Weselsky bringt Alkoholverbot in der Bahn ins Gespräch

Interview  Gewerkschaftschef Claus Weselsky fordert mehr Schutz für Bahn-Mitarbeiter. Vor diesem Hintergrund könnte er sich auch vorstellen, den Alkoholausschank in Zügen zu verbieten.

Von Hans-Jürgen Deglow

Claus Weselsky, einflussreicher Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), beklagt mangelnden Respekt gegenüber Bahnmitarbeitern. Viele Lokführer, Zugbegleiter und Bordrestaurantangestellte sind Beleidigungen, Bedrohungen und sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt. Das geht jedenfalls aus einer aktuellen Umfrage der GDL unter den Beschäftigten hervor. Im Interview mit der Heilbronner Stimme erklärt Weselsky, warum er sich ein Alkoholverbot in Bordrestaurants vorstellen kann, und warum er sich sogar mit einer Videoüberwachung anfreunden könnte.

 

Claus Weselsky
"Die Zeiten des eisernen Sparens zulasten der Sicherheit müssen endlich vorbei sein", fordert Claus Weselsky, Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL. Foto:

Herr Weselsky, die GDL hat Lokführer und Zugbegleiter online befragt, wie es um ihre Sicherheit in den Zügen bestellt ist. Die Ergebnisse sind erschreckend. Mehr als die Hälfte wurde schon bedroht, fast ein Viertel schon einmal tätlich angegriffen. Wie nehmen Sie das wahr?

Claus Weselsky: Das war in dieser Dimension auch für uns eine neue Erkenntnis. Fakt ist: Jede einzelne Klage von Mitarbeitern, jede einzelne Belästigung ist eine zu viel. Der Arbeitgeber ist gefordert, entsprechende Sicherheitskonzepte auf den Weg zu bringen. Und wir müssen die Sensibilität bei den Sicherheitsorganen, beispielsweise der Bundespolizei, erhöhen, damit bei Hilferufen schnell und nachhaltig reagiert wird. Grundsätzlich gilt, dass es mit den Sparzwängen so nicht weitergehen kann, wir haben viel zu wenig Personal. Auch nach 22 Uhr oder nach Großveranstaltungen, wenn die Züge besonders voll sind, brauchen wir eine Doppelbesetzung, um die Sicherheit der Zugbegleiter zu erhöhen. Hier ist auch die Politik gefordert. Die Zeiten des eisernen Sparens zulasten der Sicherheit müssen endlich vorbei sein. Wir müssen die Erbsenzähler stoppen, denn man kann nicht das eine wollen und das andere tun. Wir brauchen in den Zügen Menschen mit ordentlicher Qualifikation und mit entsprechender, vernünftiger Bezahlung.

 

Halten Sie die heutigen Maßnahmen für ausreichend, die gegen aggressive Fahrgäste getroffen werden können?

Weselsky: Die Strafen dürfen nicht immer am untersten Level angesetzt werden. Täter müssen die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Dieser Appell ist an die Justiz gerichtet. Denn was sollen sich unsere Mitglieder denn noch alles gefallen lassen müssen? Der Rechtsrahmen reicht im Prinzip, aber er muss auch ausgeschöpft werden.

 

Mehr als 83 Prozent der Bordgastronomen berichteten über Beleidigungen, viele über körperliche Angriffe. Kann man da noch guten Gewissens Alkohol anbieten?

Weselsky: Das berührt eine Grundsatzfrage: Bieten wir in Zügen Alkohol an oder nicht? Alle wissen, dass Alkohol enthemmt. Wir müssen den Alkoholausschank auf den Prüfstand stellen, aus Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter. Für die Bordgastronomen wäre es unzumutbar, von Fall zu Fall zu entscheiden, wem sie Alkohol verkaufen. Das würde nur eine Eskalation provozieren. Die Arbeitgeber sagen, dass unsere Kollegen das Hausrecht stärker durchsetzen sollen. Dieser These pflichte ich bei. Aber auch die Fahrgäste müssen daran erinnert werden, dass sie neben Rechten auch Pflichten haben. Das Hausrecht durchsetzen kann man nur mit gestandenen Eisenbahnern, die dazu bereit und fähig sind, und nicht mit Hilfskräften. Der Dienstleistungsgedanke, der den Kunden als König betrachtet, hat leider zu nachlassendem Respekt geführt. Früher waren die Zugbegleiter noch Beamte mit Vollzugsrechten.

 

"Sparpolitik geht zu Lasten der Sicherheit"
Braucht es eine Videoüberwachung, beispielsweise in den Bordrestaurants?

Weselsky: Mit einer Videoüberwachung in Bordrestaurants zur Ahndung von Straftaten könnte ich mich anfreunden. Allerdings darf dies keinesfalls zur Kontrolle des Arbeitsverhaltens der Mitarbeiter genutzt und damit missbraucht werden. Aber es wäre ein sinnvolles Instrument, wenn die Aufnahmen alleine den Vollzugsorganen für Ermittlungszwecke dienen würden.

 

Ist die zunehmende Respektlosigkeit in Bahnen nicht ein Spiegelbild eines Wandels in der Gesellschaft?

Weselsky: Die Respektlosigkeit hat in der Tat in vielen Lebensbereichen zugenommen. Es fängt an mit Verbalattacken, die schon die Hemmschwelle senken. Wir müssen alle mehr hinschauen und nicht wegsehen, sondern agieren, wenn Menschen ausfällig werden. Es ist einfach mehr Zivilcourage nötig.

 

Noch eine ganze andere Frage: Wer soll neuer Bahnchef werden? Der frühere Kanzleramtsminister Ronald Pofalla?

"Sparpolitik geht zu Lasten der Sicherheit"
Sicherheitsmitarbeiter der Deutschen Bahn bei der Vorstellung sogenannter Bodycams in Berlin. Foto:

Weselsky: Zu Personalien äußere ich mich nicht. Eigentlich brauche ich keinen neuen Bahnchef so dringend, ich brauche eine Bahnreform, die die Infrastruktur stärkt. Ich hoffe, dass es noch lange dauert, bis diese Personalie geklärt ist. Damit die Parlamentarier und die Bundesregierung Zeit haben, um zunächst eine weitere Bahnreform in die Wege zu leiten. Das hat Vorrang vor der Neubesetzung des Postens. Jedenfalls sollte der neue Bahnchef in Industrie und Politik gut vernetzt sein, um eine bessere Infrastruktur durchsetzen zu können.


Kommentar hinzufügen