Mit großen Hoffnungen in den Berliner Wahl-Endspurt 

Berlin  In diesem Wahlkampf sind viele neue Gesichter zu sehen. In der Hauptstadt stehen gleich zwei Wahlen an, die zum Bundestag und zum Abgeordnetenhaus. Ortstermine in Spandau und Köpenick mit Ana-Maria Trasnea (SPD) und Joe Chialo (CDU) – und Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin werden könnte. 

Email
Ana-Maria Trasnea neben Franziska Giffey, rechts Tom Schreiber und der „Hauptmann von Köpenick” Foto: Deglow

Es ist 10 Uhr am Vormittag, und es gibt Eis in Köpenick im Südosten Berlins. Eine Kugel der Wahl - auf Kosten der SPD. Schließlich ist Doppelwahl, Bundestag und Senat, da gilt es, die Herzen der Menschen auch mit kleinen Gesten zu erfreuen. Ein anderes Mal steht eine Dampfertour auf dem Programm, ganz klassisch werden an Haustüren und auf Straßen rote Rosen verteilt.

In Köpenick wartet Ana-Maria Trasnea (27) vor dem Eissalon auf die Ankunft ihrer Genossin Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden möchte. Da Amtsinhaber Michael Müller (SPD) für den Bundestag kandidiert, muss mit der Abgeordnetenhauswahl auch sein Amt neu besetzt werden. Das hat zur Folge, dass in der Metropole dieses Mal besonders viel plakatiert worden ist. 

Bekenntnis zu einem Nachwuchstalent 

An diesem Morgen sind auch schon ein paar Polizeibeamte da, ein Hauptmann-von-Köpenick-Darsteller in schmucker Uniform steht vor der Eisdiele, Einheimische schlendern über den Wochenmarkt. Ein deutsches TV-Team hat sich eingefunden. Inzwischen sind aber auch rumänische Medien auf Trasnea aufmerksam geworden. Trasnea hat Platz 6 auf der Landesliste der SPD Berlin. Der Platz ist ein Bekenntnis zu einem Nachwuchstalent. Inzwischen gibt es in der SPD sogar die ganz leise Hoffnung auf das Direktmandat – Platzhirsch und Seriensieger im roten Bezirk Treptow-Köpenick ist Gregor Gysi (73) von der Linkspartei, dessen Plakatkampagne aber eher altbacken wirkt, sein Slogan klingt nach Adenauer und Merkel, nach „Keine Experimente“ oder „Sie kennen mich“. Auf Gysis Plakaten steht tatsächlich: „tschuldigung, ich brauch´ mal wieder Ihre Erststimme“. Der Verweis auf den scheinbar abgehängten Osten reißt hier auch niemanden mehr vom Hocker. Treptow-Köpenick hat aufgeholt in den vergangenen Jahren, beispielsweise durch den Ausbau des Gewerbe- und Industrieparks Adlershof, wo auch große Fernseh- und Filmstudios beheimatet sind. 

Mit 13 Jahren Rumänien verlassen 

Trasnea ist in Piatra-Neamt geboren, einer Stadt in der Nähe der rumänischen Ostkarpaten. Dort verbrachte sie die ersten 13 Jahre ihres Lebens. Schon in jungen Jahren habe sie erfahren, wie wichtig soziale Gerechtigkeit ist. Ihre alleinerziehende Mutter habe die Freiheiten der Europäischen Union genutzt, um ihren beiden Töchtern bessere Chancen auf ein gutes, selbst bestimmtes und würdiges Leben ermöglichen wollen. In Berlin angekommen habe sie bereits in der Schule gelernt, dass sich Engagement lohne – für Vielfalt und Toleranz, für eine Gesellschaft ohne Rassismus und Diskriminierung, für Demokratiebildung und internationale Freundschaften. Nun tritt sie als Kandidatin für Kinderrechte im Grundgesetz, eine bessere Pflege und Prävention in ihrem Bezirk, Frauen- und Gleichstellungsprojekte oder einen „armutsfesten Mindestlohn“ ein. Es brauche eine starke Sozialdemokratie, um Chancengleichheit durchzusetzen, auch beim Thema Bildung: „Denn wenn Status und Einkommen der Eltern allein entscheiden, wo bleiben denn dann die Aufstiegschancen?“ 

Ein Wendepunkt für Giffey 

Dann trifft Franziska Giffey ein. Trasnea und Giffey begrüßen sich fröhlich. Die Ex-Bundesfamilienministerin war einmal Bürgermeisterin im Bezirk Neukölln. Sie tritt selbstbewusst auf, den Verlust ihres Doktortitels wegen Plagiatsvorwürfen und den Rückzug aus der Bundesregierung hat sie ganz offensichtlich nicht nur überwunden, sondern sie hat aus Niederlagen eine Stärke gemacht. Nach dem Wendepunkt ist sie neu durchgestartet, sie umschmeichelt offensiv die Berliner Seele, und der Balsam für sie selbst sind die steigenden Zustimmungsraten. 

Es heißt, Giffey stehe morgens um 5 Uhr auf, damit sie ihr Pensum schafft. Sie wirkt stets fröhlich und freundlich, auf den Plakaten ist sie genau so in Szene gesetzt: Lachend, strahlend. Die Grünen-Kandidatin schaut hingegen sehr ernst von blassgrünen Werbetafeln. Dass die Grünen, getrieben vom Rückenwind des Frühjahrs, den Satz „Mit Bettina Jarasch im Roten Rathaus“ auf die Plakate geschrieben haben, hat wohl SPD und Linkspartei provoziert – und motiviert. Inzwischen hat Giffey die lange führende Jarasch überholt. Aber entschieden ist nichts. 

Giffey gibt die Kümmerin, fragt an den Ständen Verkäuferinnen und Verkäufer, wie sie die Coronakrise überstanden und ob sie genug Hilfe bekommen haben. Sie ist oft hier im Bezirk, um Trasnea und Tom Scheiber zu unterstützen, der wieder in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt werden möchte. 

„Scholz bleibt immer in der Spur“ 

Trasnea freut sich, dass Giffey sehr oft nach Köpenick kommt. Ihre Wahlkampfbroschüre zeigt sie mit Olaf Scholz, dem Kanzlerkandidaten, im Hintergrund ist schemenhaft das Reichstagsgebäude zu erkennen. Was sie an Scholz schätzt? „Er nutzt eine Kompetenz, und er bleibt immer in der Spur“, antwortet sie, und er zeige eine „klare Kante“ gegen Rechts. Und was sie an Köpenick gut findet? „800 Jahre Geschichte. Die Menschen leben gerne hier – und sie wollen nicht weg.“

Joe Chialo – der Künstler im Zukunftsteam

35 Kilometer vom Schlossplatz Köpenick entfernt hat Joe Chialo seinen Stand am Markt in Spandau aufgebaut. Es ist windig, aber Gegenwind kennt die Union in diesem Wahlkampf, und Chialo wirkt nicht wie jemand, der bei Windstärke 9 schon umkippt. Joe Chialo, Jahrgang 1970, ist sozusagen ein Hoffnungsträger der CDU geworden in diesem Wahlkampf, seitdem ihn Armin Laschet in sein Zukunftsteam geholt hat. Als der überraschende Anruf Laschets kam, stand Chialo ebenfalls in der Spandauer Altstadt und machte Wahlkampf.

Spandau/Nord-Charlottenburg heißt Chialos Wahlkreis, traditionell ist dies eher SPD-Hochburg, aber der Kandidat hat inzwischen einen ziemlich hohen Bekanntheitsgrad. Die BBC hat ihn am frühen Morgen bereits interviewt. 

Mehr tun für die Künstlerszene 

Als Sohn einer tansanischen Diplomatenfamilie in Bonn geboren, stellte sich Chialo bei der Team-Präsentation locker und lässig hin, in Turnschuhen, schwarzer Hose und dunkelblauem Pullover wirkte er beim Gruppenbild wie das Gegenmodell der Anzugträger neben ihm. Im Bundestag will er den Künstlern mehr Gehör verschaffen. Freunde haben aufgegeben in der Corona-Krise, weil sie keine Auftritte mehr hatten, fortan etwas zukunftsfestes machen wollen. Auch für einen besseren Klimaschutz will sich Familienvater Chialo einsetzen. 

Viele halten das Zukunftsteam für aus der Not geboren, weil die Umfragewerte immer mehr in den Keller gegangen sind für die Union. Chialos Bekanntheitskurve ist jedenfalls steil nach oben gegangen ,„Ich glaube schon, dass sich durch die erhöhte Medien- und Straßenpräsenz die Menschen einen besseren Eindruck davon machen können, wer denn dieser Joe ist.“ Dabei war er in der Kulturszene schon länger ein Begriff. 

Jurymitglied beim Song Contest 

Mit einem Plattenvertrag bei Sony Music hatte er seine Gesangskarriere bei Blue Manner Haze begonnen. Später gründete er ein eigenes Label, das vor allem Musiker aus dem afrikanischen Raum fördert. Beim Eurovision Song Contest 2019 war Chialo Teil der deutschen Jury. Nun also: Zukunftsteam statt Jury. Aber erst einmal muss er das Direktmandat holen, und das wird hart genug. Chialo sagt: „Bis zum Schluss ist alles drin. Wir haben eine realistische Chance, dass die CDU stärkste Kraft in meinem Wahlkreis wird am Sonntag.“ „Wir haben eine starke Geschlossenheit in der Union, wir reden über Inhalte, das ist gut und wichtig.“ 

In den 1990er Jahren war Chialo, der sich selbst als politischer Quereinsteiger bezeichnet, übrigens Mitglied der Grünen und hat nach eigener Aussage Joschka Fischer bewundert. Im Streit um Bundeswehreinsätze auf dem Balkan trat er allerdings aus der Partei aus, da er die innerparteiliche Ablehnung gegenüber den Auslandseinsätzen nicht teilte. 2016 trat Chialo in die Berliner CDU ein und wurde 2021 als Direktkandidat für den Bundestagswahlkreis Spandau/Charlottenburg- Nord für die Bundestagswahl 2021aufgestellt 

Chialos Vorbilder sind Adenauer und Mandela

Auf die Frage, wer seine Vorbilder seien, antwortet Chialo: „Konrad Adenauer, weil er nach dem Zweiten Weltkrieg, als die ganze Welt ein negatives Bild von Deutschland hatte, erfolgreich Vertrauen zurückgewonnen und das Land in das westliche Bündnis integriert hat. Auch die Freundschaft zu Frankreich hat viel mit dem Einsatz Adenauers zu tun. Außerdem bewundere ich Nelson Mandela. Er hat über Jahrzehnte bitteres Unrecht erfahren, aber schließlich allen Menschen die Hand gereicht. Er steht wie Adenauer für eine Politik der Versöhnung. Mandela hat eine gespaltene Gesellschaft zusammengeführt, dies sollte uns allen ein Vorbild.“

Wie wird die Wahl nun ausgehen am Sonntag? Der sehr gute Listenplatz sollte Trasnea in den Bundestag führen. Chialo müsste sich auf jeden Fall als Direktkandidat durchsetzen. Doch auch wenn es nicht klappen sollte, von dem Musikmanager und Neu-Politiker wird noch eine Menge zu hören sein. 

Und SPD-Spitzenkandidatin und -Landeschefin Franziska Giffey? Sie griff im Wahlkampf Grüne oder Linke an und bekannte sich anders als diese nicht eindeutig zur Fortsetzung von Rot-Rot-Grün. Das sorgte zuletzt für schlechte Stimmung im Senat, wie die Berliner Landesregierung heißt. Wichtige Vorhaben wie die Ergänzung des bundesweit ersten Mobilitätsgesetzes, das ÖPNV, Radfahrern und Fußgängern in vielerlei Hinsicht Vorrang vor dem Autoverkehr gibt, scheiterten auf den letzten Metern.

Spannung am Wahltag ist garantiert

Am Donnerstag sah nun die letzte ZDF-Umfrage vor der Wahl die SPD bei 22 und die Grünen bei 19 Prozent. Spannung am Wahltag ist also garantiert. Auch der Spitzenkandidat der CDU, Kai Wegner, rechnet sich noch Chancen auf den Posten des Regierungschefs aus. Letzte Umfragen sahen die CDU in Berlin bei 16 oder 17 Prozent. Linke-Spitzenkandidat Klaus Lederer wiederum, der als Kultursenator Umfragen zufolge zu den beliebtesten Politikern in der Stadt gehört, kann wohl nicht Regierender Bürgermeister werden. Mit zuletzt 12 bis 13 Prozent liegt seine Partei in Umfragen nur auf Platz vier. Auch AfD (9 bis 10 Prozent) und FDP (7 bis 8 Prozent) haben gute Chancen auf den Wiedereinzug in das Abgeordnetenhaus. 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.