Warum es immer mehr faktenfreie Äußerungen im Netz gibt

Interview  Hass und Beleidigungen in sozialen Netzwerken sind eine Plage. Eine kleine, laut krakeelende Minderheit macht der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger für die sprachliche Verrohung verantwortlich.

Von Jens Dierolf

"Faktenfreie Meinungsäußerungen dominieren oft die Diskussionen"

Vor Jahren noch hätten Medienforscher auf eine Versachlichung der politischen Diskussion gehofft, erzählt der Wissenschaftler im Interview. Diese Erwartung sei jedoch bitter enttäuscht worden, sagt Schweiger.

 

Politiker beklagen eine Enthemmung in der politischen Kommunikation. Lässt sich wissenschaftlich nachweisen, dass Zahl und Intensität von Beleidigungen zugenommen hat?

Wolfgang Schweiger: Wissenschaftlich ist es bislang noch nicht untersucht worden. Es ist auch schwierig, Daten nach einheitlichen Maßstäben zu erfassen. Eindeutig zu beobachten ist allerdings, dass das Thema seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr in den Medien einen breiteren Raum bekommen hat. Wenn Politiker oder Würdenträger eine Zunahme an Hass-Mails beklagen, dann halte ich das für glaubwürdig.

 

War es nur die Flüchtlingskrise, weshalb die Hemmschwelle gesunken ist?

Schweiger: Es gibt eine Fülle von Gründen. In bestimmten Milieus ist eine wachsende Unzufriedenheit zu beobachten. Dazu kommen alternative Medien im Internet, die viele Menschen erreichen. Allein mit dem Internet ist dieses Phänomen aber nicht zu erklären. Die Bürger haben im Zuge der Finanzkrise oder im Zuge der Griechenland-Krise gesehen, wie viel Geld der Staat bereit ist zu geben. Gleichzeitig haben sie den Eindruck, übergangen zu werden, gerade wenn sie in eher prekären Verhältnissen leben. Das hat sicher für großen Hass gesorgt.

 

Ist der zentrale Punkt für den Hass eine Elitenverachtung? Oder was kommt alles zusammen?

Schweiger: Das gehört mit Sicherheit dazu, aber es sind verschiedene Punkte. Auch der Vertrauensverlust von Teilen der Bevölkerung in die Medien ist ein Bestandteil. Bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bürger hat das Vertrauen enorm abgenommen. Wir kennen ja alle die Rufe der Lügenpresse oder Systemmedien. Das ist in erster Linie die Gruppe, aus der dieser Groll stammt.

 

Sie sprechen von einer Minderheit. Die Gruppe selbst scheint sich als schweigende Mehrheit zu verstehen?

Schweiger: Genau das ist das Problem. Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass die Zahl der Personen, die sich aktiv und laut in Online-Kommentaren oder sozialen Netzwerken oder Zuschriften zu Wort melden, bei etwa zehn Prozent liegt. Das ist eine laute, krakeelende Minderheit. Viele orientieren sich aber an dieser vermeintlich öffentlichen Meinung. Soziale Medien werden so zu einer Filterblase. Viele Menschen glauben, sie bekommen dort alles mit, was um sie herum läuft. De facto bekommen sie aber vor allem die Meldungen serviert, die ins eigene Weltbild passen. In dieser Filterblase sind dann zum Beispiel Meldungen über kriminelle Flüchtlinge sehr dominant oder über Flüchtlinge, denen der Staat angeblich zu sehr hilft.

 

Und dies führt dann zu einer Enthemmung, die sich in Hass-Mails äußert?

Schweiger: Genau. Diese Menschen gewinnen den Eindruck, alle, die noch vernünftig denken können, oder die nicht den Eliten angehören, seien der gleichen Meinung wie sie, also trauen sie sich, sich auch auch so äußern. Der andere sozialpsychologische Effekt ist, dass man sich in Online-Kommentaren profilieren kann, wenn man eine besonders drastische Formulierung verwendet. Nach dem Motto, denen da oben habe ich es aber mal wieder gegeben. Offensichtlich wird dieser Drang der Menschen so stark, dass sie sich auch außerhalb ihrer Filterblase − gegenüber Politikern oder der vermeintlichen Elite so äußern. Politiker werden dann nicht mehr als Individuen gesehen, als Menschen, die man vor sich sieht, sondern man betrachtet sie anonym als Funktionsträger, mit denen man es ja machen kann.

 

Filterblasen, ein vergifteter Ton in den Debatten und falsche Nachrichten haben die US-Wahl geprägt. Könnte dies auch bei uns Rechtspopulisten zu einer Mehrheit verhelfen?

Schweiger: Wir haben in Deutschland das Glück, dass wir einen gut ausgebauten öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben und eine leistungsfähige Zeitungslandschaft. Das ist in den USA anders. Auch parteinahe Medien wie Fox News in den USA haben wir hier in dieser Form noch nicht. Unsere journalistischen Medien haben noch den Anspruch, unabhängig und ausgewogen zu berichten. Trotzdem: Auch unser starker Nachrichtenjournalismus ist unter Druck und befindet sich in einer Vertrauenskrise. Deswegen mag der Trend langfristig so sein wie in den USA. Dass in Deutschland die AfD einen Kanzler oder eine Kanzlerin stellt, halte ich noch für ausgeschlossen.

 

Zurück zum Thema Hass-Mails. Haben diese nicht vor allem eine reinigende Funktion und sind ein Ventil zum Frust-Abbau?

Schweiger: Die Wissenschaft hat keine Hinweise auf eine reinigende Wirkung. Wir beobachten ja eher, dass Gewaltandrohungen und Hassausbrüche im Internet zu realer Gewalt führen können, etwa wenn Asylbwerberheime angezündet oder fremd aussehende Menschen auf der Straße angepöbelt werden.

 

Also haben sich Hoffnungen in das Internet nicht erfüllt?

Schweiger: Vor fünf bis zehn Jahren hatten Medienforscher noch die Hoffnung, dass das Internet hilft, die Menschen für Politik zu interessieren, dass sich ihr Engagement für Politik erhöht. Man findet dort schließlich alle Informationen, die man sich erwünscht, man kann seine Meinung artikulieren, die Meinung anderer hören und sich weiterbilden. Es gab lange die Hoffnung auf eine sogenannte Diskursöffentlichkeit. Doch in der Breite findet diese nicht statt. Stattdessen dominieren oft faktenfreie Meinungäußerungen.

 

Halten Sie das für eine Phase, die bald vorbei ist oder eher für eine permanente Entwicklung?

Schweiger: Ich befürchte, es ist eine kontinuierliche Entwicklung. Aus Finanzierungsgründen steht der klassische Nachrichtenjournalismus weiter unter Druck. Wenn kostenlose, alternative Medien diese Lücke füllen und teilweise Lügen oder Fehlinformationen verbreiten, dann befeuern sie diese Entwicklung.

 

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Schweiger ist seit Oktober 2013 Leiter des Fachgebiets "Kommunikationswissenschaft insbesondere für interaktive Medien- und Onlinekommunikation" an der Universität Hohenheim. Der gebürtige Münchner (Jg. 1968) hat Kommunikationswissenschaften, Politik und Recht in München studiert. Ende Januar erschien sein Buch mit dem Titel: "Der (des)informierte Bürger im Netz: Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern" (Springer, 214 Seiten, 19,99 Euro). red

 

 

"Faktenfreie Meinungsäußerungen dominieren oft die Diskussionen"

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