Nur schnelles Handeln bremst den Klimawandel

Genf  Die Vereinten Nationen fordern Mut zum Umdenken. Schlimmere Katastrophen können noch vermieden werden, heißt es in einem nun vorgestellten Bericht zum Klimawandel. Club-of-Rome-Präsident von Weizsäcker sagt: Wir sind nicht ehrgeizig genug.

Von Hans-Jürgen Deglow und Dirk Godder, dpa

Nur schnelles Handeln bremst den Klimawandel

Internationale Wissenschaftler beschreiben, was passiert, wenn wir nicht rasch umdenken. Und, was wir tun können, um uns und das Klima zu retten.

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Missernten, Dürren, steigende Meeresspiegel: Die Begrenzung des Klimawandels und seiner Folgen wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen fordert in einem Sonderbericht rasches Handel in allen Bereichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zwar seien die Folgen für die Weltbevölkerung dann immer noch spürbar. Eine Erwärmung um zwei Grad würde aber die Lebensgrundlagen für Hunderte Millionen Menschen bedrohen.

Im Pariser Klimaabkommen hat die Weltgemeinschaft sich darauf verständigt, den Klimawandel bei "deutlich unter zwei Grad" zu bremsen. Wissenschaftler wurden beauftragt, auszuarbeiten, ob und wie das machbar ist. Nun legte der Weltklimarat (IPCC) seine Ergebnisse vor: Veränderungen seien notwendig bei Energie, Industrie, Gebäuden, Transport, Verkehr, Landnutzung, Städtebau und Konsum. Der globale Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Klimagasen müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 netto bei Null liegen.

Mehr Extremwetter und steigender Meeresspiegel

Das 1,5-Grad-Ziel bezieht sich nicht auf die derzeitige Temperatur, sondern auf die vor der Industrialisierung, denn seitdem hat die Erde sich bereits um etwa ein Grad erwärmt. Es bleiben also nur 0,5 Grad. "Eine der Kernaussagen des Berichts ist: Wir sehen derzeit bereits die Konsequenzen von einem Grad Erderwärmung - wie mehr Extremwetter, steigende Meeresspiegel, schwindendes arktisches Meereis", sagte der Co-Vorsitzende einer IPCC-Arbeitsgruppe, Panmao Zhai.

Einig sind sich die meisten Forscher, dass die Welt derzeit sogar auf drei bis vier Grad Erwärmung zusteuert - mit unvorstellbaren Folgen. Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, dass die Staaten ihre Ziele nachschärfen. Genaue Regeln sollen beim Klimagipfel im Dezember beschlossen werden.

Der IPCC-Bericht macht deutlich, was durch ein entschiedenes Umdenken zu retten ist:

  • Die Begrenzung auf 1,5 Grad könnte die Zahl der Menschen, "die klimabedingten Risiken ausgesetzt sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen" verringern.

  • Bei 1,5 Grad werden Ernteeinbußen bei Mais, Reis, Weizen und weiteren Getreidearten verringert.

  • Der Meeresspiegel wird bei 1,5 Grad bis zum Jahr 2100 um 10 Zentimeter weniger stark klettern als bei 2 Grad.

  • Etwa 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe würden bei 1,5 Grad sterben. "Mit 2 Grad wären praktisch alle verloren."

  • Das Risiko großer Systembrüche, wie Schmelzen des Grönlandeises, verringert sich bei 1,5 Grad.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker. Foto: dpa

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome, fordert mehr Anstrengungen für den Klimaschutz. Der Wissenschaftler sagte der Heilbronner Stimme zum Bericht des Weltklimarates: "Wir sind in praktisch allen Ländern nicht ehrgeizig genug. Wenn man das 1,5-Grad-Ziel einhalten will - was für die Hoffnung auf eine erträgliche Klimastabilisierung fast die wichtigste Bedingung ist - muss man weltweit sehr viel ehrgeiziger werden."

Handel mit Verschmutzungsrechten

Von Weizsäcker plädiert für die Umsetzung des "Budget-Ansatzes" bei der Umweltverschmutzung. Gemeint ist ein Handel mit Verschmutzungsrechten, der Staaten motivieren soll, in saubere Energieformen zu investieren. Er sagte: "Die mit Abstand größte Dynamik der weiteren CO2-Zunahme findet natürlich in den Entwicklungsländern statt. 90 von 100 im Bau oder in Planung befindlichen Kohlekraftwerke sind in Entwicklungsländern einschließlich China. Da hat es dann beinahe nur noch symbolische Bedeutung, ob Deutschland das 40 Prozent Minderungsziel einhält." Er fügte hinzu: "Aber es gibt meines Erachtens genau eine Strategie, um die Entwicklungsländer ins Boot zu holen. Das ist der sogenannte Budget-Ansatz: Jedes Land der Erde hat ein pro Kopf gleich großes Budget der Atmosphärenverschmutzung."

Nur hätten die alten Industrieländer dieses Budget schon fast verbraucht, so von Weizsäcker. "Ab 2024 hätten wir keine Erlaubnisse mehr. Dann müssten wir shoppen gehen in die Entwicklungsländer, die noch reichlich Budget haben. Die würden uns mit Kusshand aber zu stolzen Preisen Lizenzen verkaufen. Und das hätte die sensationelle Folge, dass es über Nacht in den Entwicklungsländern profitabel würde, geplante Kohlekraftwerke nicht zu bauen und stattdessen den Übergang zu Effizienz und erneuerbaren Energien zu beschleunigen und die freiwerdenden Lizenzen an uns und andere alte Industrieländer zu verkaufen."

Der Vorschlag sei bereits 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) vorgebracht worden, doch 2009 bei der Klimakonferenz in Kopenhagen hätten Amerikaner, Russen und die Saudis erfolgreich "gemauert".

Die Forderung des Club-of-Rome-Chefs: "Wir sollten den Vorschlag schleunigst wieder aufgreifen, auch ohne Amerikaner, Russen und Saudis. Wir wären dann ökonomisch gezwungen, die heimischen Hausaufgaben zu machen und die Transformation zur Klimaneutralen Wirtschaft zu beschleunigen. Dies wäre ein Rezept, den Amerikanern mal wieder technologisch davonzulaufen. Und vor allem würden wir die sehr ärgerliche Situation los, dass egal was wir machen, die globale Erwärmung fast ungebremst weiter geht, weil die Entwicklungsländer sich praktisch nicht ändern."