Wegen Fukushima wird die Pressefreiheit eingeschränkt

Fukushima  Sieben Jahre nach der Dreifachkatastrophe von Japan - Erdbeben, Tsunami, Super-GAU - erweckt die Regierung den Anschein, alles im Griff zu haben. Dafür werden Journalisten in der Berichterstattung behindert.

Von unserem Redakteur Hans-Jürgen Deglow

Fukushima
Von einem Tsunami zerstörte Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima Dai-ichi. Foto: Archiv/dpa

Es scheint fast so, als habe Japan die Folgen der furchtbaren Reaktorkatastrophe von Fukushima im Griff. Am 11. März 2011 überflutete ein Tsunami, ausgelöst von einem gewaltigen Meeresbeben, weite Teile der japanischen Ostküste. Mehr als 15.000 Menschen starben an diesem Tag, in Fukushima kam es zum atomaren Super-GAU. Doch heute ist kaum etwas zu sehen, zu hören, zu lesen von radioaktiver Verseuchung. Ist Japan also auf dem Weg zu Normalität?

Miserables Zeugnis ausgestellt

Auf der Suche nach einer Antwort lohnt ein Blick in den Jahresbericht 2017 der Organisation Reporter ohne Grenzen. Der Bericht gibt unter anderem darüber Auskunft, in welchen Ländern Presse- und Meinungsfreiheit einen hohen Stellenwert haben – und wo diese Rechte eingeschränkt oder gar unterdrückt werden. 2010, im Jahr vor der Katastrophe, nahm der Inselstaat weltweit Platz 11 ein und war damit eines der Länder, in denen die Pressefreiheit einen besonderen Schutz genoss. Heute stellt Reporter ohne Grenzen dem Land ein miserables Zeugnis aus. Japan ist auf den 72. Platz zurückgefallen. Damit ist es unter den G-7-Mitgliedern der Staat mit den wenigsten Pressefreiheiten.

Journalisten müssen mit Haftstrafen rechnen
 
Nach Angaben der Reporter-Organisation werden seit der Nuklear-Katastrophe freie Journalisten bei ihrer Arbeit behindert, wenn sie zu dem havarierten Atomkraftwerk, der Betreibergesellschaft Tepco oder den Verbindungen von Atomlobby und japanischer Regierung recherchieren wollen. Ein 2013 beschlossenes Gesetz bestraft die Verbreitung von geheimen Informationen mit bis zu zehn Jahren Haft. Weitere Folge der Einschränkungen: Die meisten Medien in Japan üben inzwischen Selbstzensur, Kritik an der Regierung findet so gut wie nicht statt.
 
Preise für Agrarprodukte haben sich nicht erholt

So bleibt die Situation vor Ort unklar. „3/11“ – die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall hat Japan zweifellos verändert. Was aus dem Land dringt, ist dies: Noch immer machen viele Japaner einen großen Bogen um Lebensmittel aus der einstigen Kornkammer des Landes. Ob Reis, Pfirsiche oder Fleisch: Die Preise für Fukushimas einst begehrte Agrarprodukte haben sich nicht erholt.

Japan habe die „weltweit striktesten Standards“, wenn es um Strahlenbelastung bei Lebensmitteln gehe, betont heute Wiederaufbauminister Masayoshi Yoshino. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie wilde Pilze oder Kastanien seien die Grenzwerte bei sämtlichen anderen Produkten schon seit drei Jahren nicht überschritten worden, sagt Gouverneur Masao Uchibori. Dank gigantischer Dekontaminierungsarbeiten seien die durchschnittlichen Strahlenwerte einen Meter über dem Boden in einem Radius von 80 Kilometern um die Atomruine um rund 74 Prozent im Vergleich zum November 2011 gesenkt worden. Heute lägen die Werte in Städten der Provinz Fukushima in etwa auf demselben Niveau wie in anderen größeren Städten der Welt, beispielsweise Berlin, behauptet Minister Yoshino.
 
Aufräumarbeiten längst nicht beendet

Bergung Wunschdenken oder Wirklichkeit? Die Bundesregierung sieht jedenfalls bei den Aufräumarbeiten noch viele Schwierigkeiten. Langfristig werde insbesondere die Bergung der geschmolzenen Materialien eine Herausforderung sein, heißt es in der Antwort auf eine Grünen-Anfrage, berichtet dpa. Technische Lösungen dafür würden „noch untersucht“ – sind also noch nicht gefunden. „Mittelfristig bleibt die Entladung der Brennelemente aus den Lagerbecken der Blöcke 1 bis 3 eine große Herausforderung“, schreibt das Bundesumweltministerium.
 
Greenpeace warnt Menschen vor Rückkehr
 
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht längst keinen Grund zur Entwarnung, und warnte nun die früheren Anwohner wegen weiter teils hoher Strahlenbelastung vor einer Rückkehr nach Fukushima. In den umliegenden Gemeinden Iitate und Namie habe man stellenweise eine Radioaktivität gemessen, die bis zum Hundertfachen über den international für die Bevölkerung geltenden Grenzwerten liege, heißt es in einer aktuellen Untersuchung von Greenpeace Japan. Die hohe Radioaktivität in diesen Gebieten stelle mindestens bis in die 2050er Jahre und sogar teils ins nächste Jahrhundert hinein ein „signifikantes Risiko“ für die Rückkehr in Sicherheit gebrachter Anwohner dar. Die Regierung gibt sich entspannter, und hob für Iitate und Teile Namies die Evakuierungsanweisungen vor einem Jahr auf.
 
Wissenschaftler von Weizsäcker: noch zu viel Atomkraft in Japan

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Wissenschaftler und Ko-Präsident des Club of Rome, sieht den japanischen Energiekurs weiter kritisch. Von Weizsäcker sagte der Heilbronner Stimme: „Japan hat immerhin zeitweise alle Atomkraftwerke abgeschaltet und die Lichter gingen nicht aus. Man hat die erneuerbaren Energien drastisch ausgebaut. Dass es trotzdem unter der jetzigen konservativen Regierung noch zu viel Atomkraft dort gibt, steht auf einem anderen Blatt.“