Mehr Jetpiloten kündigen bei der Luftwaffe

Heilbronn/Berlin  Neun Piloten haben 2018 ihren Dienst bei der Luftwaffe quittiert, in den vier Jahren davor waren es insgesamt fünf. Die FDP im Bundestag sieht als Hauptmotiv die Unzufriedenheit der Piloten. Sie bräuchten mehr Flugstunden, sagt der Abgeordnete und Wehrexperte Marcus Faber.

Von Hans-Jürgen Deglow
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Mehr Jetpiloten kündigen bei der Luftwaffe
Beim Taktischen Luftwaffengeschwader 73 "Steinhoff" in Laage startet ein Eurofighter. Foto: dpa

Das Verteidigungsministerium steht in der Kritik. Soldaten klagen über Ausrüstungsmängel, mit der Sanierung der Gorch Fock geht es nicht voran, und in der Luftwaffe gibt es zu offenbar zu wenig einsatzbereite Flugzeuge. Auf eine parlamentarische Anfrage der Liberalen im Bundestag, die der "Heilbronner Stimme" vorliegt, räumte das Ministerium ein, dass 2018 neun Jetpiloten gekündigt haben. Der FDP-Verteidigungsexperte Marcus Faber äußert sich im Interview zur Lage der Luftwaffe.

Herr Faber, 2018 haben neun Piloten bei der Bundeswehr gekündigt. Das Ministerium äußert sich nicht zu den Beweggründen. Wissen Sie mehr über die Motive der Offiziere?

Marcus Faber: Die Zahl der Kündigungen mag zwar klein erscheinen, aber es gab einen Anstieg um 50 Prozent. Die Tendenz ist also eindeutig. Ich habe mit einigen Piloten gesprochen, und der Kern des Problems ist klar: Sie gehen zur Luftwaffe, weil sie fliegen wollen. Aber meist stehen die Maschinen am Boden, weil sie nicht einsatzbereit sind. Unsere Piloten werden sehr gut ausgebildet, damit sie Einsätze fliegen können, beispielsweise beim Air Policing zur Sicherung des Luftraumes über dem Baltikum. Die Frustration nimmt aber zu, wenn die Jets nicht starten können, weil es mit der Wartung nicht vorankommt oder weil Ersatzteile fehlen.
 

Welche praktischen Folgen ergeben sich daraus?

Faber: Die nötigen Flugstunden bekommen die Piloten oft erst im Einsatz, reine Übungsflüge fallen viel zu oft aus. Die Offiziere brauchen eine gewisse Zahl von Stunden in der Luft, um ihre Fluglizenz zu erhalten. Bei Hubschrauberpiloten haben wir es in jüngerer Vergangenheit schon erlebt, dass sie ihre Lizenzen verloren haben, weil sie die Mindestanzahl von Flugstunden nicht erreicht hatten. Hier läuft etwas gehörig falsch. Der Vergleich mit unseren Partnern, beispielsweise Frankreich oder Großbritannien, macht betroffen, dort sind viel mehr Flugstunden möglich. Ein weiteres Problem ist, dass unsere Piloten heute lange im Unklaren bleiben, wie bzw. ob es mit ihnen nach dem aktiven Flugdienst - der regulär mit 41 Jahren endet - bei der Bundeswehr beruflich weitergeht.
 

Warum hat die Bundeswehr ein Wartungsproblem?

Faber: Das Material steht nicht zur Verfügung, weil man notwendige Mittel zur Instandhaltung nicht zur Verfügung stellt. Im Bundesverteidigungsministerium wurden Verträge mit Firmen geschlossen, die nicht unbedingt zur schnellen Abarbeitung der Instandsetzungsaufträge führen, sondern zu längeren Standzeiten. Wir sollten der Industrie ein Enddatum für eine Reparatur nennen, damit die Luftwaffe Planungssicherheit für Einsätze hat. Mit solchen Fristsetzungen haben Nato-Partner gute Erfahrungen gemacht, ohne dass sie die Sicherheit der Piloten gefährden. In Großbritannien beispielweise sind die Eurofighter-Piloten jeden Monat doppelt so lange in der Luft wie unsere Piloten.
 

Und keine Aussicht auf Besserung in Deutschland?

Faber: Derzeit haben wir in einigen Bereichen der Luftwaffe eine Einsatzbereitschaft von etwa nur 30 Prozent. Das muss deutlich mehr werden, weil sich das Bündnis auf uns verlassen können muss. Stattdessen sind die Flugzeiten rückläufig, und auch die Zahl der einsatzfähigen Maschinen geht zurück. Mit dem Abbau der Tornadoflotte wird sich das Problem verschärfen. Bisher ist nämlich noch nicht entschieden, durch welchen Jet der Tornado ersetzt werden wird. Wenn man sich dann einmal entschieden hat, wird es noch Jahre dauern, bis alle neuen Flugzeuge da sind. Die nächste große Lücke kommt hier auf uns zu.


In den nächsten sieben Jahren gehen 194 Piloten in den Ruhestand, etwa 160 Neueinstellungen sind geplant laut Antwort der Regierung auf Ihre Kleine Anfrage. Wird die Personallücke noch größer?

Faber: Jeder in der Bundeswehr kennt das Problem. Aber das Ministerium handelt nicht. Nun reagiert man, in dem man das Symptom pflegt, anstatt es zu beheben. Weil es zu wenig Flugstunden mangels einsatzbereiter Flugzeuge gibt, werden weniger neue Piloten ausgebildet. Falls es wirklich einmal neue Flugzeuge gibt, werden wir ein verschärftes Personaldefizit haben. Hinzu kommt dass unsere Piloten als hoch ausbildete Fachkräfte auf dem freien Markt natürlich sehr begehrt sind. Die private Wirtschaft zahlt attraktiv, und die Piloten dürfen dort auch endlich fliegen und sichern ihre Fluglizenz. Es gibt immer noch ein Kommunikationsdefizit, was die Dramatik des Problems betrifft, zwischen Luftwaffe und Ministerium. Im Ministerium ist das Thema noch nicht wirklich angekommen, obwohl wir schon lange darüber sprechen. Ministerin Ursula von der Leyen spricht zwar von einer Trendwende bei Material und Personal, aber die Wahrheit ist, dass sich bislang kaum etwas bei der Wartung und damit der Einsatzbereitschaft geändert hat.
 

Wurde die Truppe nach dem Ende des Kalten Krieges insgesamt vernachlässigt?

Faber: Ja. Unter dem Stichwort Friedensdividende hat man die Bundeswehr und insbesondere die Luftwaffe in den letzten Jahren kaputtgespart.Bei der Luftwaffe ist dies besonders auffällig, weil der investive Anteil an den Kosten sehr hoch ist. Wenn man mit Nato-Partnern redet, mit Balten, Niederländern oder Tschechen, dann wird eine recht klare Erwartungshaltung an eine starke Nation wie es Deutschland ist formuliert. Die Erwartungen erfüllen wir derzeit nicht.


Mehr Jetpiloten kündigen bei der Luftwaffe
Der FDP-Wehrexperte Marcus Faber.

Zur Person: Marcus Faber

Marcus Faber (35) aus Sachsen-Anhalt ist Bundestagsabgeordneter und FDP-Wehrexperte. Der Politiker aus Stendal hat seinen Grundwehrdienst als Panzerpionier in der Elb-Havel-Kaserne Havelberg absolviert und ist promovierter Politologe.

 

 

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