"Wir brauchen eine Jugendquote in Parteien"

Heilbronn/Berlin  Wie geht es weiter mit den "Fridays for Future"? Diesen Freitag findet kein Schulstreik in Heilbronn statt, die Organisatoren wollen ihn für jede zweite Woche etablieren. Der bekannteste deutsche Jugendforscher, Klaus Hurrelmann, spricht über die Klimademos, die Senkung des Wahlalters und die Jugend von heute.

Von Bigna Fink

"Wir brauchen eine Jugendquote in Parteien"
In Österreich dürfen 16- und 17-Jährige schon seit zehn Jahren an allen Wahlen teilnehmen – in Deutschland bald auch? Foto: dpa

Seit mehr als drei Monaten streiken Schüler bundesweit für eine bessere Klimapolitik. Beeindruckt davon fordert Justizministerin Katarina Barley (SPD) das Wahlrecht ab 16 auf Bundesebene. Klaus Hurrelmann, Deutschlands bekanntester Jugendforscher, beobachtet die Proteste der jungen Menschen mit großem Interesse, bei zwei "Fridays-for-Future"-Demonstrationen in Berlin war er mit dabei. Im Interview mit der Heilbronner Stimme spricht der Sozialwissenschaftler über diese neue Bewegung, einen Generationenkonflikt und das Jugendwahlrecht.

 

Herr Hurrelmann, wie beurteilen Sie die freitäglichen Schülerstreiks für das Klima?

Klaus Hurrelmann: Das ist schon ganz bemerkenswert, dass so eine junge Gruppe sich derartig politisch betätigt. Wir konnten in unseren Langzeit-Jugendstudien erkennen, dass das politische Interesse seit etwa 2002 ansteigt, weil sich die wirtschaftliche Lage für sie verbessert hat. In der Pubertät betrachtet man die Welt so sensibel wie nie, und die wirtschaftliche Lage ist ein ganz wichtiger Indikator für Politikwahrnehmung. Aber dass die Jugendlichen heute so intensiv und professionell ihre Bewegung in Form von Demonstrationen mit Reden, Plakaten, organisieren, das ist wirklich auffällig. Da nehmen auch Zehnjährige teil, die sich gut artikulieren können, warum sie auf der Straße sind. Viele Erwachsene sind ja total überrascht und perplex, dass Kinder diese Fähigkeit haben, sich politisch so ausdrücken zu können.

 

Was ist das Besondere an den Protesten der "Fridays for Future"?

Hurrelmann: Ich wüsste nicht, dass wir schon so eine, man kann schon sagen, kinderpolitische Bewegung gehabt hätten. Denn die bisherigen politischen Proteste wurden meist von Studierenden, also von 25- bis 30-Jährigen gesteuert. Etwa die 68er-Bewegung oder die Anti-Atomkraft-Aktivitäten. Jetzt haben wir die außergewöhnliche Situation, dass die 15- bis 20-Jährigen die Anführer und vor allem Anführerinnen sind.

 

Wie nachhaltig schätzen Sie diese Bewegung ein?

Hurrelmann: Zurückblickend kann man sagen, wer hätte vor drei Monaten prognostiziert, dass diese Bewegung so lange anhält? Insofern ist es jetzt schon eine ganz ungewöhnliche Nachhaltigkeit, ein großes Durchhaltevermögen. Und ich würde mal intuitiv sagen, das wird nicht von heute auf morgen abklingen. Sie haben es bisher geschafft, sich nicht von Parteien oder Organisationen vereinnahmen zu lassen, sie wirken nach wie vor sehr authentisch und frisch, das ist ihre ganz große Stärke.

 

Sehen Sie hier einen Generationenkonflikt?

Hurrelmann: Die jungen Leute machen schon sehr deutlich, dass sie darunter einen Generationenkonflikt sehen. Entscheidungen von älteren Menschen werden von ihnen als kurzsichtig und fahrlässig angegriffen, weil sie intuitiv spüren, dass es sich um Veränderungen im Klima handelt, die sie sehr viel stärker treffen werden als die heute Machthabenden in der Politik, die meist über 50 Jahre sind. Eventuell ist auch das, was aus Großbritannien zu uns rüberkommt, ein Echo der Demos.

 

Wie meinen Sie das?

Hurrelmann: Bei der Brexit-Entscheidung war es den Regierenden nicht gelungen, die unterschiedlichen Generationen zu versöhnen. Die Jungen haben mehrheitlich gegen den Brexit und für die EU gestimmt, aber die Mehrheit, die Alten, hat sich durchgesetzt und die Jungen sind sozusagen die Leidtragenden.

 

Haben Sie auch Verständnis für die Widerstände von Eltern und Lehrern bezüglich der Klimademos?

"Wir brauchen eine Jugendquote in Parteien"
Klaus Hurrelmann. Foto: Privat

Hurrelmann: Aber selbstverständlich, klar. Die jungen Leute provozieren, sie schwänzen die Schule. Sie verstoßen also gegen ein in ihrer Entwicklung ganz wichtiges Recht. Sie sammeln sich damit völlig zu Recht Kritik an. Aber das machen sie aus Kalkül. Sie tragen damit das Thema Umweltschutz in die Familien, in die Schulen hinein. Denen bleibt gar nichts anderes übrig, als auch inhaltlich mit den jungen Leuten über das Thema zu sprechen.

 

In neun Bundesländern, darunter seit 2014 auch Baden-Württemberg, dürfen Jugendliche schon ab 16 Jahren bei den Kommunalwahlen ihre Stimme abgeben. Bei Landtagswahlen ist das bisher in Deutschland lediglich in vier nördlichen Ländern möglich. Halten Sie Wählen ab 16 auch für Bundestagswahlen für sinnvoll?

Hurrelmann: Ja. Ich plädiere seit 1994 für eine Absenkung des Mindestwahlalters, weil wir schon damals in Studien erkennen konnten, dass das politische Interesse deutlich vor 18 Jahren ausgeprägt ist. Wenn ich das ganz abstrakt einschätze, hat heute ein durchschnittlicher junger Mann, eine junge Frau mit zwölf Jahren, die soziale Urteilsfähigkeit, die intellektuelle Kapazität, einzuschätzen, worum es bei einer Wahl geht. Die Schwerpunkte der Parteien einzuschätzen, die Repräsentanz dieser Positionen durch Personen wahrzunehmen, das kann man in diesem Alter.

 

Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass die Deutschen mehrheitlich dagegen sind und das Wahlalter bei 18 Jahren behalten wollen.

Hurrelmann: Ich glaube, wir tun gut daran, mit der Forderung eines Wahlrechts ab zwölf Jahren vorsichtig zu sein und auch noch etwas Sicherheitszeit in den Lebenslauf einzubauen. Aber ich denke, man kann mit Fug und Recht versuchen, einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen, dass ab 14 Jahren ein Wahlrecht möglich ist.

 

Studien zeigen, dass die Wahlbeteiligung bei Jüngeren deutlich geringer ist als bei den Älteren.

Hurrelmann: Je älter die Bevölkerung, desto stärker geht sie zur Wahl, das ist ein traditionelles Muster. Wenn wir das Wahlalter absenken, dann könnten wir die jungen Leute über die Schule hervorragend vorbereiten auf den Wahlvorgang. In Bremen, wo es ein Wahlrecht ab 16 für die Landtagswahlen gibt, wurden die Jugendlichen 2009 durch Probewahlen vorbereitet, man konnte üben und trainieren. Und das hat dazu geführt, dass ihre Wahlbeteiligung sehr hoch und der Anteil der ungültigen Stimmen sehr gering war.

 

Welche Parteien könnten denn von den jungen Wählern profitieren?

Hurrelmann: Erstwähler, in welchem Alter auch immer, wählen laut unseren Hinweisen sehr bunt, schöpfen das Parteienspektrum breit aus. Sie sind unbefangen, Spontanisten. Es gibt aber keinen Zweifel, dass die Grünen schon seit etwa 15 Jahren bei der jungen Generation vorne liegen, erst dann kommt die CDU und mit Abstand die SPD und andere Parteien.

 

Die 16- bis 17-Jährigen machen nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung aus, etwa eineinhalb Millionen Menschen. Was würde eine Senkung des Wahlalters gesellschaftlich bedeuten?

Hurrelmann: Es wäre ein kleiner Schritt, ein fast symbolischer, aber es ist eine Grundsatzfrage: Je früher man sich im Leben an Wahlen beteiligt, desto ernster wird man genommen, und desto ernster muss man sich natürlich auch mit politischen Themen auseinandersetzen. Und wenn wir jetzt diese jungen Leute von dem vornehmsten politischen Recht ausschließen, nämlich sich aktiv an der Zusammensetzung der Parlamente zu beteiligen - kann man dafür wirklich argumentieren? Ich glaube nein, die Demonstrationen zeigen, dass sich die Zeiten geändert haben.

 

Die Alterspyramide zeigt: Immer mehr ältere Menschen leben in Deutschland.

Hurrelmann: Es gibt gerade eine Generationenumwucht, einen Bevölkerungszuwachs sondergleichen bei den Älteren, vor allem bei den über 80-Jährigen, weil sich das Leben so stark verlängert. Weil es so viele alte Menschen gibt, schlagen deren Interessen sehr stark durch. Wenn diese Ungerechtigkeit ausgeglichen werden soll, dann müssen politische Maßnahmen eingebaut werden. Insofern hat eine Absenkung des Wahlalters wenigstens die Bedeutung, dass man die junge Generation nicht weiter ausschließt aus solchen Entscheidungen. Ein radikaler Vorschlag von einigen Leuten dabei ist ja auch das Wahlrecht von Geburt an. Die Eltern müssten dann die Stimme bis zum zwölften Lebensjahr führen. Aber das ist wahrscheinlich verfassungsrechtlich nicht möglich, weil ein Mensch seine Stimme selbst abgeben muss.

 

Was kann noch für die Jugend in der Politik getan werden? Wie binden wir die jungen Menschen ein?

Hurrelmann: Die Parteien müssen sich bemühen, dass es spannend ist, zur Wahl zu gehen. Sie müssen sich darum kümmern, dass sie junge Leute erreichen. Man muss bedenken, heute sind die Mitglieder der normalen Parteien im Durchschnitt 60 Jahre alt. Eines Tages sind die Parteien aber auf die Stimmen der jungen Leute angewiesen. Ich bin für eine Jugendquote. Die Parteien sollten sich verpflichten, so wie bei der Frauenquote, 30 Prozent der Kandidaten unter 35 Jahren aufzustellen. Dann ändern sich auch ihre Arbeitsweisen.

 

Zur Person

Klaus Hurrelmann erforscht seit mehr als 50 Jahren die Jugend. Der 75-Jährige ist im Leitungsteam der World-Vision-Kinderstudien und der Shell-Jugendstudien. 26 Jahre war er Soziologie-Professor an der Universität Bielefeld, seit 2009 arbeitet er als Senior Professor für öffentliche Gesundheit und Bildung an der Hertie School of Governance in Berlin. 

 

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