Wie sich jüdisches Leben in Berlin entfaltet

Berlin  Wie leben Juden in Deutschland heute? Die Heilbronner Volkshochschule zeigt darüber eine Ausstellung. Vor allem Berlin ist für junge Israelis sehr angesagt. Wir haben uns in der Hauptstadt umgehört.

Von Bigna Fink
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Wie sich jüdisches Leben in Berlin entfaltet

Die Neue Synagoge in Berlin wurde 1866 eingeweiht und war das größte jüdische Gotteshaus Deutschlands. Heute ist sie ein Kulturzentrum.

Foto: dpa

Ob DJs, Gastronomen, Komiker, Start-up-Gründer - kaum eine andere Stadt weltweit ist für junge Israelis so beliebt wie die deutsche Hauptstadt.

"Die Rückkehr der Juden in das Land, das sie einst ausgestoßen hat, ist eine Sensation. Das macht dieses Phänomen der Israelis in Berlin so interessant", sagt Ilan Weiss in seiner Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Der 69-jährige Versicherungsmakler studierte einst Maschinenbau in Deutschland und zog 1990 mit seiner Familie nach Berlin. Er gründete 2001 das beliebte Netzwerk "Israelis in Berlin".

Ihn fasziniert der jüdische Witz, der bekannt für seine Selbstironie und seinen schwarzen Humor ist. Zwei Bände mit modernen jüdischen Witzen hat der Berliner herausgebracht, "Sex am Sabbath?" heißt eines. Ilan Weiss zufolge kommen Israelis hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Berlin. "Vor allem im kulturellen Bereich gibt es hier sehr viele Möglichkeiten für sie."

Heilbronn und Berlin haben lange jüdische Tradition

Die 40-jährige Nirit Bialer ist eine Art Nachfolgerin von Weiss - sie gründete vor acht Jahren die Initiative Habait, hebräisch für "Zuhause". Das Projekt vermittelt aktuelle israelische Kultur in Berlin. Ein Grund, warum seit Jahren viele Israelis hierher ziehen, erklärt sich Bialer auch so: "Junge Leute aus aller Welt kommen nach Berlin, derzeit mit die hippste Stadt der Welt. Für viele Israelis war es noch vor zehn Jahren aus Respekt vor den Holocaustüberlebenden eine große Hürde, in das Land zu ziehen, dessen früherer Staat ihre Familie ermorden ließ und das jüdische Volk vernichten wollte." Heute sei ein Wandel leichter möglich.

Das Leben der Juden in Berlin hat eine lange Tradition, die jüdische Gemeinde in der Stadt ist mit knapp 10.000 Mitgliedern die größte in Deutschland. In Heilbronn und Umland leben etwa 150 jüdische Bürger, Nazis löschten hier seit 1938 sämtliches jüdische Leben aus. Die Zahl der heutigen Juden in Berlin - mit Nicht-Gemeindemitgliedern zusammen sind es etwa 30.000 Menschen - ist trotzdem verschwindend gering, vergleicht man sie mit den rund 160.000 Juden, die noch 1933 hier lebten und den jetzigen über 3,5 Millionen Stadteinwohnern.

73 Prozent mehr Menschen von Antisemitismus betroffen

Während sich das jüdische Leben in Berlin klein aber fein entfaltet, stieg 2018 die Anzahl an antisemitischen Vorfällen laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) mit 1038 Fällen um 14 Prozent. Besonders sorgt sich das RIAS-Team über die Zunahme von gewaltsamen antisemitischen Angriffen, nämlich von 18 im Jahr 2017 auf 46, um mehr als 50 Prozent. Mit 368 Personen waren laut des neuen RIAS-Berichtes 73 Prozent mehr Einzelpersonen betroffen als im Vorjahr. Die Berliner Meldestelle gibt es seit 2015, seit diesem Februar können judenfeindliche Übergriffe auch bundesweit gemeldet werden.

Im März startete der Berliner Senat ein Landeskonzept zur Antisemitismus-Prävention. "Berlin ist das erste Bundesland, das ein so weitreichendes Konzept verabschiedet hat", sagt die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die das Programm mitgestaltet hat, der Heilbronner Stimme. Denn es umfasse alle gesellschaftlichen Bereiche - von Bildung über Wissenschaft und Kultur bis hin zu Polizei und Justiz.

Großteil der judenfeindlichen Vorfälle kommen von rechts

"Berlin setzt damit ein ganz klares Signal: Wir stehen an der Seite aller Jüdinnen und Juden. Es reicht eben nicht aus, immer nur ,Nie Wieder" zu sagen, sondern wir müssen das ,Nie Wieder" mit konsequentem Handeln untermauern",so Chebli. In ganz Deutschland wird der Kampf gegen Antisemitismus forciert: Letztes Jahr begann der erste Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung seine Arbeit, und auch in neun Bundesländern gibt es seit 2018 diese Ämter, in Baden-Württemberg mit Michael Blume.

Das Bundesinnenministerium teilte der Heilbronner Stimme folgende Zahlen antisemitischer Straftaten mit: für 2017 wurden diesbezüglich eine linksmotivierte, 71 durch ausländische oder religiöse Ideologien begangene und 1412 rechtsmotivierte Straftaten zugeordnet. "Nazis wird es immer geben", sagt Netzwerker Weiss. "Fremdenfeindlichkeit hat mit Urängsten zu tun. Der Antisemitismus ist dafür ein Kanal."

Viele Initiativen setzen sich für jüdisches Leben ein

Staatssekretärin Sawsan Chebli ist Antisemitismus kein neues Phänomen. Er trete heute nur offener und aggressiver auf. "Morddrohungen gegen israelische Restaurantbesitzer, Gewalt gegen Kippa-Träger, Pöbeleien gegen Menschen, die einen Davidstern tragen: Solche Vorfälle sind keine Einzelfälle und sie kommen nicht nur in Berlin vor", sagt Chebli. Auch selber erlebe sie Hass. "Wir stellen in manchen Wochen 20 Strafanzeigen wegen Beleidigungen und Hetze gegen meine Person." Zahlreiche Initiativen machen sich für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus stark. So soll die in der NS-Zeit zerstörte Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer wieder aufgebaut werden. Der in Palästina geborene Fraktionschef der Berliner SPD, Raed Saleh, hat dieses Projekt mitinitiiert.

Besonders im arabisch geprägten Stadtteil Neukölln gibt es viel neues jüdisches Leben: Klezmer Sessions und Festivals mit jiddischer Musik wie das "Shtetl" sind Publikumsmagneten.


Ausstellung in Heilbronn

Ab Montag, 29. April, ist in der Volkshochschule Heilbronn die kostenlose Ausstellung "Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute" zu sehen.

 


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