Wolfgang Reinhart: "Ich höre sogar von Parteiaustritten"

Interview  Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Parteichefin findet nicht nur Zustimmung. Gerade im Südwesten hat Friedrich Merz viele Anhänger, die ihn lieber an der Parteispitze gesehen hätten. Der baden-württembergische CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart im Interview.

Von Hans-Jürgen Deglow

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Wolfgang Reinhart, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg.

Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen CDU-Parteichefin findet nicht nur Zustimmung. Gerade im Südwesten hat Friedrich Merz viele Anhänger, die ihn lieber an der Parteispitze gesehen hätten. Einige hatten sich in der „Initiative für Friedrich Merz“ zusammengetan. Von Parteimitgliedern in der Region ist die Wahl höchst unterschiedlich aufgenommen worden.

Beim Parteitag in Hamburg berichtet der baden-württembergische CDU-Fraktionschef im Landtag, Wolfgang Reinhart, im Interview mit der Heilbronner Stimme sogar von Parteiaustritten.

 

Herr Reinhart, wie groß ist die Enttäuschung? 

Wolfgang Reinhart: Es war ein spannendes Rennen mit einem sehr knappen Ausgang. Alle drei Kandidaten haben inhaltlich gute Reden gehalten. Bei aller Enttäuschung, dass es Friedrich Merz nicht geschafft hat, ist diese demokratische Entscheidung der Delegierten zu akzeptieren.
 

Sie sagen richtig, es war knapp. Das bedeutet nun?  

Reinhart: Jetzt geht es darum, dass wir die fast 49 Prozent einbinden, dass wir alle Lager mitnehmen und zusammenführen. Das wird Aufgabe der neuen Parteichefin sein. Sie muss die Partei auch breiter aufstellen, die christlichen, liberalen, sozialen und konservativen Flügel dürfen nicht vernachlässigt werden.  Die Gefahr ist, dass wir die Ränder verlieren, wenn wir nicht handeln. Einen Prozess der Erneuerung zu führen bedeutet, die zum Teil verlorene bürgerliche Mitte zurückzugewinnen. Es richten sich also hohe Erwartungen an die neue Parteichefin. 
 

Die Erwartung ist auch, dass der Schwung aus den Regionalkonferenzen erhalten bleibt. 

Reinhart: Alle drei Bewerber für den Parteivorsitz haben jedenfalls in den Regionalkonferenzen mit tausenden Parteimitgliedern dazu beigetragen, dass wir eine lebendige Debattenkultur gesehen haben. Aber wir müssen darauf achten, dass dies nachhaltig ist. Für die Zukunft muss gelten: Wir dürfen in der CDU nie mehr alternativlos diskutieren. 
 

Der JU-Chef wird neuer General. Wird es die Aufgabe meistern? 

Reinhart: Paul Ziemiak tritt in große Fußstapfen, vor ihm haben Politiker wie Geißler oder Biedenkopf Geschichte als Generalsekretär geschrieben. Er wird genauso wie die Parteichefin bei der Ausarbeitung des neuen Grundsatzprogramms gefordert sein. Bei den Zukunftsfragen müssen wir uns so ausrichten, dass wir in der Mitte der Gesellschaft bleiben. Die erste wichtige Wegmarke wird für die Führungsspitze die Europawahl sein.
 

Wie ist die Stimmung in Baden-Württemberg?  

Reinhart: In Baden-Württemberg haben sich in den letzten Wochen viele Kreisverbände Friedrich Merz als neuen Parteichef gewünscht. Jetzt ist dort natürlich Frustration spürbar, ich höre heute sogar von Parteiaustritten, weil es Merz nicht geschafft hat.  Die Sorge vieler Christdemokraten an der Basis ist doch, dass uns der politische Kurs in Berlin fehlt, um die Erosion an den Rändern zu stoppen. 
 

Damit es nicht noch mehr Enttäuschte in der CDU gibt... 

Reinhart: Ein Prozess wie wir ihn mit den Regionalkonferenzen und der Bewerbung von drei Kandidaten hatten, birgt auch Risiken. Es gibt am Ende viele Enttäuschte. Deshalb darf man die Unterstützer von Merz und auch die von Spahn nicht als Verlierer zurücklassen. Ich bin gespannt, wie die neue Parteichefin diese Aufgabe lösen wird.

 


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