Für das Nachhaken wie bei TV-Inspektor Columbo bleibt keine Zeit

Hamburg  Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) sieht in der Pandemie vor allem eine Zunahme von Betrugsfällen, aber auch der häuslichen und der Beziehungsgewalt. Viele Taten aus diesem Bereich werden der Polizei erst spät oder gar nicht bekannt. „Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum hilft hier gar nichts”, sagt der Hamburger BDK-Landeschef. 

Von Hans-Jürgen Deglow
Email
"Unsere Ermittler arbeiten jetzt schon 24/7, fühlen sich wie in einem Hamsterrad", sagt Jan Reinecke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Foto: BDK

Herr Reinecke, auch die Kriminalpolizei befindet sich im Kontakt zu Ungeimpften oder Ungetesteten. Macht das etwas mit der Motivation Ihrer Kolleginnen und Kollegen, weil das Risiko somit erhöht bleibt im Einsatz? 

Jan Reinecke: Die Arbeit der Kriminalpolizei als Gefahrberuf ist grundsätzlich risikobehaftet. Die Kolleginnen und Kollegen sind es gewohnt, sich auf verschiedene Gefahrenlagen vorzubereiten und sich entsprechend zu schützen. Aus diesem Grund herrscht bei der Polizei Hamburg auch eine große Impfbereitschaft und die allgemeinen Hygieneregeln werden konsequent angewendet und eingefordert. Auf die Arbeitsmotivation dürfte das Infektionsrisiko keinen nennenswerten Einfluss haben.

Zu Beginn der Pandemie war Schutzausstattung Mangelware. Der BDK hatte dann in der Not selbst Masken auf eigene Kosten gekauft. Sind Ihnen eigentlich damals die 9000 Euro für die gekauften Masken erstattet worden?

Reinecke: Leider nein. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hat mit dieser Aktion aber bewiesen, dass mit wenig Aufwand und innerhalb kürzester Zeit 2000 taugliche Mund- und Nasenmasken angeschafft werden konnten. Man musste es halt nur wollen. Wir wurden damals in Chile fündig, waschbare Stoffmasken mit Filterfunktion, die wir aus der Verbandskasse bezahlt haben. Die Masken waren der Renner bei unseren Kolleginnen und Kollegen.

 

Was ist aus Sicht des BDK vorrangig bei der weiteren Bekämpfung der Pandemie? 

Reinecke: Der BDK als gewerkschaftlicher Berufs- und Fachverband, der für die Interessen der Kriminalpolizei eintritt, will keine Einschätzung treffen wollen, was medizinisch und politisch Vorrang bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie haben könnte. Natürlich hat die Pandemie verschiedene Auswirkung auf die allgemeine Kriminalitätslage. Während beispielsweise Ladendiebstähle, Wohnungseinbruchsdiebstähle und Raubstraftaten - insbesondere während des Lockdowns - erheblich zurückgegangen sind, hat die Kriminalität in anderen Deliktsfeldern - z.B. Betrug, Häusliche- und Beziehungsgewalt - pandemiebedingt zugenommen. Mit dem Abklingen der Corona-Pandemie ist zu erwarten, dass sich die Kriminalitätslage und ihre messbaren und gewohnten Trents relativ schnell wieder normalisieren wird.

 

Derzeit wird wieder viel über Clankriminalität geredet.

Reinecke: Das Thema „Clankriminalität“ spielt in Hamburg, wenn überhaupt, nur eine beiläufige Rolle. Tatsächlich bewerte ich das Thema als politische Nebelkerze, die sich hervorragend eignet um von den tatsächlichen, unbequemen Lösungen bei der Bekämpfung von wirklich gesellschaftsbedrohlichen Kriminalitätsfeldern - zum Beispiel Organisierter Kriminalität, Rauschgiftkriminalität, Korruption und Geldwäsche - abzulenken. Die Mechanismen sind in diesem Fall die gleichen, wie sie beispielsweise bei der Rockerkriminalität wirken. Bomberjacken und Kutten im AMG-Mercedes oder auf einer Harley wirken für die Öffentlichkeit halt bedrohlicher als Maßanzüge in Jaguar- und S-Klasse-Limousinen.

 

Ihre derzeit größte Sorgen?

Reinecke: Wenn, wie kürzlich passiert, bei einem Einsatz 16 Tonnen Kokain aus einem Container in Hamburg uns vor die Füße fallen und konfisziert werden, der Wegfall einer solchen Menge aber nicht einmal Auswirkungen auf den Schwarzmarktpreis hat, dann ist das bedrohlich. Auch müssen wir in der Bekämpfung der Straßenkriminalität wieder besser werden. Aber das ist eine Frage der Belastungsgrenze. Unsere Ermittler arbeiten jetzt schon 24/7, fühlen sich wie in einem Hamsterrad.  Die Zeiten von TV-Inspektor Columbo, der sich noch mal umdrehte und sagte, er habe da noch eine Frage, sind vorbei. Zugespitzt formuliert: Die Kolleginnen und Kollegen haben keine Zeit für eine zweite Frage.

 

Sie sprachen eben auch Beziehungsgewalt an. Im ersten TV-Triell der Kanzlerkandidaten mahnte der Kandidat der Union, Armin Laschet, eine verstärkte Videoüberwachung des öffentlichen Raums gegen Kriminalität und Gewalttaten an, weil sich Frauen am unsichersten in Unterführungen, Tunneln und Parks fühlten. Grünen-Kandidaten Annalena Baerbock entgegnete: „Am unsichersten sind leider Frauen in den eigenen vier Wänden.” Sie wies auf Übergriffe von Partnern und Ex-Partnern hin. Wie sind Ihre Erkenntnisse?

Reinecke: Tatsächlich gehört das Kriminalitätsfeld Sexualdelikte zu einem der größeren „Sorgenkinder“ im Bereich der Strafverfolgung und Gefahrenabwehr. So werden zahlreiche Taten - insbesondere die im Beziehungsbereich - der Polizei gar nicht oder nur sehr verspätet bekannt. Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum hilft hier gar nichts. Zumal das Aufhängen von Kameras nur etwas bringt, wenn auch jemand im Anschluss permanent auf das dadurch erzeugte Kamerabild guckt. Ermittlungen im Bereich der Sexualdelikte sind für die Kolleginnen und Kollegen nicht nur durch die Tathandlung an sich oder die Nähe zu den Opfern besonders belastend, sondern auch weil der Arbeitsdruck durch die Personalnot, den Fall schnell „vom Tisch zu bekommen“, oftmals sehr groß ist und im Widerspruch zur Motivation, den Fall zu lösen und dem Opfer zu helfen, steht. So ist es auch kein Wunder, dass es den Dienststellen zur Bekämpfung von Sexualdelikten und Beziehungsgewalt zunehmend schwieriger fällt, Personal für diesen wichtigen Bereich zu finden.


Kommentar hinzufügen
In diesem Artikel findet keine Diskussion statt. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen.