Wie Ulrich Schneider 900 Religionsvertreter nach Bayern geholt hat

Lindau  In Lindau am Bodensee findet von Dienstag an die Friedenskonferenz Religions for Peace statt. Ulrich Schneider aus Bad Rappenau hat die Veranstaltung erstmalig nach Deutschland geholt. Im Interview spricht er über Frieden und das christliche Menschenbild.

Von Christoph Donauer
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Am Dienstag beginnt in Lindau am Bodensee die Weltversammlung von Religions for Peace, die zum ersten Mal in Deutschland stattfindet. Möglich gemacht hat das Ulrich Schneider aus Bad Rappenau. Er und die "Stiftung Friedensdialog der Weltreligionen und Zivilgesellschaft" haben die Veranstaltung nach Deutschland geholt. Im Interview spricht Schneider über das christliche Menschenbild und die globale Lage des Friedens.

 

Bundespressekonferenz
Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Pressekonferenz zur Vorstellung des Programms und der Delegierten von Religions for Peace, mit Ulrich Schneider, 17.06.2019 Foto: Christian Thiel, ( email:mail@cthiel.com, mobil: +49(0)177-4815403, Nutzung nur mit Honorar, Belegexemplar, Namensnennung no modelrelease )

Welches Signal wollen Sie von der 10. Weltversammlung von Religions for Peace senden?

Ulrich Schneider: Das Signal, das wir von Lindau aus senden wollen, ist ein interreligiöses Friedenssignal. Wir wollen ein Zeichen setzen, indem Menschen aus über zehn verschiedenen Religionen und aus 100 Ländern zusammenkommen und an einem Tisch darüber reden, wie Frieden möglich wird. Und wir diskutieren darüber, wie man Frieden positiv entwickeln kann.

 

Wie haben Sie und die Stiftung die Versammlung nach Deutschland geholt?

Schneider: Die Weltversammlung findet bisher rund alle fünf Jahre statt, zuletzt vor fünf Jahren in Wien. Als man sich auf die Suche nach einem Versammlungsort begeben hat, hatte Lindau das Alleinstellungsmerkmal, ein Ort zu sein, der weit weg ist von jedem Regierungssitz. Wir treffen uns sozusagen auf neutralem Boden im Dreiländereck zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Wie politisch ist die Konferenz?

Schneider: Die Konferenz ist ein Treffen zwischen Religionsführern, aber eben auch ein Treffen mit Politik und Zivilgesellschaft. Ich glaube, es ist wichtig, dass der Dialog am runden Tisch der Religionen in einzelnen Ländern nicht im abgeschlossenen Raum stattfindet, sondern vernetzt. So kann man Verabredungen treffen und Schritte in Richtung Frieden tun. Ich freue mich sehr, dass der Bundespräsident die Versammlung eröffnet und damit auch ein Zeichen setzt.

 

In der Politik muss das christliche Menschenbild vermehrt herhalten, um sich von anderen abzugrenzen.

Schneider: Als Christ und in Deutschland sozialisiert, ist mir dieses christliche Menschenbild natürlich nah. Aber dieses Menschenbild haben nicht nur wir Christen, es steht auch in vielen anderen Religionen im Mittelpunkt - auch wenn es unterschiedliche Begrifflichkeiten dafür gibt. Die Friedenssuche ist etwas, was viele Religionen gemein haben. Und das ist es auch, was die Menschen in Lindau zusammenbringt: Dass aus ganz unterschiedlichen Perspektiven über Frieden geredet wird.

 

Weltweit geschehen grausame Gewalttaten, bei denen sich Täter auf den Islam berufen. Wie spricht man das gegenüber Islam-Vertretern an?

Schneider: Es kann nicht sein, dass irgendwer im Namen von Religion Anschläge verübt. Aber ich glaube, man kann und darf das nicht auf den Islam reduzieren. Da wird etwas vermischt, was nicht passt. Im Namen von Religionen werden weltweit Anschläge verübt. Das Thema, das wir hier in Lindau auch in den Blick nehmen, ist der Schutz religiöser Stätten. Dabei müssen wir die Anschläge auf Muslime in Neuseeland genauso sehen wie die Anschläge auf Christen in Sri Lanka. Beides ist zutiefst zu verurteilen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, im Namen welcher Religion das geschieht. Das darf nicht sein und daran arbeiten wir hier.

 

Gefühlt erleben wir Momente, in denen wir kurz vorm Krieg stehen, wie im Iran oder Hongkong. Wie ist die globale Lage beim Frieden?

Schneider: Die Situation ist angespannt an ganz vielen unterschiedlichen Stellen in der Welt. Das zeigt, wie wichtig unsere Konferenz ist. Und dass sie eben nicht nur ein Kongress oder ein Gipfel unter vielen sein darf, sondern dass wir hier tatsächlich konkret werden müssen und im Großen wie im Kleinen über diese Konflikte gemeinsam reden müssen. Wir haben neben den zentralen Plenumsveranstaltungen Treffen zwischen verschiedenen Parteien: zwischen Nord- und Südkorea, zwischen Vertretern aus Myanmar und Bangladesch, zwischen Vertretern der Konfliktparteien im Südsudan und viele mehr. So angespannt wie die Lage der Welt ist, so enorm wichtig ist so eine Konferenz, weil wir konkrete Schritte tun werden.

 

Halbzeitbilanz Reformationsjubiläum 2017
Ulrich Schneider (l), und Margot Käßmann beim Reformationsjubiläum 2017.

Was soll am Ende dieser Veranstaltung stehen?

Schneider: Am Ende der Versammlung wird eine Abschlusserklärung stehen, die nicht schon vorgeschrieben ist, sondern die während der Konferenz erarbeitet wird. Sie wird ein Aktionsplan für Religions for Peace international, aber auch für die einzelnen Regionen und Länder sein. Am Ende der Konferenz wird auch der neue World Council gewählt, also der Rat der 60 Personen, die Religions for Peace zwischen den Weltversammlungen vertreten. Ich freue mich übrigens sehr, dass Bischöfin Margot Käßmann sich bereit erklärt hat, als deutsche Vertreterin zu kandidieren. Außerdem findet die Stabübergabe im Generalsekretariat statt. William Vendley, der Religions for Peace fast ein Vierteljahrhundert geleitet hat, geht in den Ruhestand.

 

Immer weniger Menschen sind einer der Kirchen zugehörig. Sehen Sie darin eine Gefahr für Ihre Arbeit?

Schneider: Persönlich sehe ich keine Gefahr. Wichtig finde ich vielmehr, dass man die internationale Perspektive in Betracht zieht. Wenn wir sehen, dass über 80 Prozent der Weltbevölkerung religiös sind, dann macht das deutlich, dass Religionen ein ganz wichtiger Faktor sind, den man nicht außer Acht lassen darf und der vor allem für das Streben nach Frieden immens wichtig ist.

 

Viele sind beim Thema Glaube hin- und hergerissen. Die einen wollen die Trennung zwischen Staat und Kirche, andere appellieren an christliche Werte. Wie denken Sie darüber?

Schneider: Dass Religionen und Staaten weltweit, auch bei uns hier in Europa, in unterschiedlicher Verbindung stehen, das ist Fakt. Diesen Fakt greifen wir auf und zwar mit Blick auf die Unterschiede der Religionen und der Staaten. Die Akteure an einen Tisch zu bringen, ist die Stärke von Religions for Peace. Grundlage dafür ist zu erkennen und zu akzeptieren, dass neben der eigenen Wahrheit die Wahrheit der anderen stehen darf.

 


Zur Person: Ulrich Schneider (46) ist Geschäftsführer der "Stiftung Friedensdialog der Weltreligionen und Zivilgesellschaft". Der Bad-Rappenauer hat die Weltversammlung, die zum zehnten Mal stattfindet, in diesem Jahr nach Deutschland geholt. Die Friedenskonferenz in Lindau findet vom 20. bis 23. August statt. Bis 2013 war er Bundestagsabgeordneter für die Grünen. 2017 organisierte Schneider das Lutherjubiläum für die Evangelischen Kirchen in Deutschland.


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