Von Weizsäcker: Das Thema Klimawandel gewinnt an Dramatik und Dynamik

Interview  Der Ko-Präsident des Club of Rome, der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, sieht die derzeitige globale Hitzewelle als Beleg für den Klimawandel. Doch die Extremwetterlagen seien nur der Auftakt für weit größere Probleme, sagt von Weizsäcker im Stimme-Interview.

Von Hans-Jürgen Deglow

Herr Professor von Weizsäcker, wir erleben nicht nur in Deutschland heiße Tage. Nahezu die gesamte Nordhalbkugel ist von einer Hitzewelle erfasst. Wie viel ist davon Wetter, wie viel ist schon Klimawandel?

Ernst Ulrich von Weizsäcker
Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Ko-Präsident des Club of Rome. Der Club ist ein Zusammenschluss von renommierten Experten aus aller Welt, die sich für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung einsetzen. Foto: dpa

Weizsäcker: Das Massenphänomen auf der Nordhalbkugel betrachte ich als Klimawandel.  Es tritt das ein, was das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schon vor einigen Jahren angekündigt hat: Der Klimawandel zeigt sich in immer häufiger auftretenden Extremwetterlagen. Doch das ist nur der Auftakt, es drohen, wenn wir nicht handeln, weit größere Probleme. Wir müssen mit einem starken Anstieg des Meeresspiegels rechnen. Die Wassertemperatur rund um Grönland, aber auch in der Südsee, ist zuletzt im Vergleich stärker angestiegen als die im Äquatorbereich.

 

Das bedeutet?

Weizsäcker: Der Eisverlust ist jetzt schon bemerkbar. Tendenziell noch bedrohlicher wäre ein mechanischer Riss in den großen Eisblöcken der Welt, in Grönland oder der Antarktis. Es gab vor etwa 7800 Jahren ein dramatisches Ereignis, als in der Region, die wir heute als Hudson Bay und Labrador kennen, eine Eismasse von der Größe des Grönlandeises innerhalb weniger Jahrzehnte, vielleicht auch nur weniger Tage ins Meer rutschte. Etwas ähnliches kann uns bald wieder drohen, und der Meeresspiegel würde schneller und gewaltiger steigen als uns alle lieb wäre. Die Zahl der warnenden Forscher nimmt jedenfalls stark zu.

 

Ist der Klimawandel in der Öffentlichkeit genug präsent?

Weizsäcker: Die deutsche Öffentlichkeit jedenfalls nimmt das Problem schon sehr ernst. Aber es gibt andere, die die Debatte gar nicht heiter finden, wie die Braunkohlelobby. Auch in anderen Ländern wie Kasachstan, Saudi-Arabien oder auch den USA zieht man es einfach vor, das ganze Problem zu ignorieren.

 

Wie stark ist die Lobby, die auf fossile Energieträger setzt?

Vertrocknete Halme ragen auf einem abgeernteten Feld in den Himmel. Die anhaltende Trockenheit bereitet den Bauern erhebliche Probleme.

Weizsäcker: Sie ist stark und ausgesprochen aktiv. In unserem Buch vom Club of Rome „Wir sind dran“ haben wir in einem Unterkapitel über Energie auf ein besonderes Problem hingewiesen, das in den USA am sichtbarsten ist, nämlich das Problem der sogenannten Stranded Assets. Der verlorenen Werte sind Buchwerte von Schürfrechten für fossilen Energiequellen. Wenn die USA so wie Deutschland beim Klimaschutz ernst machen würden, dann würden Schürfrechte im Wert von vielen Billionen Dollar wertlos. Zu den Besitzern dieses Schürfrechte gehören auch die berühmten Brüder Koch, amerikanische Multimilliardäre und besondere Freunde von Donald Trump. Die wollen nicht ihr Vermögen verlieren. Deshalb sagen sie ihrem Präsidenten: Versuch zu verhindern, dass wir arm werden über Stranded Assets. Also macht Trump eine Riesenpropaganda, es wird so viel gefördert wie nie, und der Präsident behauptet, das mache Amerika gesund. Das ganze Vorgehen ist vollkommen aberwitzig, aber diese Kausalität muss man erkennen. 

 

Laut Studien wird sich die Zahl der Klima-Anlagen bis 2050 vervierfachen. Der Energieverbrauch steigt also weiter - das  Symptom wird kuriert, aber die Ursache des Klimawandels nicht bekämpft.

Weizsäcker: Die Solarfreunde werden sagen: kein Problem, wir erzeugen genügend bald Energie aus Sonnenkraft. Aber das allein wird nicht helfen. Es ist ein Problem, weil wir uns hier in einen Teufelskreis begeben haben, aus dem wir endlich herausfinden müssen.

 

Wie groß ist die Gefahr von gewaltigen Klimafluchtströmen in den nächsten Jahren?

Weizsäcker:  Man kann heute schon von Klimaflucht reden. Die Nahrungsbasis wird wegen des Ausbleibens von Regen schmaler. Und dann müssen Menschen, die Lebensmittel nicht einfach auf den Weltmärkten nachkaufen können, plötzlich fliehen. Der Klimawandel wird auch verstärkt zu regionalen Konflikten zwischen Staaten oder Volksgruppe führen und noch mehr Flüchtlingsbewegungen auslösen.

 

Wie schlimm steht es um das Klima?

Weizsäcker: In Südamerika – bisher galt die Amazonas-Region als zuverlässiges Regengebiet, breitet sich heute Trockenheit aus. Ebenfalls in China. Immerhin ist die Erkenntnis da, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der CO2-Konzentration und der Temperatur auf der Erde gibt – das wurde schon in den 80er Jahren physikalisch belegt, als sogenannte Eisbohrkerne analysiert wurden. 20 Jahre davor, als ich selbst Physik studierte, fürchtete man noch eine neue Eiszeit. Darüber müssen wir heute nicht reden. In den letzten zehn Jahren ist die globale Erwärmung weiter vorangeschritten. Heute erleben wir sogar In Schweden Waldbrände, wie es sie lange nicht gab. Das Thema Klimawandel gewinnt wieder an Aktualität, Dramatik und Dynamik.

 

Was würden Sie sich von der Politik in Deutschland wünschen?

Weizsäcker: Ich wünsche mir, dass die Politik beim Kohleausstieg zu einem positiven, andere europäische Staaten beeindruckenden Ergebnis kommt.

 

 

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