FDP lässt Jamaika-Sondierungen überraschend platzen

Berlin  Am Schluss hat es doch nicht gereicht. Kein Vertrauen, das für vier Jahre ausreichen würde, sagt die FDP und zieht die Reißleine für ein Jamaika-Bündnis. Kanzlerin Merkel bedauerte den Schritt. Nun kommt es zunächst auf den Bundespräsidenten an.

Von Ruppert Mayr, Tim Braune und Andreas Hoenig, dpa
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Scheitern der Jamaika-Sondierungen
Christian Lindner, FDP Bundesvorsitzender, spricht in Berlin vor der Landesvertretung Baden-Württemberg. Die FDP hatte die Jamaika Sondierungsgesprächen zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer Regierung abgebrochen. Foto: Michael Kappeler/dpa

Deutschland steht nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen vor unübersichtlichen politischen Verhältnissen. Die FDP ließ die Verhandlungen am späten Sonntagabend überraschend platzen. "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren", sagte FDP-Chef Christian Lindner.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stürzt damit in die schwerste Krise ihrer zwölfjährigen Amtszeit. Acht Wochen nach der Bundestagswahl ist völlig unklar, wie es nun weitergeht. Die SPD lehnt es weiter ab, über eine erneute große Koalition zu verhandeln. Eine Schlüsselrolle kommt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu.

FDP sieht zu viele Widersprüche

Lindner begründete den Abbruch der Sondierungen damit, dass es in den gut vier Verhandlungswochen nicht gelungen sei, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das wäre aber Voraussetzung für eine stabile Regierung gewesen. Lindner machte deutlich, dass die Gräben zwischen FDP und Grünen aus seiner Sicht zu groß waren.

 

 

Die Liberalen seien für Trendwenden in der Politik gewählt worden, etwa in der Bildung oder bei der Entlastung der Bürger. Diese seien nicht erreichbar gewesen: "Nach Wochen liegt aber heute unverändert ein Papier mit zahllosen Widersprüchen, offenen Fragen und Zielkonflikten vor." Wo es Übereinkünfte gebe, seien diese mit viel Geld der Bürger oder Formelkompromissen erkauft worden.

 

 

CDU hatte an Einigung geglaubt, sagt Merkel

Bundeskanzlerin Merkel bedauerte das Aussteigen der FDP aus den Verhandlungen. Die Union habe geglaubt, dass man gemeinsam auf einem Weg gewesen sei, bei dem man eine Einigung hätte erreichen können, sagte die CDU-Vorsitzende. Sie kündigte an, im Laufe des Montags Bundespräsident Steinmeier über den Stand der Dinge zu informieren.

 

 

Am Vormittag will sie mit dem CDU-Vorstand in einer Telefonkonferenz über das weitere Vorgehen beraten. Die Union werde in den nächsten Wochen weiter verantwortlich handeln, versicherte Merkel. Sie werde als geschäftsführende Bundeskanzlerin alles tun, dass das Land auch durch diese schwierigen Wochen gut geführt werde.

Seehofer sieht "Belastung" für Deutschland

Fortsetzung der Jamaika-Sondierungen
Die Verhandlungsdelegation von CDU/CSU mit den Parteivorsitzenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 7.v.l) und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU, 6.v.l). Foto: dpa

CSU-Chef Horst Seehofer bezeichnete den Abbruch der Sondierungen als "Belastung" für Deutschland. Eine Einigung sei "zum Greifen nahe" gewesen. Auch bei der Migrationspolitik - eines der umstrittensten Themen in den Sondierungen - wäre eine Einigung möglich gewesen. Er sei den ganzen Tag davon ausgegangen, dass es eine Einigung auf Koalitionsverhandlungen gibt, sagte Seehofer.

Das hätte es ermöglicht, eine Antwort auf das Wahlergebnis zu geben, nämlich die Polarisierung zu bekämpfen und "politisch-radikale Kräfte" zurückzudrängen. Bei der Bundestagswahl hatte die rechtsnationale AfD als drittstärkste Kraft 12,6 Prozent der Stimmen geholt.

Grüne machen der FDP Vorwürfe

Die Grünen-Spitze warf der FDP vor, sich vor ihrer Verantwortung gedrückt zu haben. "Ein Bündnis hätte zustande kommen können", sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Bei Klimaschutz, Landwirtschaft und Migration sei man am Ende näher beieinander gewesen, als man es gedacht hätte.

 

 

Parteichef Cem Özdemir sagte, die Grünen hätten bis zur letzten Sekunde die Bereitschaft gehabt, eine Koalition zu bilden. "Ein Partner hatte diese Bereitschaft nicht." Die FDP habe die einzig mögliche Konstellation zur Regierungsbildung "leider abgelehnt und zunichte gemacht". Die Grünen seien bei vielen Themen an ihre Schmerzgrenzen und darüber hinaus gegangen.

Gesamtpaket lag auf dem Tisch der Jamaika-Verhandler

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin sagte, es habe ein Gesamtpaket vorgelegen aus Klimaschutz, Familiennachzug, Arbeitsrecht, Abschaffung des Soli-Steuerzuschlags und Mütterrente. Darauf hätten sich die Grünen einigen können. Die FDP habe zu diesem Zeitpunkt aber schon ihre Pressemitteilung über den Abbruch der Gespräche vorbereitet. Als Lindner diesen vor der Presse verkündet habe, hätten Grüne, CDU und CSU gemeinsam vor den Bildschirmen gestanden und «schockiert über diesen Abgang» zugesehen.

Nachdem die Verhandlungen zu einer Jamaika-Koalition gescheitert sind, sind nun drei Szenarien denkbar: Eine große Koalition wäre zwar rechnerisch möglich, wird aber von der SPD kategorisch abgelehnt. Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz hatte am Sonntag bekräftigt, für den Fall eines Scheiterns stehe seine Partei nicht für eine Regierungsbeteiligung zur Verfügung. "Der Wähler hat die große Koalition abgewählt", sagte er bei einer SPD-Konferenz.

SPD über Kanzlerin Merkel: "Sie ist definitiv gescheitert"

SPD-Parteivize Ralf Stegner sagte in der Nacht zu Montag: "Die Ausgangslage für die SPD hat sich nicht verändert. Wir haben kein Mandat für eine erneute große Koalition." Er sehe für Kanzlerin Merkel keine Zukunft mehr. "Sie ist definitiv gescheitert."

Aber auch ohne Merkel werde die SPD keine große Koalition eingehen. Die SPD-Spitze hatte am Abend der Bundestagswahl am 24. September unmittelbar nach dem historischen Absturz auf 20,5 Prozent entschieden, eine rechnerisch mögliche erneute große Koalition mit der Union abzulehnen und in die Opposition zu gehen.

 

 

Eine weitere Option nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen ist, dass Merkel eine Minderheitsregierung anführen wird, etwa mit der FDP oder den Grünen. Sie braucht dann aber bei Abstimmungen einige Dutzend Stimmen aus anderen Fraktionen. Es gilt als so gut wie ausgeschlossen, dass sich Merkel darauf einlässt.

Bundespräsident Steinmeier: "kein Anlass zu panischen Neuwahldebatten"

Eine Neuwahl ist erst nach einer Kanzlerwahl möglich. Wird ein neuer Regierungschef nur mit relativer Mehrheit gewählt, kann der Bundespräsident den Bundestag auflösen. Innerhalb von 60 Tagen muss dann neu gewählt werden.

Bundespräsident Steinmeier hatte erst am Wochenende die potenziellen Jamaika-Partner ermahnt, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und Neuwahlen zu vermeiden. "Es besteht kein Anlass zu panischen Neuwahldebatten", sagte Steinmeier der "Welt am Sonntag".

Zentraler Streitpunkt bei den Sondierungen war am Sonntag bis zuletzt das Thema Migration. CDU, CSU und FDP wollten eine Begrenzung der Zuwanderung. Die Grünen wollten dies nicht, hatte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer am Abend im ZDF unterstrichen. Um diesen Punkt habe es neben den Themen Klima, Energie und Finanzen die größten Diskussionen gegeben. Eine Einigung in der Migrationspolitik insgesamt wäre Voraussetzung für die Aufnahme formeller Koalitionsverhandlungen gewesen.

Mehr zum Thema: Jamaika gescheitert: Wie geht es jetzt weiter?

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