Mit 65 soll für Reservisten noch nicht Schluss sein

Berlin  Im Bundestag ist ein Antrag der FDP Thema, in dem gefordert wird, das Höchstalter in der Bundeswehr-Reserve abzuschaffen. Die Corona-Krise haben gezeigt, wie wertvoll der freiwillige Einsatz der Frauen und Männer sei, betont der Verteidigungspolitiker Alexander Müller. Helmut Michelis, im Reservistenverband Beauftragter der "Reserve 60plus", begrüßt die Initiative.

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Reservisten der Bundeswehr sind anlässlich einer Indienststellung angetreten. Bild: dpa

Im März 2020 schaffte es das neuartige Virus als "Gegner" erstmals in einen Tagesbefehl der Bundeswehr. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) stimmte damals die Truppe auf einen Einsatz ein und bereitete die Bundeswehr zugleich auf eine größere Mobilisierung ihrer Reserve wegen der Corona-Pandemie vor. Unschätzbare Fähigkeiten der Reservisten sollten nun sinnvoll genutzt werden, schrieb die Ministerin in einem Tagesbefehl. "Wir kämpfen gegen einen unsichtbaren Gegner!", lautete die Überschrift des Befehls.

Die Bundeswehr verfügt in der Tat über hervorragend ausgebildetes Personal, deren Fachkenntnisse in der Krise abgerufen werden: Im Einsatz sind beispielsweise Ärzte, ABC-Spezialkräfte, Techniker, Logistiker. Doch bisher ist für Reservisten mit 65 Jahren Schluss. Hier setzt nun ein parlamentarischer Antrag der FDP-Fraktion an, der an diesem Mittwoch im Bundestag erstmals beraten wird: Die Liberalen plädieren dafür, das Höchstalter der Reserve abschaffen. 

"Eine starre Altersgrenze"

Alexander Müller, Obmann der FDP im Verteidigungsausschuss, erklärt dazu: "Reservisten und Reservistinnen scheiden nach derzeitiger Rechtslage bei Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren aus dem Dienst aus, ganz unabhängig davon, ob die Bundeswehr weiterhin einen Bedarf hat und ob der gesundheitliche Zustand den weiteren Dienst erlaubt. Diese starre Altersgrenze führt dazu, dass benötigtes Personal, welches motiviert und Willens ist zu unterstützen, entgegen den eigenen Willen nicht mehr aushelfen darf." Ein Arzt beispielsweise, der in Pandemiezeiten händeringend gebraucht werde, so Müller weiter, "scheidet momentan aufgrund formaler Beschränkungen aus. Das ergibt keinen Sinn."

Die Bundeswehr zählt heute mehr als 180.000 Soldatinnen und Soldaten. Der Reservistenverband der Bundeswehr hat 115.000 Mitglieder. Auf dem Höhepunkt der dritten Welle in diesem Jahr stockte die Bundeswehr ihr Einsatzkontingent "Hilfeleistung gegen Corona“ noch einmal auf, von 20.000 auf 25.000. Zudem hatten sich 25.000 Reservisten bis Februar 2021 freiwillig gemeldet, um zu helfen. Rund 11.000 wurden eingesetzt oder sind noch im Einsatz an der Virus-Front, beispielsweise in Impfzentren.

Alexander Müller: Eine Frage der Wertschätzung

Warum also auf einen solchen Beitrag verzichten durch das Erreichen der Altersgrenze? Zumal ein weiterer Faktor eine Rolle spielt. Müller: "Es ist auch eine Frage der Wertschätzung, Menschen, die oft jahrzehntelang in den Streitkräften ausgeholfen haben, nicht einfach auszusortieren. Viele waren von der routinemäßigen Aufforderung zur Auskleidung sehr betroffen. Die Reservisten haben oft jahrzehntelang Dienst in eingespielten Teams geleistet, und die Uniform hat für viele eine ganz besondere Bedeutung, mit vielen Erinnerungen an besondere Ereignisse." 

Auch Aufforderung zur sogenannten Auskleidung soll entfallen

In ihrem Antrag fordern die Liberalen die Flexibilisierung der Altersgrenze für Reservisten und eine entsprechende Änderung im Reservisten- und dem Soldatengesetz. Entscheidend soll allein der Gesundheitszustand des Reservisten, ihre Freiwilligkeit und der Bedarf der Bundeswehr sein. Müller: "Ältere Reservisten können der Truppe und der Gesellschaft weiterhin vieles bieten und sollen das auch dürfen.“ Ausdrücklich soll damit auch die routinemäßige Aufforderung zur Auskleidung entfallen, die von vielen als Zwang und unwürdig wahrgenommen werde, heißt es in dem Antrag.

Helmut Michelis, Oberst der Reserve: Mitglieder hoffen, dass Altersgrenze fällt

Unterstützung erfährt die Initiative von Helmut Michelis, Oberst der Reserve und im Deutschen Reservistenverband Bundesbeauftragter für die "Reserve 60plus“: Er sagte unserer Redaktion: "Ich als Reservist würde mir sehr wünschen, dass dieser Antrag Parteien übergreifend Beachtung findet und nicht irgendwelchen parteitaktischen oder Wahlkampfgründen zum Opfer fällt. Das wäre ungemein schade. Allein im Reservistenverband sind mehr als 25.000 Mitglieder davon betroffen und hoffen darauf, dass diese längst überholte Altersgrenze endlich fällt."

Die Antrag sei aus militärischer wie aus gesellschaftlicher Perspektive sehr gut nachvollziehbar, betonte Michelis weiter: "Die politischen Gründe, die dagegen sprechen, erscheinen mir nicht unangreifbar und jedenfalls nicht aus Stein gemeißelt." Er fügte hinzu: "Meinen jüngsten Eindruck habe ich jetzt in der Pandemie-Lage gewonnen: Die aus Reservisten bestehenden Kreisverbindungskommandos leisten über Monate hinweg vor allen in der Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern vor Ort tolle Arbeit, doch sind sie nicht für einen so langen Einsatz gedacht. Gerade hier wären lebensältere Freiwillige – und nur darum geht es – eine wertvolle Ergänzung. Das soll nicht möglich sein, nur weil sie zum Beispiel 66 Jahre alt sind und nicht 64? Ich zum Beispiel bin jetzt offiziell Rentner, wäre also anders als Berufstätige spontan in der Lage, hier als Reserve der Reserve kurzfristig und über einen längeren Zeitraum einzuspringen. Das aber ist zurzeit nicht erlaubt."

Es geht nicht um den Panzergrenadier im Schützenpanzer Puma 

Behauptungen, es bestehe vonseiten der Bundeswehr gar kein Bedarf an lebensälteren Reservisten, hält Michelis nicht für stichhaltig: "Richtig ist schlicht, dass sie zurzeit nicht mehr eingesetzt werden dürfen, die Bundeswehr also damit nicht mehr planen kann. Klar ist doch, dass es hier nicht um den Fallschirmjäger im freien Fall oder den Panzergrenadier im Schützenpanzer Puma geht, sondern eben um Felder, wo Lebensältere – durchaus altersgerecht – ihre enorme Bandbreite an Erfahrungen im militärischen und zivilen Bereich weiter einbringen können." Für diese Spezialisten - vom Chirurgen über den Kfz-Meister bis zum IT-Experten - gebe es sehr wohl Verwendungsmöglichkeiten, "zumal ein 68-Jähriger heute gesundheitlich und von der Fitness her im positiven Sinne nicht mehr vergleichbar ist mit einem Gleichaltrigen des Jahres 1955 oder 1965". 

Ist die Obergrenze "65“ bei der Reserve rechtlich zu halten? Das gültige Wehrpflichtgesetz sieht vor, dass die Verwendung aller Soldaten in Dienstpflicht mit maximal 60 Jahren beendet. Nur im Reservistengesetz steht seit einigen Jahren abweichend beziehungsweise ergänzend, Reservisten dürften noch bis 65 dienen. Dies könnte als Widerspruch interpretiert werden. Die Obergrenze 65 ergab sich aus dem allgemeinen Eintritt ins Rentenalter, der aber inzwischen bekanntlich gestaffelt bis 2031 auf 67 erhöht worden ist. Wie es heißt, werde bei den Reservisten noch an der Marke 65 festgehalten, weil eine negative Rückkopplung auf die Dienstzeit der Berufssoldaten und Beamten des Bundes zu befürchten sei. Österreich hat indes inzwischen die Altersgrenze bei der Reserve auf 70 angehoben. Das Technische Hilfswerk in Deutschland hat die Altersgrenze für Ehrenamtliche sogar komplett gekippt. 

Mehr als nur "Geschichtenerzähler beim Kameradschaftsabend" sein

Reserve-Offizier Michelis will sich mit der bestehenden deutschen Regelung nicht abfinden. Wolle man es sich wirklich leisten, fragt er, "angesichts der sicherheitspolitischen Entwicklungen und einer schrumpfenden Bevölkerung auf mutmaßlich Tausende freiwilliger und tatendurstiger Grauhaariger zu verzichten? Klar: Einfacher ist es aus bürokratischer Sicht allemal. Aber gibt es für die Ü-65 wirklich keine sinnvolle Verwendung mehr außer als Geschichtenerzähler beim Kameradschaftsabend?"

Hintergrund 

Die Bundeswehr ist nach Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 2011 personell geschrumpft, die Aufgaben sind allerdings nicht weniger und durch Auslandsmissionen noch komplexer geworden. Zugleich ist das Durchschnittsalter gestiegen - 2018 betrug dieses 31,9 Jahre, 2011 hatte es noch bei 29,0 Jahren gelegen. Der Anteil der 20- bis 29-jährigen Soldaten im Heer beispielsweise ist von gut 70 Prozent im Jahr 2011 auf nur noch 51 Prozent in 2018 gesunken.

Das Verteidigungsministerium versucht aktuell wieder verstärkt, jüngere Leute für eine Karriere in der Bundeswehr zu begeistern. "Dein Jahr für Deutschland" heißt die Kampagne, die für einen Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz wirbt. 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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