Die Tage der Zerstörung, die Tage der Helfer in Erftstadt

Erftstadt  Im kleinen Ort Erftstadt-Blessem bangen die Menschen um ihre Heimat. Flut und Erdrutsche haben sogar Häuser zum Einsturz gebracht.  An Wiederaufbau ist noch nicht zu denken, erst muss sich der Untergrund stabilisiert haben. In der Katastrophe begegnet man einer beispiellosen Hilfsbereitschaft. 

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Es sind die kleinen Gesten, die wirklich groß sind.  Die Tiernotretter Unterland, junge Frauen und Männer, Ehrenamtler, haben ihre Einsatzfahrzeuge am Straßenrand abgestellt. Kurze Pause, sie beratschlagen, erkundigen sich, wo sie gebraucht werden. In der Nacht waren sie gestartet, für Müdigkeit ist kein Platz. Es ist früher Nachmittag, nach dem Katastrophenregen, der Sturzflut, dem Tsunami, wie hier viele in Erftstadt die Katastrophe vom 14. Juli beschreiben, liegt nun schwülheiße Luft über dem Gebiet. Zwei Damen kommen, deuten auf einen mitgebrachteten Korb und fragen im hier typischen Dialekt-Singsang, ob man den Helfern etwas Gebäck und Kaffee anbieten dürfe. Glückliche Gesichter, einige greifen dankbar zu. Und weil die Kolonne aus dem Unterland auch nachtanken muss, öffnet sogar der örtliche Tankstellenbetreiber extra für sie.

Es sind die Tage der Retter. Und Tage der Dankbarkeit. Es sind Tage der Angst, der Verwüstung, des Aufräumens und des Absicherns. Und: Tage der Zweifel. Halten die Steinbachtalsperre und die Dämme? Bleibt mein Haus stehen? Kann ich jemals in mein Heimatdorf zurückkehren? Wo kommen wir unter? Wie geht es weiter? Wird die Versicherung zahlen, die Politik ihre Versprechungen der schnellen Hilfe einhalten? Es geht um Existenzen - und dies nicht nur in dem Ort Blessem, dessen Untergrund gefährlich unterspült scheint und von dem Teile von den Fluten mitgerissen wurden oder abgesackt sind. Sondern in einem weiten Kreis von Trier in Rheinland-Pfalz bis Hagen in NRW, von Belgien bis Bonn ist vieles nicht mehr so, wie es war bis zum 14.7. 

6000 Bürger sind direkt von der Katastrophe betroffen  

Die Bergungsarbeiten auf der B265, die meterhoch unter Wasser stand, gehen voran. Foto: Deglow

In Erftstadt leben circa 50.000 Menschen, im Stadtteil Blessem bis zur Evakuierung etwa 1900 - und insgesamt sind etwa 6000 Bürgerinnen und Bürger der Stadt von der verheerenden Katastrophe betroffen, erklärt die sichtlich bewegte Bürgermeisterin Carolin Weitzel. Auch viele Unternehmer stehen vor dem Nichts. Kneipenbesitzer, die wegen Corona monatelang geschlossen hatten, schieben nun Schlamm aus den Gästeräumen. Das besonders Traumatische für die Menschen ist: Das Wasser der Erft zieht sich zurück, aber die Katastrophe hört nicht auf. Die dunkle Geschichte dieser Tragödie droht weitere Kapitel zu bekommen. 

Auf der Brücke über die Bundesstraße 265 - die Erft hatte sie metertief verschluckt - sagt Feuerwehrsprecher Elmar Mettke, gerade werde im nahen Erftstadt-Liblar damit begonnen, ein Altenheim zu räumen. Möglicherweise ist auch hier noch Bewegung im Untergrund. Erneut müssen also Menschen ihre vertraute Umgebung verlassen. 

Modernde Relikte aus blitzgefluteten Kellern

Bei den Bergungsarbeiten auf der B265 kommt schweres Gerät zum Einsatz. Foto: Deglow

Alleine bei der Stadt Bonn gingen nach einem Aufruf von Oberbürgermeisterin Katja Dörner bisher rund 1000 Angebote von Bürgern ein, die den Verzweifelten in der Region ein Dach über dem Kopf, eine Mitwohngelegenheit bieten möchten.  Dabei war Bonn auch vom Unwetter betroffen, so wie alle Städte und Gemeinden in der Region - davon zeugen auch große Sperrmüllhaufen vor den Häusern, ob in Euskirchen, Wesseling oder Brühl, modernde Relikte aus blitzgefluteten Kellern.

Pressesprecher Mettke redet nun etwas lauter, denn unter uns, auf der B265, kreischen die Schneidbrenner. Leitplanken werden entfernt, um die zerstörten Autos und Lastwagen bergen zu können. Apokalyptische Szenen müssen sich hier abgespielt haben, als plötzlich die Flut auf die tiefliegende, von Böschungen eingehegte Fahrbahn schoss. Binnen weniger Minuten gingen hier dutzende Fahrzeuge unter, manche verschwanden tagelang unter einer zwölf Meter hohen Wasserdecke.  Auch Panzer der Bundeswehr sind jetzt im Einsatz und schweres Gerät des THW. Darüber kreisen permanent Hubschrauber, auch Aufklärungsflugzeuge sind zu sehen. Es wird nach Vermissten gesucht und nach Schwächen im Erdreich. 

Sogar aus Hamburg werden Boote nach Erftstadt gebracht

Dank der Helfer gibt es Fortschritte bei den Aufräumarbeiten. In der Region Köln-Bonn-Euskirchen-Ahrweiler sind Hilfskräfte aus der ganzen Republik im Einsatz. Einmal bringt eine schier endlos lange Kolonne von Lastwagen mit HH-Kennzeichen aus dem fernen Norden dutzende Boote. Auf der anderen Seite der Stadt, Richtung Hürth im Osten, reihen sich derweil über etwa 200 Meter hinweg die Rettungsboote der DLRG aneinander, bereit zum Einsatz.

Ein paar Feuerwehrleute kommen nun entgegen, marschieren Richtung Blessem, dem Epizentrum der Katastrophe im Rhein-Erft-Kreis, sie stärken sich im Gehen mit belegten Brötchen. Wochenenden seien sonst eher die 10.000-Kalorien-Tage, sagt einer der Feuerwehrleute. Stressabbau in einer Situation, die auch für erfahrene Helfer extrem ist. Die Frauen und Männer in Uniform und Dienstkleidung, ob ehrenamtlich oder hauptberuflich, leisten hier einen zweifellos großen, historischen Dienst am Gemeinwesen. Ein Einsatzleiter sagt: „Wenn ich meiner Truppe die Pausen nicht verordnen würde, dann würde sie 24 Stunden am Stück arbeiten.”

Dutzende TV-Teams aus ganz Europa sind vor Ort 

Armin Laschet, Erftstadts Bürgermeisterin Carolin Weitzel und Rhein-Erft-Landrat Frank Rock vor der Feuerwehrleitstelle in Erftstadt-Liblar Foto: Deglow

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Armin Laschet treten auf die Brücke, die über die B265 führt, verschaffen sich einen Überblick über die Bergungsmaßnahmen, blicken auf eine Szenerie, die die Zerbrechlichkeit unserer vermeintlich sicheren, selbstverständlichen Strukturen deutlich macht. Beide werden schon in der Feuerwehrleitstelle in Liblar erwartet. Dutzende TV-Teams aus ganz Europa sind vor Ort. Die Katastrophe ist auch deshalb groß, weil jeder spürt, dass es jeden jederzeit treffen kann, weil Extremwetter in der Klimakrise zunehmen. 

Laschet lacht - eine groteske, irritierende Situation

Während Frank-Walter Steinmeier sich an die Menschen wendet, versucht, das Leid in Worte zu fassen, steht Laschet noch im Hintergrund, im Schatten des geöffneten Tores zur Feuerwache. Plötzlich lacht Laschet - erst nur etwas, dann deutlich sichtbar, ja herzhaft. Eine groteske, irritierende Situation. Offenbar hatte tatsächlich jemand etwas Lustiges erzählt. Der Ministerpräsident und CDU-Parteichef, der Kanzler werden will, ist sichtlich amüsiert. Auch Betroffene haben freien Blick auf die verstörende Situation, und auch Kameras fangen dies ein. Rheinische Frohnatur im Land der Trauer, der Tragik, des Traumas? 

Währenddessen spricht der Bundespräsident tröstende Worte, richtet sich respektvoll an die Menschen: Ihnen sei nichts geblieben außer „ihrer Hoff­nung“. „Und diese Hoffnung dürfen wir nicht enttäuschen.“

„Da hinten geht gerade meine Altersvorsorge unter”

Ulrich Tabbert steht vor seinem Auto, das er mit Pumpen und Stromgenerator beladenen hat. Blessem ist seine Heimat. Er sorgt sich um sein Haus, denn es ist seine Altersvorsorge. Foto: Deglow

Die Hoffnung hat Ulrich Tabbert nicht aufgegeben. Vor der Polizeiabsperrung Richtung besagter Brücke wartet er mit seinem Wagen auf Einlass in das inzwischen aus Sicherheitsgründen komplett abgeriegelte, womöglich unterspülte Blessem. Tabbert, 63, findet einen Satz, um seine Verzweiflung zu formulieren: „Da hinten geht gerade meine Altersvorsorge unter”, sagt er und blickt gen Westen - dieser gestandene Mann in seiner Handwerkerkleidung schämt sich nicht seiner Tränen. Er zeigt seinen Kummer. Es ist unvorstellbar, dass er an diesem Tag nur ein einziges Mal herzhaft lachen wird. 

Hier ist seine Heimat, hier hat er 1986 gebaut. Seine Kinder sind in Blessem aufgewachsen.  Das Haus hat er heute vermietet, er lebt 60 Kilometer weiter weg im Rhein-Sieg-Kreis. Nach der Katastrophe ist er sofort Richtung Blessem aufgebrochen. Seit Samstagmorgen darf er, wie alle anderen auch, den Ort nicht mehr betreten. Sein Auto hat er schwer beladen mit Stromgenerator und drei Pumpen. Niemand kann ihm sagen, wie lange er noch warten muss. Aber er will zu seinem Haus, um zu retten, was noch zu retten ist. Ein Haus, das immer mehr durchnässt, weil der Keller nicht abgepumpt werden kann und das Grundwasser drückt.

Teile der alten Blessemer Burg sind zerstört 

Gemäuer ist empfindlicher als manche denken, und von den Behörden gibt es noch keine Freigabe, dass der Untergrund unter Blessem stabil genug ist, um eine Rückkehr zu erlauben. Zu viel ist schon eingestürzt, die Erft hat sich einen neuen Weg in die benachbarte - manche sagen dem Ort viel zu nahe - Kiesgrube gesucht und reißt selbst Teile der Burg mit sich, deren Geschichte rund 700 Jahre zurückreicht. Der Blessemer Krater steht jetzt schon weltweit symbolisch neben den Bildern aus Ahrweiler etwa für die Katastrophe vom 14. Juli.

Ein Wohnmobil ist vorübergehend das neue Zuhause 

Nach dem Unwetter in Nordrhein-Westfalen
Aufräumarbeiten in Erftstadt Liblar. THW Mitarbeiter stehen hinter einem Haufen entsorgter Sachen. Foto: dpa

Ein Bewohner des Ortes schildert seine Erlebnisse. Der 62-Jährige lebt nur gut 100 Meter von jener Kante entfernt, wo Teile des Dorfes verschwunden sind. Auch er darf noch nicht zurück. Am Nachmittag des 14.7. kam der Regen urplötzlich, erinnert er sich. Er trug einige Akten aus dem Souterrain, wo auch sein Büro ist - „da unten ist ja unser ganzes Leben in Unterlagen dokumentiert”.  Das Wasser steigt außen immer höher, es drückt schon gegen die Fenster. Er entscheidet, oben zu bleiben, erkennt die Gefahr. Wenige Sekunden später folgt ein lauter Knall, Fenster bersten, „wie ein Wasserfall” ergießt sich die Flut ins Kellergeschoss. Vor einem Jahr erst hat sich der Mann ein Wohnmobil gekauft, in der bald beginnenden Altersteilzeit sollte es damit durch Europa gehen. Nun schläft das Ehepaar in diesem Wohnmobil, bangt um Haus und Heimat. „Aber wir geben nicht auf. Nie”, sagt er. 

Es sind Tage, an denen sich Durchhaltevermögen und Stärke und Charakter beweisen. In Erftstadt zeigen sie sich gerade in Hülle und Fülle.  Ulrich Tabbert etwa, der Handwerker, hat gleich mehrere Traumen erfahren. Er hat nicht nur ein mit Wasser vollgelaufenes Haus zu verkraften, dass so nah ist und doch so unerreichbar fern. Sondern er war auch Zeuge und Helfer in der Not, als sich ein Lastwagenfahrer auf der gerade überfluteten Bundesstraße zwischen Blessem und Liblar an das Dach seines Fahrzeuges klammerte und um sein Leben kämpfte. 

„Wir leben in der Natur, wir leben mit der Natur”

Zum Abschied sagt Tabbert: „Wir dürfen nicht nur immer an uns selbst denken. Im Ahrtal, in Hagen, in Belgien oder den Niederlanden sind auch sehr viele Menschen von diesem schrecklichen Unglück betroffen. Diese Tragödie sollte doch ein Denkanstoß sein, dass wir alle mal ans Überlegen kommen.” Der 63-Jährige wiegt sein Haupt, dann sagt er leise: „So einen Regen hat es seit Jahrhunderten nicht gegeben. Wir leben in der Natur, wir leben mit der Natur - und wir müssen doch etwas für sie tun und dankbar sein, dass wir sie haben.”

Es sind die Tage der Zerstörung, aber auch die der Helfer und des Zusammenhalts.

 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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