Jurist rechnet mit Schadenersatzforderungen gegen Boeing

Heilbronn  Christof Wellens, Vorsitzender eines Opferhilfevereins, sieht drängende Fragen nach den Abstürzen in Äthiopien und Indonesien. Bei dem Unglück nahe Addis Abeba kamen am vergangenen Sonntag 157 Menschn ums Leben, darunter auch ein Mann aus dem Hohenlohekreis.

Von Hans-Jürgen Deglow

Jurist rechnet mit Schadenersatzforderungen gegen Boeing

Blick in eine Fertigungshalle von Boeing im amerikanischen Renton: Der Absturz von zwei Maschinen dieses Typs erschüttert die Branche.

Foto: Matthew B. Thompson/Boeing

Der Jurist Christof Wellens, Vorsitzender des Vereins "Crash - Gesellschaft für Opferrechte", sieht auf Boeing nach dem Absturz einer 737 Max 8 in Äthiopien Schadensersatzforderungen von Angehörigen zukommen. Wellens sagte der Heilbronner Stimme: "Es ist sicherlich nach jetzigem Stand einigermaßen wahrscheinlich, dass sich aus dem Fall der abgestürzten Boeing 737 Max 8 ein Schadenersatzverfahren entwickeln wird."

Wellens hat selbst Angehörige der Opfer des 2015 abgestürzten Germanwings-Fluges vertreten. Der Opferhilfeverein wurde von Angehörigen der Concorde-Katastrophe von Paris initiiert und bietet seit seiner Gründung im Jahr 2001 Betroffenen materielle und immaterielle Unterstützung an.

"Die Krisenkommunikation verstehe ich nicht."

Für Wellens stellen sich drängende Fragen: "Hat der Hersteller nach dem ersten Absturz des Typs richtig gehandelt? Hätte man die Baureihe bis zur endgültigen Klärung der Ursache am Boden halten müssen? Eine unzureichende Warnung vor Risiken würde auch schon für eine Haftung ausreichen." Wellens betonte: "Sollte ein technischer Fehler vorliegen, dann wäre der Hersteller Boeing in Haftung, der Gerichtsstand wäre am US-Firmensitz."

Der Anwalt aus Mönchengladbach sagte weiter: "Unser Verein ist in erster Linie darauf angelegt, Angehörigen konkrete Hilfe in der Not zu bieten. Wir geben auch Rat vor juristischen Schritten und können bei Schadenersatzfragen eine der führenden Kanzleien in den USA vermitteln." Bei dem Absturz der Boeing 737 Max 8 in Äthiopien sind auch fünf deutsche Staatsbürger ums Leben gekommen, darunter ein Mann aus Hohenlohe. Jurist Wellens versteht die Kritik an Boeing: "Die Krisenkommunikation verstehe ich nicht. Warum hat Boeing nicht selbst ein Startverbot erwirkt? Stattdessen lässt man zu, dass ein Land nach dem anderen Flugverbote erlässt. Oder Auflagen beschließt, beispielsweise, dass ein Pilot der Boeing 737 Max mindestens 1000 Flugstunden vorweisen muss. Dann fragt sich doch jeder Passagier: Soll ich in ein Flugzeug einsteigen, das so schwer beherrschbar ist?"

"Leistungen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich."

Der Anwalt aus Mönchengladbach schlägt im Gespräch mit unserer Redaktion eine Vereinheitlichung der Schadensersatz-Angebote an Angehörige vor: "Aus unserer Sicht muss der Schadenersatz grenzüberschreitend angeglichen werden. Im Augenblick erleben wir oft noch ein Wettrennen um den Gerichtsstand und das anwendbare Recht. Flugzeuge sind fast immer mit Passagieren aus unterschiedlichen Nationen besetzt. Doch die Leistungen sind von Land zu Land sehr unterschiedlich, in Deutschland werden Angehörige zum Teil sehr schlecht entschädigt. Es geht hier aber um ein katastrophales Ereignis, das bei einem Flugzeugabsturz immer mit dem Tod verbunden ist. Seine Forderung: "Der Schadenersatz sollte sich in etwa an der Todesfallleistung orientieren, die in der Regel bei Lebensversicherungen ausgezahlt wird." Über die Opferhilfe sagte Wellens: "Als Verein können wir schon in einer frühen Phase nach dem Unglück Hilfe leisten. Als beim Absturz der Germanwings-Maschine Kinder beide Elternteile verloren hatten, haben wir Geld für den Unterhalt zur Verfügung gestellt." Weiter erläuterte er: "Unser Verein ist in erster Linie darauf angelegt, Angehörigen konkrete Hilfe in der Not zu bieten. Wir geben auch Rat vor juristischen Schritten und können bei Schadensersatzfragen eine der führenden Kanzleien in den USA vermitteln."

Welche Rolle spielte die Steuerungssoftware?

Der Absturz am Sonntag mit insgesamt 157 Toten in der Nähe von Addis Abeba ereignete sich nur fünf Monate nach einem ähnlichen Unglück in Indonesien. In beiden Fällen war eine relativ neue Boeing 737 Max 8 im Einsatz. Bei dem indonesischen Crash vermuten die Experten, dass eine von Boeing für den Flugzeugtyp entwickelte Steuerungssoftware eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte. Im Fall der Katastrophe von Äthiopien meldeten laut der Airline die Piloten Probleme mit der Flugsteuerung.

Großherzige Spende

Zur möglichen Kontaktaufnahme mit Angehörigen des Unglücksfluges von Äthiopien sagte Wellens: "Erfahrungsgemäß dauert es einige Tage, bis sich entferntere Angehörige von Todesopfern melden, weil die unmittelbaren Angehörigen große Schwierigkeiten haben, die Katastrophe zu verarbeiten. Ein Elternteil, ein Ehepartner oder Kind ist unvermittelt und unerwartet aus dem, Leben geschieden - das löst eine Schockstarre aus." Der Anwalt erklärt zudem, wie eine konkrete Unterstützung aussehen könnte: "Als Verein können wir schon in einer frühen Phase nach dem Unglück Hilfe leisten. Als beim Absturz der Germanwings-Maschine Kinder beide Elternteile verloren hatten, haben wir Geld für den Unterhalt zur Verfügung gestellt. Unser Verein wurde bei seiner Gründung von Angehörigen der Concorde-Katastrophe gefördert. Sie wurden damals nach US-Maßstäben recht großzügig entschädigt, und unterstützten uns mit einer großherzigen Spende. Deshalb können wir auch jetzt den Angehörigen der deutschen Opfer aus der in Äthiopien abgestürzten Boeing unsere Unterstützung anbieten."

"Eindeutig zu risikoreich."

Wellens ist über die Katastrophe von Äthiopien bestürzt. Sie lasse grundlegende Zweifel am Beförderungsmittel Flugzeug aufkommen, meint er: "Das Unglück mit der Boeing 737 Max gibt mir sehr zu denken. Vor dem Absturz der Germanwings-Maschine schien es unvorstellbar, dass ein Pilot in Selbstmordabsicht in einen Berg fliegt und viele Menschen mit in den Tod reißt. Die Katastrophe in Äthiopien ist bemerkenswert, weil es eine ganz neu entwickelte Maschine betrifft. Boeing hat innerhalb relativ kurzem Abstand zwei Jets diesen Typs verloren, ohne erkennbaren Anlass. Bislang konnte man immer behaupten, Flugzeuge seien die sichersten Transportmittel, aber jetzt bekommt dieses Bild tiefe Kratzer."

Er fügte hinzu: "Es ist ein dramatischer Vorgang für einen Hersteller, wenn ein kompletter Luftraum für ein neu entwickeltes Flugzeug gesperrt wird." Ob er selbst mit einer 737 Max fliegen würde? Seine Antwort ist klar: "Ich selbst würde derzeit nicht einsteigen in das zwei Mal verunglückte Boeing-Modell. Das wäre mir eindeutig zu risikoreich."

 


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