Warum die Weltmeere zu heiß sind

Kiel  In einer aktuellen Analyse verzeichnen Wissenschaftler die bisher höchste Erwärmung der Ozeane. Im Interview erklärt der Klimaforscher Mojib Latif, was nun getan werden muss.

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Warum die Weltmeere zu heiß sind

Strand und Meer gelten als Idylle. Doch den Gewässern der Erde geht es schlecht. Die konstante Erwärmung hat nicht nur für Meerestiere gravierende Folgen.

Foto: dpa

Die Weltmeere sind so warm wie nie zuvor. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse, die ein internationales Team aus 14 Wissenschaftlern vorgelegt hat. Demnach waren die Ozeane in den vergangenen fünf Jahren so warm wie noch nie seit den 50er-Jahren. Das Papier wurde im Fachmagazin "Advances in Atmospheric Sciences" veröffentlicht.

Demnach lag die Temperatur der Weltmeere in 2019 um 0,075 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt zwischen 1981 und 2010. Und das nicht an der Oberfläche, sondern bis in zwei Kilometer Tiefe, heißt es in dem Papier. Die Ozean-Temperatur dient den Forschern als Messgröße für den Klimawandel. 90 Prozent der Erderwärmung seit 1970 seien von Meeren aufgenommen worden. Rund vier Prozent entfielen auf Landflächen und Atmosphäre.

Erwärmung der Ozeane entspricht Milliarden Atombombenexplosionen

Insgesamt hätten die Ozeane bisher 228 Sextillion Joule aufgenommen, eine Zahl mit 36 Nullen. Die Einheit Joule wird genutzt, um Energiemengen anzugeben. Hauptautor Cheng Lijing zieht dazu einen drastischen Vergleich: "Die Wärme, die wir den Ozeanen in den vergangenen 25 Jahren zugeführt haben, entspricht der Energie von 3,6 Milliarden Atombombenexplosionen wie in Hiroshima."

Besonders warm wurde es laut der Studie im Antarktischen Ozean. Die Erwärmung dort seit den 70er-Jahren sei für etwas mehr als ein Drittel des globalen Temperaturanstiegs der Meere verantwortlich. Auch der Atlantik, das Mittelmeer und das Europäische Nordmeer zwischen Island und Norwegen wurden deutlich wärmer. In den besonders unter Hitzestress stehenden Regionen komme es zum Sterben von Meerestieren und Korallen, tropischen Stürmen und Überflutungen.

Eine Abkühlung der Meere ist nicht mehr möglich

Die Ozeane abzukühlen, ist im Prinzip nicht mehr möglich. Das betonen die Autoren der Studie. Zu langsam würden die Meere auf Veränderungen reagieren, selbst wenn die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden würde. Allerdings seien die Risiken der Ozean-Erwärmung und der Anstieg der Meeresspiegel weniger verheerend, wenn weniger Treibhausgase ausgestoßen werden würden.

Für ihre Analyse haben die Forscher Daten aus mehreren Quellen genutzt, zum Beispiel die der World Ocean Database. Die Datenbank sammelt Kennzahlen zu den Meeren wie Temperatur, Strömung oder Salzgehalt. Daten kommen von verschiedenen Sensoren, die weltweit an Schiffen, Bojen oder Liegeplätzen befestigt sind. Für besonders tiefe Meeresbereiche haben die Forscher Daten anhand von Modellen hochgerechnet.

Korallen sterben in zu warmem Wasser

Welche Auswirkungen zu warmes Wasser hat, zeigte sich etwa zwischen 2013 und 2015 im Ostpazifik beim Phänomen "The Blob". Zu warmes Wasser sammelte sich vor der nordamerikanischen Westküste bis runter nach Mexiko. Weil Nährstoffe und Sauerstoff zu gering waren, verhungerten Fische, Wale und Seevögel. Vor Hawaii erlitten Korallen die sogenannte Korallenbleiche. Dabei verlieren die Lebewesen ihre Farbe und sterben dann ab. Korallen bieten Fischen und anderen Meerestieren Lebensräume. 2017 wurde ein großer Teil des "Great Barrier Reef" vor Australien beschädigt.


Klimaforscher Mojib Latif mahnt zum Handeln

Den Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel überrascht die Studie nicht. Er warnt seit langem vor der Erderwärmung und dem damit verbundenen Artensterben. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt er, was jetzt getan werden muss.

Herr Latif, die aktuelle Analyse zeigt, dass die Temperatur der Ozeane 0,075 Grad Celsius über dem Schnitt zwischen 1981 und 2010 liegt. Ist das viel?

Mojib Latif: Das bezieht sich auf die oberen zwei Kilometer. Man muss sich klarmachen, welche Dimension diese aufgenommene Wärme hat. Da ist ein Vielfaches des weltweiten Energiebedarfs in den Meeren verschwunden. Damit leisten sie einen großen Beitrag für die Menschheit und bremsen die globale Erwärmung an der Oberfläche, allerdings mit sehr negativen Auswirkungen. Allein durch die Erwärmung steigt der Meeresspiegel, seit 1900 um ungefähr zehn Zentimeter.
 

Ist irgendwann eine Grenze erreicht oder werden die Ozeane immer wärmer werden?

Latif: Solange der Gehalt an Treibhausgasen ansteigt, wird das immer weitergehen.
 

Hat sie das Papier überrascht?

Latif: Nein, das hat mich nicht überrascht.
 

Wie schadet die Erwärmung der Ozeane den Meeresbewohnern?

Latif: Lebewesen im Wasser brauchen Sauerstoff, genau wie wir. Wärmeres Wasser kann aber weniger Sauerstoff halten. Dadurch nimmt die Sauerstoffarmut in vielen Gebieten zu. Außerdem sterben Korallen, denn sie vertragen keine große Erwärmung. Wenn der Klimawandel nicht gebremst wird, werden vielleicht schon bis 2040 alle Korallen tot sein.
 

Einige glauben, es sei ganz natürlich, dass sich das Klima erwärmt. Die Forscher betonen aber, dass diese schnelle Erwärmung durch den Menschen verursacht worden ist.

Latif: Es gibt keine andere Möglichkeit als den Menschen als Verursacher des Klimawandels. Nichts sonst kann diese gewaltige Erwärmung verursacht haben, schon gar nicht die Sonne, die seit Jahrzehnten schwächer scheint. In der Wissenschaft gibt es überhaupt keinen Zweifel daran, dass der Klimawandel menschengemacht ist.
 

Warum zweifeln viele Menschen dennoch daran?

Latif: Eigentlich genießen Wissenschaftler ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. Außer, sie kommen aus der Klimaforschung. Dann wird ihnen vorgeworfen, dass sie betrügen, fremdgesteuert sind oder unter politischem Druck stehen. Es ist wahrscheinlich ein psychologisches Problem, die Menschen fühlen sich erschlagen. Ich glaube, wenn man wirklich in sich hineinhört, erkennt man das Problem an. Es ist wie mit dem Rauchen. Immer wieder wird Helmut Schmidt als Beispiel bemüht, obwohl jeder weiß, dass Rauchen schädlich ist.
 

Würden sich die Meere abkühlen, wenn die Menschheit den Ausstoß von Treibhausgasen verringert?

Latif: Bis die Ozeane sich wieder abkühlen, würde es Jahrhunderte dauern. Wenn man zu Hause Wasser kocht, bleibt es lange warm. Auch bei den Ozeanen dauert es lange, bis sie sich erwärmen und sie bleiben lange warm. Das ist auch der Grund, warum wir an der Küste so ein mildes Klima haben. Die Ozeane speichern die Wärme und geben sie nur langsam wieder an die Luft ab.
 

Im Süden Deutschlands könnte mancher denken: Steigende Meeresspiegel betreffen mich nicht.

Latif: Durch die Erwärmung der Ozeane verdunstet mehr Wasser. Das führt zu mehr Niederschlägen. Auch Starkniederschläge nehmen zu. Es betrifft also nicht nur die Küstenregionen, Wetterextreme werden weltweit intensiviert.
 

Ist die Reduktion von Treibhausgasen der einzige Weg?

Latif: Wenn die Ursache für den Klimawandel erwiesenermaßen der Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist, muss man versuchen, diesen Anstieg so schnell wie möglich zu beenden. Wir müssen daran arbeiten, dass die Treibhausgasemissionen schnell sinken.

 


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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