"Es geht um Macht, nicht um Sex"

Interview  Alice Schwarzer spricht im Stimme-Interview über die Kölner Silvesternacht, den Islam und das Sexualstrafrecht.

Von unserer Redakteurin Bianca Zäuner
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Die Frauenrechtlerin und Autorin Alice Schwarzer setzt sich in ihrem Buch "Der Schock − die Silvesternacht von Köln" mit dem Ereignis auseinander. Foto: dpa

Was geschah in der Silvesternacht in Köln? Wie konnte es zu den massenhaften sexuellen Belästigungen kommen, wer waren die Täter und was ihre Motive? Die wohl bekannteste Vertreterin der deutschen Frauenbewegung, Alice Schwarzer, hat sich in ihrem Buch "Der Schock − die Silvesternacht von Köln" mit den Ereignissen auseinandergesetzt und streitbare Thesen formuliert.

 

Sie bezeichnen die Täter der Kölner Silvesternacht in Ihrem Buch als "fanatisierte Anhänger des Scharia-Islams". Viele der Täter waren alkoholisiert oder standen unter Drogeneinfluss, was für strenggläubige Muslime verboten ist. Wie passt das zusammen?

Alice Schwarzer: Wie wir wissen, sind die Drogen eine der Haupteinnahmequellen des selbsternannten Islamischen Staates. Und selbstverständlich trinken viele Islamisten Alkohol. Denn der Islamismus ist ja kein Glaube, sondern eine Ideologie. Eine Ideologie, die den Islam missbraucht. Die Täter der Silvesternacht waren, wie wir heute wissen, zu fast hundert Prozent Flüchtlinge, beziehungsweise Asylanwärter und Untergetauchte. Sie kamen überwiegend aus Marokko und Algerien, einige aus Syrien. Das sind Länder, in denen Frauen traditionell rechtlos sind und Gewalt ein Herrenrecht ist. Für diese Männer sind Frauen, die nachts auf der Straße sind, Schlampen, die es nicht besser verdient haben.

Glauben Sie, dass sich solche Ereignisse wie in der Kölner Silvesternacht wiederholen werden?

Schwarzer: Was heißt glauben? Die Methode "Höllenkreis" − wie es die Ägypterinnen nennen − ist ja in Nordafrika weit verbreitet. Und auch in Deutschland ist sie seit Silvester vielfach praktiziert worden. Zuletzt im Juli in Bremen auf einem Stadtfest, nach dem zwölf Frauen Anzeige erstattet haben. Bei dieser Methode löst sich eine kleine Gruppe von Männern aus einer größeren Menge, umkreist die Frauen und begrabscht sie, manchmal bis hin zur Vergewaltigung. Dabei geht es nicht um Sex, sondern um Macht. Ziel ist die Vertreibung der Frauen aus dem öffentlichen Raum.

Sind wir in Deutschland gegenüber dem Islam zu tolerant? Sie warnten schon vor Köln vor einem politischen Islam....

Schwarzer: Es geht mir nicht um den Islam. Der ist ein Glaube und Privatsache. Ich zitiere nicht den Koran, ich zitiere ja auch nicht die Bibel, in der ebenfalls Einschlägiges gefunden werden könnte. Es geht um den politisierten Islam, der seit der Machtübernahme von Khomeini 1979 im Iran auf dem Kreuzzug ist. Welche Gefahren von ihm ausgehen, sehen wir ja in den islamistisch beherrschten Ländern: Die Frauen sind total entrechtet, Homosexuelle und Juden werden verfolgt, Kreative und Intellektuelle zum Verstummen gebracht. Der Islamismus ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts.

In einigen mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern wachsen Männer mit einem patriarchalischen Weltbild auf, in dem Frauen klar unter dem Männern stehen. Kann deren Integration in Deutschland überhaupt gelingen?

Schwarzer: Sie kann gelingen − wenn die Frauen und Männer es auch selber wollen. Aber es wird nicht einfach sein. Und es wird Zeit brauchen.

Eine Folge aus den Ereignissen in Köln war die Reform des Sexualstrafrechts unter der Leitlinie "Nein heißt Nein". Gehen die Regelungen weit genug?

Schwarzer: Die Gesetze reichen. Die Rechtsprechung ist das Problem. In Deutschland wird nur jede achte Vergewaltigung überhaupt angezeigt und nur einer von hundert Tätern wird verurteilt. Wir haben eine Täterjustiz, die Opfer wenig ernst nimmt. Kein Wunder, dass immer weniger Frauen es überhaupt wagen, sexuelle Gewalt anzuzeigen − sie werden vor Gericht ein zweites Mal zum Opfer gemacht.

Die CSU fordert eine verschärfte Flüchtlingspolitik und "Vorrang für Zuwanderer aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis". Was halten Sie von dem Vorstoß?

Schwarzer: Diese Forderung halte ich für skandalös. Es darf keine Rolle spielen, ob und welche Religion ein Flüchtling hat. Wir müssen allerdings auch von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern verlangen, dass sie unsere Gesetze respektieren und die Emanzipation der Frauen ernst nehmen. Wir haben lange genug für Demokratie und Gleichberechtigung gekämpft − das dürfen wir jetzt nicht relativieren lassen. Weder für uns noch für die Musliminnen hierzulande.

 

Alice Schwarzer in Heilbronn

Zur Semestereröffnung wird Alice Schwarzer am Freitag, 23. September, in der Volkshochschule im Deutschhof (Kirchbrunnenstraße 12) zu Gast sein. Thema: Köln und die Frauenrechte. Die Veranstaltung ist mittlerweile ausverkauft.


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