Linda Teuteberg: Das Glück der Freiheit ist nicht selbstverständlich

Potsdam  30 Jahre nach dem Tag, an dem Hans-Dietrich Genscher den DDR-Flüchtlingen in der bundesdeutschen Botschaft in Prag die Nachricht über ihre Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik überbrachte, würdigt FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg im Interview den starken Freiheitsdrang der Ostdeutschen.

Linda Teuteberg: Das Glück der Freiheit ist nicht selbstverständlich
30.09.1989, Prag: Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (unter dem Fensterkreuz rechts) steht mit anderen Politikern auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft. Der FDP-Politiker verkündete den DDR-Bürgern im Garten, dass ihre Ausreise möglich geworden war. Foto: dpa

Die 38-jährige Potsdamerin ist oft Hans-Dietrich Genscher begegnet. Von ihm stammt der wohl berühmteste, unvollendete Satz der deutschen Geschichte. Am 30. September 1989 verkündete Bundesaußenminister Genscher auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ..." Der Rest ging im Jubel der DDR-Flüchtlinge unter.

 

Frau Teuteberg, wenn Sie die Szenen von damals heute betrachten - was geht in Ihnen vor?

Linda Teuteberg: Die Erleichterung und die unbändige Freude über die Freiheit, die diese Worte auslösen, berühren mich immer wieder noch zutiefst. Dabei wünsche ich mir, dass wir heute das Glück der Freiheit nicht so selbstverständlich nehmen.
 

Wofür bewundern Sie die Menschen in der Botschaft, oder die Menschen, die in Leipzig und anderen Städten auf die Straße gingen?

Teuteberg: Vor allem für ihren Mut. Brücken abzubrechen, neues zu wagen. Mit hohem persönlichem Risiko. Niemand in der Botschaft konnte damals wissen, ob dieser Fluchtversuch nicht in der Haft enden würde. Und gerade die Menschen, die zuhause auf die Straße gingen, gingen hohe Risiken ein. Dass diese Revolution eine friedliche bleiben würde, konnte damals niemand wissen. Im Gegenteil, viele Menschen hatten die Bilder vom Juni aus Peking, vom Platz des Himmlische Friedens, vor Augen. Und die Worte von Egon Krenz im Ohr, der im September 1989 Peking besuchte und erklärte, die SED stehe »auf der Barrikade der sozialistischen Revolution« dem gleichen Feind gegenüber. Es gab die begründete Angst, dass es auch in der DDR eine »chinesische Lösung« geben könnte. Dafür hatte die SED auch Vorbereitungen getroffen. Was es bedeutete, gegen dieses Regime auf die Straße zu gehen, ist für viele heute kaum zu ermessen.

Linda Teuteberg: Das Glück der Freiheit ist nicht selbstverständlich
Ein Zeltlager auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft, das für DDR-Bürger aufgebaut wurde, die auf eine Ausreise in die Bundesrepublik warten. Im Hintergrund ist die Prager Burg zu erkennen. Foto: dpa

Und wofür bewundern Sie Genscher?

Teuteberg: Der Hallenser hat nie das Ziel der Deutschen Einheit aufgegeben. Vom KSZE-Prozess in den 70er Jahren über den hoch umstrittenen NATO-Doppelbeschluss Anfang der 80er bis zur Perestroika Gorbatschows: Immer stand für ihn die Deutsche Frage auf der Tagesordnung, während andere sich mit der Teilung unseres Landes abgefunden hatten. Wenn Kohl der Kanzler der Einheit war, dann war Genscher der Architekt der Einheit.
 

Zur Person

Linda Teuteberg: Das Glück der Freiheit ist nicht selbstverständlich
Die Potsdamerin Linda Teuteberg ist heute Generalsekretärin der FDP. Foto: dpa

Linda Teuteberg wurde im April 1981 in Königs Wusterhausen geboren. Sie ist seit 2017 Mitglied des Bundestages. Die Rechtsanwältin lebt in Potsdam und ist im Obfrau der FDP-Fraktion im Innenausschuss sowie deren migrationspolitische Sprecherin. Zuvor gehörte Teuteberg von 2009 bis 2014 dem Landtag Brandenburg an. Seit April 2019 ist sie FDP-Generalsekretärin. Die 38-Jährige ist zudem stellvertretende Vorsitzende des Vereins -Gegen Vergessen Für Demokratie <de.wikipedia.org dessen Ziel die Stärkung der Demokratie und die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen und dem Unrecht des SED-Regimes ist.

Ist uns heute ausreichend bewusst, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist?

Teuteberg: Deutschland ist nicht auf dem Weg in einen Zwangsstaat. Aber Karl-Hermann Flach hat einmal formuliert: Freiheit stirbt zentimeterweise. Wenn ich mir die heutigen Debatten anschaue, muss ich leider sagen: Nein. Mit unserer Freiheit wird sehr leichtfertig umgegangen. Auch weil viele nicht verstehen, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit zusammengehören. Vorschläge wie ein Mietendeckel oder gar Enteignungen sind Werkzeuge aus der Sozialistischen Mottenkiste. In der DDR wurde darüber gespottet: Ruinen schaffen ohne Waffen. Auch wegen des verheerenden Zustandes der Innenstädte, der Bausubstanz und der Umwelt fassten Menschen damals den Mut, aufzustehen gegen das SED-Regime.
 

Hat Genscher wie Kohl den Mantel der Geschichte ergriffen? Oder war der Freiheitsdrang der Ostdeutschen einfach so stark, dass er alle mitgerissen hat?

Linda Teuteberg: Das Glück der Freiheit ist nicht selbstverständlich
September 2009: Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Linda Teuteberg stehen an der Glienicker Brücke, dem Symbol der Deutschen Teilung und Wiedervereinigung. Im Alten Rathaus von Potsdam hatte sich Genscher bereits im Jahr 1988, anderthalb Jahre vor dem Mauerfall, in einer Grundsatzrede zur Deutschen Einheit bekannt. Genscher starb 2016 im Alter von 89 Jahren. Foto: dpa

Teuteberg: Der Mut und Freiheitsdrang der Ostdeutschen war natürlich der entscheidende Treiber. Aber ohne das Zutun von Kohl und Genscher würden wir heute immer noch in einem geteilten Land leben. Die Skepsis gegenüber der Wiedervereinigung war ja nicht nur bei einigen unserer Verbündeten, gerade in Frankreich und Großbritannien, sehr groß, sondern auch bei Grünen und Sozialdemokraten. Mit Oskar Lafontaine, der 1990 Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten war, und Joschka Fischer hätte es eine Wiedervereinigung sicherlich nicht gegeben. Und das geschichtliche, das außenpolitische Zeitfenster war kurz.
 

Was können wir aus dieser Zeit für heute lernen? Sollten wir unsere Grundwerte, unsere Demokratie, mehr achten?

Teuteberg: Viele Menschen suchen nach Führung und Einfachheit. Die Schichten unserer Demokratie sind dünn, das sehen wir am Erstarken von Parteien, die Probleme rhetorisch verschärfen und bewirtschaften. Es ist Aufgabe der Politik, klarzumachen, was Deutschland braucht. Aber es gibt auch ein Holschuld in der Demokratie. Wer sich von Politik nur abwendet, der wird sehen, dass die stärker werden, die er nicht dort sehen will.


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Stv. Chefredakteur

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme. Er leitet das Ressort Politik und Wirtschaft.

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