Konkrete Evakuierungspläne für Senioren angemahnt

Berlin  Im Ausnahmezustand der Flutkatastrophe richtet sich der Blick auch auf jene, die sich im Angesicht der Gefahr nur schwer selbst helfen können, die Unterstützung brauchen. Fachpolitiker aus dem Bundestag und das Kuratorium Deutsche Altershilfe mahnen, Lehren zu ziehen. 

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Rheinland-Pfalz, Sinzig: Das Behindertenwohnheim Lebenshilfe-Haus. Hier starben zwölf Menschen. Foto: dpa

Dutzende Krankenhäuser, Seniorenheime oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderung mussten in den vergangenen Tagen evakuiert werden: In Trier, Erftstadt, Euskirchen und anderen Städten. In Sinzig (Kreis Ahrweiler) an der Mündung der Ahr in den Rhein, kamen zwölf Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung ums Leben. Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses.

Kordula Schulz-Asche: Üben im regionalen Nothilfe-Netzwerk

Nun werden Mahnungen laut, in Zukunft mehr Vorkehrungen zu treffen, um besonders hilfsbedürftigen Menschen im Krisenfall besser helfen zu können. Kordula Schulz-Asche, seniorenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, nennt die Klimakrise „gerade für ältere, kranke oder pflegebedürftige Menschen eine besondere Bedrohung”. Sie sagte unserer Redaktion: „Neben der Verpflichtung von uns allen, den Klimaschutz endlich deutlich zu verbessern,  steht die Hilfe in der Not, und der Katastrophenschutz aufgrund der Starkregen derzeit im Vordergrund. Einrichtungen mit hilfsbedürftigen Menschen benötigen für solche Situationen konkrete Evakuierungspläne, die auch regelmäßig im regionalen Nothilfe-Netzwerk geübt werden müssen.“ 

 

Über den direkten Katastrophenschutz hinaus sei auch zu bedenken: „Besonderes Augenmerk müssen wir aber auch auf die Hitzewellen legen, die seit Jahren für ältere Menschen viele Probleme mit sich bringen. So sind Durst und Schwitzen, vor allem bei Bettlägerigkeit, mit besonderen gesundheitlichen Gefahren verbunden.“ Schulz-Asche erklärte zudem, für Gesundheitsförderung und Prävention im Stadtteil oder Dorf - wie etwa die Community Health Nurse, wie sie in vielen Ländern längst Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung sei -, müssten jetzt schnell die Voraussetzungen geschaffen werden. Schulz-Asche: „Die Klimakrise erfordert nicht nur Investitionen in den Klimaschutz, sondern auch in den Schutz der Bevölkerung mit einem wachsenden Anteil älterer Menschen. Denn heute gilt: Nur Veränderung schafft Sicherheit.“  

Helmut Kneppe: Hilfebedürftige bei Warn- und Rettungskonzepten stärker bedenken  

Auch der Vorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), Helmut Kneppe, ist angesichts der verheerenden Flutkatastrophe mit Blick auf hilfebedürftige Menschen in Einrichtungen und in den Wohnvierteln tief besorgt. Senioren und betreuungsbedürftige Menschen hätten besondere Rettungsbedarfe, sagte Kneppe. So würden Senioren nicht unbedingt eine Warn-App verwenden oder könnten Durchsagen nicht ausreichend gut wahrnehmen, wenn Hörgeräte zum Beispiel in der Nacht nicht eingesetzt seien. Hier sieht der Vorsitzende des KDA die Organisation von Nachbarschafts-Helfern als wichtigen Pfeiler künftiger Rettungsstrukturen.

„In Folge des demografischen Wandels werden immer mehr ältere Menschen in unseren Vierteln leben, die sich möglicherweise nicht selbst in Sicherheit bringen können. Hier sollten wir ein Netzwerk aus engagierten Nachbarn schaffen, die die Situation hilfebedürftiger Menschen im Blick haben. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist überwältigend, das ist in der Katastrophe deutlich geworden. "

Auch Seniorenheime oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen sollten bei der Neustrukturierung von Warn- und Rettungskonzepten besonders berücksichtigt werden, forderte Kneppe. Er betonte, es gehe ausdrücklich nicht um eine Schuldweisung. „Wir müssen aber Warn- und Rettungsstrukturen schaffen, die deutlich früher und nahe am jeweiligen Bedarf der Bewohner Hilfe schaffen.” Der Rettungsplan etwa für einen Menschen mit einer körperlichen Einschränkung sehe anders aus als der für einen Menschen mit Demenz.

Heike Baehrens: Abwägen zwischen Teilhabe und Lebensqualität

Heike Baehrens, Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, mahnte ebenfalls: „Bestehende Einrichtungen sollten auf den Katastrophenschutz hin überprüft werden. Geplante und neue Einrichtungen werden in Zukunft mehr noch als bisher Katastrophenszenarien berücksichtigen müssen.” Bei den Vorsorgeüberlegungen sollte allerdings abgewogen werden „zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Wunsch nach Teilhabe und Lebensqualität. So gewinnen stark mobilitätseingeschränkte Menschen mehr Selbständigkeit, wenn sie barrierefrei im Erdgeschoss wohnen können. Werden Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss und Wohnungen in obere Geschosse verlegt, kann es im Katastrophenfall zu Problemen kommen, etwa wenn die Fahrstühle ausgefallen sind. Das ist dann auch eine Sicherheitsfrage, denn wir haben gesehen, wie schnell bei Hochwasser der Strom weg ist”. 

Baehrens betonte: „Die Forderung des KDA nach frühzeitiger Warnung ist berechtigt. Die Warn-App Nina beispielsweise ist schon weitgehend barrierefrei gestaltet und sehr nützlich. Aber die Installation und Nutzung muss Seniorinnen und Senioren noch genauer erklärt werden. Es muss sichergestellt werden, das die Warnung auch nachts ankommt, auch wenn das Handy nicht neben dem Bett liegt.”

Stephan Thomae: Evakuierungsplan muss Pflicht sein

Der Vize-Fraktionschef der FDP, Stephan Thomae, hat ebenfalls klare Vorstellungen zu Lehren aus der Katastrophe. Er sagte: „Der Schutz und die Rettung besonders vulnerabler Gruppen wie etwa Menschen in Seniorenheimen oder Behinderteneinrichtungen muss auch im Katastrophenfall gewährleistet werden. Das Personal und wenn möglich auch die Bewohnerinnen und Bewohner sollten regelmäßig geschult werden.” Thomae fügte hinzu: „Ein Evakuierungsplan muss Pflicht sein, der im Bedarfsfall auch durch die Kommune vor Ort unterstützt werden kann.

Besonders wichtig ist eine frühzeitige Warnung, um die entsprechenden Schutzmaßnahmen einleiten zu können.” Eine Warnfunktion mittels Cell Broadcast sei hierbei vermutlich von begrenztem Nutzen, so der FDP-Politiker, „da viele Bewohnerinnen und Bewohner möglicherweise gar kein Handy besitzen oder dies, anders als junge Leute, nicht ständig bei sich tragen. Hier macht vor allem der zusätzliche Einsatz von Sirenen Sinn”. 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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