche Patenschaftsnetz afghanische Ortskräfte ist zutiefst besorgt über die Lage der in Afghanistan verbliebenen Ortskräfte. Marcus Grotian, Vorsitzender des Netzwerkes, sagte unserer Redaktion: „Insgesamt gehen wir von 5000 bis 6000 Seelen aus, Ortskräfte und ihre Familienangehörige, von denen wir zu über 1000 direkten Kontakt haben.” 

„Die Ausreise muss jetzt ermöglicht werden.”

Grotian betonte: „Derzeit erkennen wir kaum Möglichkeiten die Ortskräfte, selbst mit Visa, aus dem Land in Nachbarländer zu bekommen. Wir hoffen, das sich dies zeitnah bessert.” Die wirtschaftliche und psychologische Lage der Ortskräfte verschlechtere sich ständig. „Es werden gezielte Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durch die Taliban gemeldet”, so der Vorsitzende, auch sei das Bankensystem zum Erliegen gekommen. Deshalb „drängen wir darauf, nun schnell den Ortskräften bei der Ausreise zu helfen”. Viele Ortskräfte hätten nach Monaten „auf Listen“ keine Aufnahmezusagen, nur die Aussage man „sei auf einer Liste”. Visaträger mit allen nötigen Papieren könnten die Grenzen zu den Nachbarländern nicht passieren, so Grotian, weil die Nachbarstaaten dies verhinderten. „Flughäfen abseits Kabuls werden durch andere Nationen zum Ausfliegen ihrer Ortskräfte mit zivilen Airlines benutzt, warum nicht für die Ortskräfte Deutschlands? Mit jedem Tag etablieren sich die Taliban weiter. Die Ausreise muss jetzt ermöglicht werden.”

Unterdessen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Mittwoch das Fallschirmjägerregiment 31 im niedersächsischen Seedorf besucht. Dort würdigte sie den Einsatz der Soldaten bei der Luftbrücke zwischen Afghanistans Hauptstadt Kabul und Taschkent.

Bundesregierung: Prüfen Zahl der ausreisewilligen Ortskräfte

Gut drei Wochen nach dem Ende der Evakuierungsaktion der Bundeswehr in Afghanistan hat die Bundesregierung allerdings nach eigenen Auskünften keine genauen Erkenntnisse darüber, wie viele ihrer ehemaligen afghanischen Mitarbeiter das Land noch verlassen wollen. „Die genaue Zahl wird derzeit von der Bundesregierung eruiert”, heißt es in einer Antwort des Auswärtigen Amts auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag, aus der die Deutsche Presse-Agentur zitierte. Darin weist die Bundesregierung auch erneut Vorwürfe zurück, sie habe die Evakuierung der Ortskräfte verschleppt: „Die Bundesregierung war stets von dem Ziel getragen, ihrer besonderen Verantwortung gegenüber den Ortskräften zu jedem Zeitpunkt nachzukommen.”

Grüne: Die Bundesregierung duckt sich weg

Die Grünen-Fraktion hatte der Bundesregierung einen Katalog mit 114 Fragen übermittelt, die auf mehr als 30 Seiten beantwortet worden sind. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Agnieszka Brugger und der Außenpolitiker Omid Nouripour zeigten sich unzufrieden mit den Antworten. „Die Bundesregierung duckt sich weg und besitzt kein echtes Interesse an einer lückenlosen Aufarbeitung ihres katastrophalen Versagens”, erklärten sie und forderten erneut die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses nach der Bundestagswahl.

Seit Beginn der Evakuierungsaktion nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban Mitte August haben nach den jüngsten Angaben der Bundesregierung 272 Ortskräfte mit insgesamt 992 Familienangehörigen das Land verlassen.

Marcus Grotian: Bürokratische Räder greifen nicht ineinander

Auch Marcus Grotian kritisiert: „Die Zahlen, die in den Ministerien genannt werden und wurden sind für uns oft nicht nachvollziehbar. So ging man zu Beginn der Evakuierungsoperation von 176 Ortskräften aus. Allein auf den Listen der Bundeswehr müssen sich zu dem Zeitpunkt mehr als 800 Ortskräfte und Familienangehörige befunden haben, Tausende haben sich vorher schon bei Internationalen Organisation für Migration IOM mit Gefährdungsanzeigen gemeldet. Warum diese alle offenbar zu Beginn der Evakuierung im Auswärtigem Amt unbekannt waren erschließt sich uns nicht und ist für uns ein sichtbarer weiterer Beweis, wie die bürokratischen Räder sich zwar alle überall drehen, aber nie ineinander gegriffen haben.”

Grotian ergänzte: Auch Zahlen von 40.000 bis 70.000, die im Zusammenhang mit Ortskräften genannt worden sein, „sind für uns darüber nicht nachvollziehbar und widersprechen den Aussagen der Regierung in Antworten auf kleine Anfragen der Vergangenheit. Egal ob mit oder ohne Angehörige komme ich da nie hin. Also hat entweder die Regierung früher falsch geantwortet oder die Zahlen sind falsch.”

FDP: Regierung hätte Ortskräfte systematisch und rechtzeitig erfassen müssen

Wie zögerlich die Evakuierung von gefährdeten Ortskräften in deutschen Diensten erfolgte, geht auch aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Konstantin Kuhle hervor, über die kürzlich das  „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ berichtete. Demnach sind im Januar eine Person und im Februar und März zwei beziehungsweise drei Ortskräfte nach Deutschland eingereist. Im April, als US-Präsident Joe Biden definitiv den Abzug der US-Truppen angekündigt hatte, wurden sechs Ortskräfte evakuiert, im Mai fünf und im Juni 13. Erst als sich die Situation weiter zuspitzte, erhöhte sich die Zahl der Evakuierten. „Die Bundesregierung hat es über Monate hinweg versäumt, gefährdete Ortskräfte in Afghanistan systematisch zu erfassen und nach Deutschland zu holen“, sagte Kuhle dem RND. 

Gesundheitssystem vor dem Kollaps, Covid-Kliniken mussten schließen

Wie ernst die Lage für die Menschen in Afghanistan generell ist, zeigt eine aktuelle Warnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Afghanistans Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps”, teilten WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus und der Regionaldirektor für die Region, Ahmed Al-Mandhari, am Mittwoch nach einem Besuch in Kabul mit. „Wenn nicht dringend etwas unternommen wird, steht eine humanitäre Katastrophe unmittelbar bevor.”

Weil nach der Machtübernahme durch die Taliban im August Hilfsgelder gestoppt wurden, hätten Tausende Gesundheitseinrichtungen kein Geld mehr für Material oder die Bezahlung der Mitarbeiter. Neun von 37 Covid-Kliniken hätten schließen müssen, es werde weniger auf das Coronavirus getestet und geimpft. Auch häuften sich Masernfälle. Im kommenden Winter wird zudem eine Hungersnot befürchtet. 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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