U-Boote: Unsichtbar und kaum zu hören

Wissen  U-Boote üben nach wie vor eine Anziehungskraft aus. In der zivilen Nutzung werden sie für Schatzsuchen und zur Tiefseeforschung eingesetzt.

Von Torsten Büchele
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Sie tauchen tagelang unter, sind wochenlang auf See − und keiner kriegt es mit. Über U-Boote erfährt die Öffentlichkeit häufig nur dann, wenn sie verunglücken. Unfälle enden oft mit Totalverlust von Boot und Besatzung. Was tatsächlich an Bord vor sich geht, wissen nur wenige.

"Man sieht sie nicht − und wenn es gute Boote sind, hört man sie auch nicht. Niemand weiß, dass sie da sind." Sönke Neitzel bringt den Vorteil der U-Boot-Waffe auf den Punkt. Der Geschichtsprofessor aus Potsdam ist der einzige Militärhistoriker Deutschlands mit Lehrstuhl. Kein Wasserfahrzeug könne derart unerkannt vor allen Küsten der Erde lauern. Aufklärung, Funkverkehr abhören, Agenten absetzen: Was wie Kalter Krieg klingt, ist nach wie vor real.

Das argentinische U-Boot ARA San Juan, das am 15. November im Südatlantik verunglückt ist, sollte laut dem Experten illegal fischende Trawler vor der Küste aufbringen. "Dazu können sie auch ein Küstenschutzboot einsetzen", gibt Neitzel zu. Aber bei der Ortung sind Unterwasserfahrzeuge im Vorteil. "Sie hören unter Wasser mehr, als sie über Wasser sehen. Schiffe sind leicht am Schraubengeräusch zu identifizieren."

Nadelstiche gegen Alliierte

Das erste Schiff, das aus eigener Kraft unter- und wieder auftauchen konnte, entstand 1865. Ende des 19. Jahrhunderts interessierten sich die Seemächte für die neue Technik, im Ersten Weltkrieg hatten sie ihren ersten Auftritt. Die kleinen Boote waren den schwerfälligen Schlachtschiff-Verbänden in Wendigkeit und Tarnung überlegen, ihre Torpedo-Sprengkörper waren eine nahezu unabwendbare Waffe. Die Deutschen versuchten damit, trotz Unterzahl die alliierte Seeblockade zu durchbrechen. Im Zweiten Weltkrieg setzten die Nazis Nadelstiche gegen britische und amerikanische Versorgungs-Konvois. In einer Art See-Guerillakrieg richteten sie mit vergleichsweise wenig Materialeinsatz verhältnismäßig hohen Schaden an.

Im Kalten Krieg wurden U-Boote mit Atomraketen bestückt. So garantierten die Boote einer Atommacht Erstschlags- wie auch Zweitschlagskapazität. Sie waren das Rückgrat im Gleichgewicht des Schreckens.

U-Boote können verschiedene Waffen tragen: Torpedos, Maschinengewehre, Minen, Artillerie, Raketen − ein vielseitiger Waffenträger. Noch heute sind sie im Seekrieg elementar, glaubt Neitzel: "In jeder US-Trägergruppe befindet sich mindestens ein U-Boot. Sie sind unverzichtbar." Aber: "Es ist eine eigene Kriegskunst, die nur wenige Nationen noch beherrschen." Die Großmächte USA und Russland etwa, Frankreich und Großbritannien. Auf Zweitschlagskapazitäten setze vor allem noch Israel.

In geheimer Mission

Wie lange tauchen militärische U-Boote? Was machen sie auf See, und wo fahren sie hin? Missionen bleiben geheim. Der Pressesprecher der Einsatzflottille 1 der Bundesmarine, Bastian Fischborn, gibt sich zugeknöpft. Es gibt nur Anhaltspunkte: Im Oktober erlitt U 35 vor der Küste Norwegens Schäden an den Rudern. Klar ist auch: "Nicht alle U-Boote fahren global", sagt Historiker Neitzel. Dass moderne Militär-U-Boote mehr als zwei Wochen lang tauchen können und Wasserdruck von 600 Meter Tiefe aushalten, ist Stand der Technik − auch wenn Fischborn nichts bestätigt.

Dieses Operieren im Verborgenen, die Unsichtbarkeit und Geräuschlosigkeit der stählernen Kolosse, das Austesten von Grenzen in lebensfeindlicher Landschaft, ihre Fahrten bis ans Ende der Welt − das alles macht die Faszination U-Boot aus.

Selten machen sie Schlagzeilen − meist wenn es zu Katastrophen kommt. Im Jahr 2000 explodierte das russische Atom-U-Boot "Kursk" in der Barentssee. Alle 118 Seeleute starben. Trotzdem betont Neitzel: "U-Boote sind sehr sichere Gefährte." Verluste seien gering. Die Bundesmarine habe nach 1945 ein Boot verloren, das U-Hai, und das stammte noch aus Kriegszeiten. Wie beim Flugzeug trügt der Schein: Nur wenige verunglücken, dann aber verheerend. Entsprechend hoch ist das Medienecho.

Schatzsuche am Meeresgrund

"Marine-U-Boote tauchen nicht tief, sondern lang und weit. Zu Forschungszwecken setzt man andere ein", weiß Neitzel. Nämlich Tiefsee-Tauchboote, Bathyskaphen. Sie erreichen jeden Punkt am Meeresboden. Mit ihnen tauchen Forscher nach Wracks und Bodenschätzen. Robert Ballards Suche nach der "Titanic" in 3800 Metern und nach der "Bismarck" in 4800 Metern Tiefe sind bekannt. 1960 tauchten Jacques Piccard und Don Walsh zum tiefsten je erreichten Punkt bei minus 10?740 Metern im Marianengraben.

Meeresbiologen erforschen mit Bathyskaphen Fauna und Flora der Tiefsee. "Es gibt den berühmten Satz: Wir wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über den Grund des Meeres", zitiert Neitzel. Der Militärhistoriker erklärt: "Mehr als 50 Prozent der Erde liegen unter minus 100 Metern. Wenn wir den Globus, das Klima und seine Zusammenhänge verstehen wollen, müssen wir unter Wasser forschen."

Geschichte der U-Boote

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