Feuerwehrleute in Katastrophenregion suchen seelischen Zuspruch

Berlin  Die Helferinnen und Helfer in den Flutgebieten erfahren große Dankbarkeit. Was sie sehen und erleben, geht auch den erfahrensten Kräften tief unter die Haut.

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Feuerwehr im Einsatz im schwer betroffenen Ahrtal. Foto: dpa

Der Einsatz in den Katastrophenregionen im Westen Deutschlands ist auch für viele Helferinnen und Helfer eine psychische Herausforderung. Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), Karl-Heinz-Banse, sagte unserer Redaktion: „Es ist nicht verwunderlich, dass nach dieser gewaltigen Katastrophe auch erfahrene Einsatzkräfte eine seelische Nachbetreuung benötigen. Es muss sich niemand darüber schämen, wenn sie oder er das offene Ohr eines kirchlichen oder weltlichen Seelsorgers sucht.“ 

Banse (59), der selbst unter anderem bei den großen Hochwassern an der Elbe im Einsatz war, betont, die aktuelle Tragödie sei „eine Katastrophe, wie wir sie in der Nachkriegszeit in Deutschland bisher noch nicht erlebt haben. Es ist der pure Wahnsinn, wenn man das mit eigenen Augen gesehen hat. Ältere Menschen im Ahrtal sagen uns: Das ist schlimmer als im Krieg“.

Feuerwehr-Präsident Banse: Eine enorme seelische Belastung

Bisher sind mindestens 20.000 Frauen und Männer der Feuerwehren aus ganz Deutschland eingesetzt worden, erklärte der Präsident. „In der ersten Phase, die ersten drei oder vier Tage, ging es ums nackte Überleben. Wo können wir Menschen aus Notsituationen retten? Leider mussten wir auch viele Tote bergen.“

Die Folge ist, so Banse: „Auch für unsere Einsatzkräfte ist die Arbeit in der Katastrophenregion eine enorme seelische Belastung. Ich habe mich mit vielen Kameraden vor Ort unterhalten. Sie sind bis zu 14 Stunden am Tag im Einsatz, sind aber selbst von der Flut betroffen. Ihre Häuser sind beschädigt, Hab und Gut zerstört, aber sie helfen anderen. Das ist ein großartiger Dienst an der Gemeinschaft, den sie trotz der eigenen Not geleistet haben. Nun brauchen einige aber auch selbst Hilfe. Natürlich fragen auch Feuerwehrleute seelsorgerische Unterstützung an.“ 

Allein das DRK hat fast 100 psycho-soziale Notfallbetreuer im Einsatz

Banse berichtet von großer Dankbarkeit der Bevölkerung in den Flutregionen über den Einsatz der Feuerwehren. Ähnlich äußerte sich das Deutsche Rote Kreuz, das in der Spitze 3600 ehrenamtliche und hauptamtliche Helferinnen und Helfer vor Ort im Einsatz hatte, zum Teil aus dem ganzen Bundesgebiet. Derzeit sind es noch 2230. Darunter auch 95 psycho-soziale Notfallbetreuer. Zudem sind auch DRK-Kräfte von örtlichen Kreisverbänden selbst von der Flut betroffen, erklärte das DRK auf Anfrage. 

Berichte über Übergriffe auf Helfer in den Katastrophengebieten liegen weder der Feuerwehr noch dem DRK vor. Die „Mehrheit der Bevölkerung respektiert unsere Arbeit“, betont Feuerwehrpräsident Banse. Er fügte hinzu: „Die Menschen in der Region waren glücklich und froh, als sie gesehen haben, von woher überall die Hilfskräfte kamen. Dass da Fahrzeuge aus Niedersachsen und sogar dem fernen Schleswig-Holstein auftauchten.“

Das Ehrenamt „hochhalten“

Banse sagte weiter: „Gottseidank haben wir dieses flächendeckende System des Brandschutzes, das auf Ehrenamt basiert.“ Deswegen sei es auch ganz wichtig, „dass das Ehrenamt hochgehalten wird, dass man nicht auf die Idee kommt, hier irgendwann einmal sparen zu wollen. Mit den Berufsfeuerwehren oder Werksfeuerwehren allein wäre es nicht möglich, 20.000 Feuerwehrleute binnen kürzester Zeit zu aktivieren“.

Der DFV-Präsident äußerte sich auch zu möglichen Schlussfolgerungen aus der Katastrophe. Zunächst gelte: „Wir wollen den Einsatz abschließen und ihn danach evaluieren. Wir werden uns mit  Einsatzleitern, Vertretern der Feuerwehr-Landesverbänden, aber auch mit Landkreisen und Kommunen zusammensetzen und darüber reden, welche Lehren wir aus dieser Katastrophe ziehen können.“

„Wir müssen den Einsatz von spontanen Helfer besser koordinieren.“

Beeindruckend sei, so Banse, „die große Hilfsbereitschaft von Privatmenschen oder auch kleinen mittelständischen Unternehmen. Die kommen einfach und packen mit an, bringen Eimer und Spaten mit, andere kommen mit Baggern und Traktoren aus der ganzen Bundesrepublik.  Das ist großartig und bewegend. Eine Lehre für zukünftige Großlagen sollte nun sein: Wir müssen den Einsatz von spontanen Helfer besser koordinieren.“ 

Diese meldeten sich ja nicht an, erläutert Banse, „sie stehen plötzlich vor der örtlichen Einsatzleitung und fragen: Wo soll ich jetzt hin? Außerdem muss der Einsatz der Freiwilligen so organisiert sein, dass sie beispielsweise mit ihren Fahrzeugen nicht unsere Einsatzwagen blockieren. Es ist immer besser, man kennt die Ressourcen, die man bekommt.“ Für den Feuerwehr-Präsident ist also klar: „Freiwilliger Einsatz soll eine Hilfe sein, und darf nicht zur Belastung für eine Einsatzleitung werden. Umgekehrt möchten die angereisten Helfer natürlich gerne rasch wissen wo sie nun gebraucht werden. Insgesamt möchte ich betonen: Hut ab vor dem riesigen Engagement von Bürgerinnen und Bürgern aus allen Teilen Deutschlands.“

Wehrleute werden an ihren Heimatstandorten gebraucht

Doch wie lange werden noch die Feuerwehren in den Flutgebieten benötigt? Banse: „Schwer zu beantworten. Die ehrenamtlichen Kräfte muss man irgendwann nach Hause entlassen. Wir können ja nicht monatelang auf sie zurückgreifen. Bevor die letzten Feuerwehrleute das Einsatzgebiet verlassen, werden sicher wohl noch 14 Tage ins Land gehen. Irgendwann wird man dann natürlich den Fokus auf den professionellen Wiederaufbau mit Handwerkern und Fachfirmen legen. Dann ist der Punkt erreicht, an dem der Ehrenamtler wieder seiner eigentlichen Arbeit nachgehen wird.

Man darf auch nicht vergessen: Die Feuerwehr-Einheiten, die jetzt aus Baden-Württemberg, Hessen, Bayern oder Sachsen hergeeilt sind, werden natürlich auch an ihrem Heimatstandort gebraucht.“


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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