Bundeswehr startet den neuen Freiwilligendienst

Berlin  Am Dienstag haben die ersten Rekruten ihre Ausbildung begonnen. Sieben Monate dauert die Ausbildung im Rahmen von „Dein Jahr für Deutschland“. Insgesamt fünf Einsatzmonate, auf sechs Jahre verteilt, folgen. Missionen im Ausland sind nicht vorgesehen. Der Chef des Bundeswehrverbandes André Wüstner sieht noch einige offene Fragen. 

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Sieben Monate dauert die Ausbildung im Rahmen von „Dein Jahr für Deutschland“. Insgesamt fünf Einsatzmonate, auf sechs Jahre verteilt, folgen. Missionen im Ausland sind nicht vorgesehen. Foto: dpa

„Dein Jahr für Deutschland“ – unter diesem etwas pathetisch klingenden Motto sind am Dienstag die ersten 325 Rekrutinnen und Rekruten im Rahmen des neuen Freiwilligendienstes für den Heimatschutz in ihre Ausbildungskasernen eingerückt. Nach Angaben der Bundeswehr gab es sogar 9000 Bewerber für den Start des Programms. „Wir waren selbst überrascht, wie groß das Interesse ist“, sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Berlin zum Auftakt des Dienstes. Gemeinsam mit dem scheidenden Parlamentarischen Staatssekretär Peter Tauber (CDU) und General Markus Laubenthal, dem stellvertretenden Generalinspekteur der Bundeswehr, erläuterte sie die Details, auch mit Blick auf künftige Bewerbungsrunden.

Hauptziel des Freiwilligendienstes: Die Bundeswehr will zusätzliche Kräfte für Krisen- und Katastropheneinsätze im Inland bereithalten, wie sie gerade auch in der Corona-Pandemie benötigt werden. Im ersten Jahr sollen 1000 Männer und Frauen ausgebildet werden. Der Dienst besteht aus einer siebenmonatigen militärischen Ausbildung -  bestehend aus drei Monaten Grundausbildung und einer anschließenden Spezialausbildung. Hinzu kommen Reservisteneinsätze in den folgenden sechs Jahren – diese Einsätze sind begrenzt auf insgesamt fünf Monate.

"Wehrdienst light"

Die Freiwilligen könnten beispielsweise im Katastrophenfall, nach schweren Unglücken oder in der Pandemiebekämpfung helfen – oder, nach einer Schwerpunkt-Ausbildung im Objektschutz, bei der Sicherung von bedeutenden Gebäuden. Im Prinzip sorgen die Freiwilligen für eine Entlastung der Soldatinnen und Soldaten, die heute bereits vielfältig im Einsatz sind. Insofern ist das neue Angebot an diejenigen gerichtet, die sich engagieren möchten, die vielleicht erst einmal die Bundeswehr kennenlernen wollen, bevor sie sich länger binden, oder die als Staatsbürger in Uniform dienen möchten, ohne gleich eine - möglicherweise gefährliche - Auslandsmission im Hinterkopf haben zu müssen. Einsätze im Ausland sind jedenfalls nicht vorgesehen. Manche bezeichnen den Dienst auch als eine Art „Wehrdienst light“.


 
Der Name Heimatschutz sei bewusst gewählt worden und korrigiere frühere Fehler, betonte die Ministerin.  Den Heimat-Begriff habe man zu lange allein den Rechten überlassen, die ihn für ihre Zwecke missbrauchen würden. Nun gehe es auch darum, den Begriff in die „demokratische Mitte“ zurückzuholen. Heimat sei ein Lebensgefühl, mit dem man Miteinander und Zusammenhalt verbinde.

Bei der Ausgestaltung noch einige Fragen offen

André Wüstner, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes, sagte unserer Redaktion: „Grundsätzlich begrüßt der Deutsche Bundeswehrverband den neuen Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz. Es gibt viele junge Menschen, die einen Beitrag für ihr Land leisten wollen. Deshalb ist es gut und richtig, innerhalb der Gesellschaft breit über den Dienst in der Bundeswehr zu diskutieren und sich auch zu informieren.“

Wüstner fügte aber hinzu: „Allerdings bleiben bei der Ausgestaltung des Freiwilligen Wehrdienstes im Heimatschutz noch einige Fragen offen - vor allem mit Blick auf die materielle Ausstattung, die Ausbildungsorganisation sowie Infrastruktur und damit die grundsätzliche Finanzierbarkeit des Projekts für die kommenden Jahre.“ Und letztendlich gehe es um die Präzisierung des „Wofür Heimatschutz“, so Wüstner, „denn nur ein besseres THW in Flecktarn zu sein, darf niemals der Anspruch der Bundeswehr werden“.

Kritik: "Schnupperkurs für die Bundeswehr"

Kritisch äußerte sich auch der Präsident des katholischen Wohlfahrtsverbands, Peter Neher. Er sagte der ARD: „Die Bundeswehr sollte es als das bezeichnen, was es ist: Es ist eine Art Schnupperkurs für die Bundeswehr“, Freiwilligendienste seien das Vorrecht der Zivilgesellschaft, nicht des Staates.  Neher fordert, die bestehenden Freiwilligendienste wie das Soziale Jahr, das Ökologische Jahr und den Bundesfreiwilligendienst zu stärken.

Die Verteidigungsministerium betonte indes: „Wir nehmen niemanden etwas weg.“  Wenn die Bundeswehr vielmehr mit der Einführung des neuen Dienstes eine Debatte über eine stärkere Förderung von freiwilligem Engagement in der Gesellschaft anstoße, so Kramp-Karrenbauer, dann sei dies eine gute Entwicklung. 

Hintergrund:

In Baden-Württemberg gibt es zwei Standorte für die  Grundausbildung für die Freiwilligen im Heimatschutz: in Walldürn und Bruchsal. Zunächst sollen deutschlandweit pro Jahr 1000 Interessierte teilnehmen können. Für die siebenmonatige Grundausbildung, zu der ein Monat Urlaub gehört, erhalten die Rekrutinnen und Rekruten monatlich 1550 Euro. Für die Bundeswehr eröffnet sich mit dem Programm zehn Jahre nach Aussetzung der allgemeinen Wehrplicht ein zusätzliches Reservoir an Reservisten.
 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

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