Von Vorurteilen geprägt

Antisemitismusforscher Stephan Grigat über den Blick aus Deutschland auf den Nahostkonflikt

Email
Von Vorurteilen geprägtAntisemitismusforscher Stephan Grigat über den Blick aus Deutschland auf den Nahostkonflikt

In Deutschland wird sehr kontrovers über den Nahen Osten diskutiert. Der Antisemitismusforscher Stephan Grigat sieht die Ursache hierfür auch in der nationalsozialistischen Vergangenheit. Im Interview spricht er über deutsche Vorurteile und die Rolle des Iran.

Wird die Geschichte der Juden aus den arabischen Staaten und dem Iran in der Debatte über den Nahostkonflikt in Deutschland vergessen?

Stephan Grigat: Ginge es mit rechten Dingen zu, wäre bei jeder Diskussion über den Konflikt Israels mit seinen arabischen Nachbarn nicht nur von den Palästinensern die Rede, sondern auch von der Diskriminierung, Flucht und Vertreibung nahezu aller Juden aus der arabischen Welt. Der Verweis auf Diskriminierung, Flucht und Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern ist ein Einspruch gegen die verbreitete Annahme, der Antisemitismus in den arabischen Ländern sei ein Resultat der Gründung Israels.

Ist diese Unkenntnis der Geschichte im deutschsprachigen Raum, eine Form von Antisemitismus, der das Leid der Juden in den arabischen Staaten ausblendet?

Grigat: Ich würde Unkenntnis nicht als antisemitisch bezeichnen. Aber die Ignoranz gegenüber dem Leid der Juden aus der arabischen Welt steht im Zusammenhang mit der allgemeinen Sichtweise auf die Region des Nahen Ostens. Und die ist in Deutschland sowohl von Unkenntnis und Unterstellungen als auch von antisemitischen Ressentiments geprägt.

Welche sind das?

Grigat: Israel erinnert alleine durch seine Existenz jeden Tag aufs Neue an die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. Wenn sich Leute in Deutschland mit der palästinensischen Seite identifizieren, spielt in aller Regel auch Schuldabwehr eine entscheidende Rolle. Und angesichts der antisemitischen Traditionen wäre es absurd zu glauben, dass Antisemitismus bei der Beurteilung Israels keine Bedeutung zukäme.

Der Bundestag hat die "Boycott, Divestment, Sanctions-Bewegung" (BDS) für antisemitisch erklärt. Sie fordert die komplette Isolation Israels in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht. So werde der Staat Israel gefährdet und sein Existenzrecht in Frage stellt. Sie unterstützen einen Boykott des Regimes im Iran. Kann ein Boykott Konflikte lösen?

Grigat: Im Fall der BDS-Kampagne verschärft die Forderung nach einem Boykott Israels den Konflikt. Zudem will die globale BDS-Bewegung explizit zur Zerstörung des Staates der Shoah-Überlebenden und ihrer Nachkommen beitragen. Im Fall des iranischen Regimes könnte ein Boykott hingegen zu einer wesentlichen Schwächung des antisemitischen Terrorregimes in Teheran beitragen. Daher sehe ich das als dringend geboten an.


Daub

André Daub

Volontär

André Daub arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen