Norbert Röttgen: „Es wird kein Zurück zur Vor-Corona-Normalität geben”

Interview  Norbert Röttgen, einer von drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz, sieht Deutschland in der Pflicht, bei den Themen Digitalisierung und Europapolitik voranzugehen. Seine Partei müsse Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik zurückgewinnen, sagt der 55-Jährige. Für die CDU wünscht sich Röttgen zudem: „Weniger klatschen, weniger Selbstdarstellung und dafür mehr ergebnisoffene politische Diskussion.” 

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Norbert Röttgen kandidiert für den CDU-Vorsitz. Foto: Steffen Roth

Herr Röttgen, Ihr Alleinstellungsmerkmal unter den drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz ist...

Norbert Röttgen: Ich stehe für ökologische Glaubwürdigkeit und den unbedingten Willen, die Partei zu modernisieren. Für mich ist völlig klar, dass wir uns verändern müssen, um das zu bewahren, was wir sind: Die prägende Volkspartei Deutschlands. Wir müssen weiblicher, jünger und digitaler werden, und die Debatte wieder in die Partei tragen. Weniger klatschen, weniger Selbstdarstellung und dafür mehr ergebnisoffene politische Diskussion. 

 

Wo sehen Sie in der CDU und im Land Modernisierungsbedarf?

Röttgen: Wir können als CDU stolz sein auf das, was wir in den letzten zehn Jahren erreicht haben. Die CDU unter Angela Merkel hat Deutschland sicher durch ein Jahrzehnt der Krisen geführt. Das darf aber nicht zu Selbstzufriedenheit und Stillstand führen, denn wir sind noch immer mitten in einem Sturm der Veränderungen. Darauf müssen wir Antworten liefern. Bei der Digitalisierung, in der Europa-und Außenpolitik. Es kommt auf Deutschland an. Damit wir den Erwartungen an uns gerecht werden können, brauchen wir eine starke Regierung und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. 

 

Die größte Herausforderung bei den Bewältigung der Pandemie-Folgen ist?

Röttgen: Einfach machen – das ist in Deutschland oft die größte Herausforderung. Es wird kein Zurück zur Vor-Corona-Normalität geben. Das müssen wir uns klarmachen. Die Corona-Pandemie hat in einigen Bereichen, vor allem bei der Digitalisierung, große Schwächen aufgezeigt. Hier braucht es jetzt eine massive Kraftanstrengung, um den Rückstand aufzuholen. Tun wir das nicht, werden wir der technologischen Entwicklung immer hinterherhinken. Wir brauchen außerdem eine klare Wachstumspolitik, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. 

 

Haben Sie die Sorge, dass durch Corona die Klimakrise aus unserem Blickfeld gerät? 

Röttgen: Ja, die Gefahr besteht. Beim Klima aber auch bei anderen Problemen, die ja mit Corona nicht aus der Welt sind. Auch wenn Corona momentan alles dominiert, müssen wir uns als Politiker weiter mit anderen Fragen beschäftigen. Die Klimakrise ist für uns alle existenziell. Für die CDU geht es jetzt im Besonderen darum, die Glaubwürdigkeit auf diesem Feld zurückzugewinnen. Nicht indem wir die Grünen zu 70 Prozent kopieren, sondern indem wir einen eigenen Ansatz entwickeln. Für mich besteht dieser in der Verbindung des Ökonomischen und Ökologischen. Statt immer neuer Ziele, die weit in der Zukunft liegen, brauchen wir konkreten und planbaren Fortschritt auf der Basis moderner Technologien und marktwirtschaftlicher Instrumente. 

 

Die größte außenpolitische Aufgabe der nächsten Jahre aus Ihrer Sicht...

Röttgen: Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die EU zusammenzuhalten. Dabei spielt Deutschland eine ganz entscheidende Rolle. Wir erleben ein Auseinanderdriften entlang von zwei Konfliktlinien: Ost und West stimmen immer öfter nicht mehr überein in den Werten, die der EU zu Grunde liegen. Die liberale Demokratie und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit werden von innen herausgefordert. Das ist neu und darauf müssen wir eine Antwort liefern. Gleichzeitig entwickeln sich der Norden und Süden ökonomisch auseinander. Mit dem Wiederaufbaufond hat Europa Solidarität bewiesen. Aber Solidarität ist keine Einbahnstraße. Diese muss nun auch Ausdruck finden in der Modernisierung der europäischen Volkswirtschaften. 

 

Wie stark ist unsere Demokratie, und was ist ihre größte Herausforderung?

Röttgen: Unsere Demokratie ist stark. Aber wie eigentlich alle westlichen Demokratien wird auch unsere Demokratie von innen durch Populisten herausgefordert. Deren Ziel ist die gesellschaftliche Spaltung durch das Verbreiten von Hass, Hetze und Lügen. Sie missbrauchen die Ängste der Menschen für den eigenen Machtausbau. Hier müssen wir ansetzen und den Ängsten der Menschen durch ehrliche Kommunikation und rationale Lösungen entgegenwirken. Alle großen Krisen der letzten zehn Jahre sind von außen zu uns gekommen. Sie kamen mit Ansage, aber reagiert wurde erst, wenn die Krise vor unserer Haustür stand und somit nicht mehr zu ignorieren war. Wir müssen lernen, vorausschauend zu handeln, so dass Krisen frühzeitig entschärft werden.

 

Die rund 150 Parteitagsdelegierten aus Baden-Württemberg überzeugen Sie speziell mit...

Röttgen: Ich kann führen, aber auch integrieren. Gerade weil ich kein Lager bin und auch keines sein möchte, können sich alle Strömungen in der Partei hinter mir versammeln. Ich verstehe mich als Angebot an die vielen Wechselwähler in der Mitte, ihre Stimme der CDU zu geben. Ich stehe für innere Sicherheit, ökologische Glaubwürdigkeit und die Verbindung von Tradition und Zukunftsorientierung.

 

Zur Person

Norbert Röttgen wurde am 2. Juli 1965 im nordrhein-westfälischen Meckenheim geboren und ist in Rheinbach aufgewachsen. Das Jura-Studium absolvierte er im Bonn, wo er 1993 das zweite Staatsexamen ablegte. Im Jahr 2001 folgte die Promotion. 1982 trat er der CDU bei. 1994 kandidierte er erstmals für den Deutschen Bundestag und wurde seitdem bei jeder Bundestagswahl direkt gewählt. Von 2009 bis 2012 war er Bundesumweltminister. Seit 2014 ist Röttgen Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Norbert Röttgen hatte im Februar erklärt, sich für die Nachfolge von Annegret Kramp-Karrenbauer zu bewerben. Vier Wochen vor dem digitalen Parteitag hat er in Umfragen zuletzt zugelegt und NRW-Regierungschef Armin Laschet überholt.  Laut ARD Deutschlandtrend (Stand Ende November) setzen unter den CDU-Anhängern 39 Prozent auf den früheren Unionsfraktionschef Friedrich Merz, 22 Prozent auf Röttgen, 15 Prozent stimmten für NRW-Regierungschef Armin Laschet. 15 Prozent der CDU-Anhänger wünschten sich demnach einen anderen Kandidaten als Parteivorsitzenden.

 

 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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