Politikwissenschaftlerin de Nève: „Demokratie muss gelernt werden“

Interview  Die Analyse der Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen zeigt: Gerade Männer und Arbeiter wählen verstärkt AfD. Die Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève erklärt, warum.

Landtagswahl Sachsen - Wahllokal
Wie lassen sich die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen erklären? Foto: dpa

Die AfD hat bei den Landtagswahlen sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen stark zugelegt. Dabei fällt auf, dass gerade Männer und Arbeiter verstärkt zu den AfD-Wählern zählen. Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève erklärt, was es damit auf sich hat und wie man die Politik der Rechtspopulisten unattraktiver macht. 

 

Frau de Nève, ignorieren die anderen Parteien mit dem Ausschluss der AfD aus Koalitionsgesprächen den Willen der Wähler? 

Dorothée de Nève: An Regierungskoalitionen wird immer nur ein Teil der Parteien beteiligt, denn es werden ja keine Allparteienkoalitionen gebildet. Wer die AfD wählte, wusste diesmal sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen, dass diese Partei keine realistische Regierungsoption hat. Wir sollten dies indes nicht geringschätzen, denn in einer Demokratie erfüllt auch die Opposition sehr wichtige Funktionen. 

 

Dem Osten wurden über die Jahre von der Politik viele Programme versprochen, die die Region stärken sollten und Ängste vor dem Kohleausstieg nehmen sollten. Fördert es antidemokratische Haltungen der Wähler, wenn solche Versprechen nicht eingehalten werden?

de Nève: Nicht eingehaltene Versprechungen sind natürlich problematisch, das ist klar. Im schlimmsten Fall führt dies zu Misstrauen und Verdrossenheit. Bei allen Hoffnungen, die es in Bezug auf blühende Landschaften gab, sollten wir aber nicht vergessen, dass in die Entwicklung der neuen Bundesländer viel investiert wurde. Wir leben in einer postindustriellen Gesellschaft. Solche Ausstiege von veralteten Technologien waren gesellschaftlich immer schmerzhaft. Das gilt für Großbritannien und NRW genauso wie für die Lausitz. 

 

Was sind die dringendsten politischen Themen, die in Sachsen und Brandenburg nun angegangen werden sollten? Würde ein Fokus auf diese Themen den anderen Parteien helfen, die AfD zu entzaubern und Wählerstimmen zurückzugewinnen?

de Nève: Der Fokus auf bestimmte Themen wird nicht reichen. Wer Rechtspopulisten den Erfolg streitig machen will, muss Probleme lösen. In erster Linie geht es um soziale Sicherheiten in Bezug auf Wohnen, Arbeit und Rente. 

 

Hängen antidemokratische Haltungen mit Bildung zusammen?

de Nève: Antidemokratische Haltungen finden sich in allen sozialen Schichten, unabhängig von Bildung und Einkommen. Die Art, wie diese antidemokratischen Haltungen artikuliert werden, unterscheidet sich vielleicht. Der Punkt ist, dass die Demokratie das einzige politische System ist, das gelernt werden muss. Das passiert nicht von selbst. Politische Bildung muss bewusst vermittelt werden. Ein Vergleich: Wer Auto fahren kann, versteht nicht automatisch, wie so ein Motor funktioniert. Das muss gelernt werden. So verhält sich das in der Demokratie eben auch. 

 

Woran liegt es, dass mehr Männer als Frauen AfD wählen?

de Nève: Es sind in der Tat viele Männer, die sich für die AfD entscheiden. Offenkundig haben sie den Eindruck, dass die AfD ihre Interessen besser vertritt. Dabei geht es um eine Abwehr von Modernisierung und gesellschaftlichem Wandel. Gerade in den regionalen Gliederungen der AfD sind viele ältere Männer engagiert. Das ist für Wählerinnen in Kombination mit einem ewiggestrigen Familien- und Geschlechterkonzept keine attraktive Option. 

 

Politikwissenschaftlerin Dorothée de Nève
Prof. Dr. Dorothée de Nève. Foto: dpa

Zur Person

Prof. Dr. Dorothée de Nève ist Professorin für das politische und soziale System Deutschlands und den Vergleich politischer Systeme am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Sie betreibt unter anderem Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung.

 


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Annika Heffter

Volontärin

Annika Heffter ist seit Oktober 2018 Volontärin bei der Heilbronner Stimme. Ihr journalistischer Schwerpunkt sind Internationale Beziehungen. Zuletzt arbeitete sie für internationale Organisationen in Russland und Österreich sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den USA.

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