"Erdogan akzeptiert keine Minderheiten"

Heilbronn  Gerade war der Journalist, Politiker und Christ Tuma Celik in Heilbronn. In seiner Heimat, der Türkei, saß er wegen seines Engagements schon im Gefängnis, wie er im Stimme-Interview erzählt. Jetzt will er ins Parlament einziehen.

Von unserem Redakteur Jens Dierolf

Tuma Celik ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Politiker der Türkei: Er ist Christ und Herausgeber einer Zeitschrift. Er war im Gefängnis, weil in seinem Blatt Zeitung regierungskritische Artikel erschienen sind, wie er erzählt. Wenn seine Partei, die kurdische HDP, bei der Wahl am 24. Juni in die Große Nationalversammlung einzieht, wird Celik Abgeordneter werden. Vergangene Woche war er in Heilbronn. Ein Gespräch über Minderheiten und eine Wahl in schwierigen Zeiten.

 

Erdogan steht wegen seines Umgangs mit Minderheiten in der Kritik. Was ist passiert?

Tuma Celik: Als Erdogan an die Macht kam, hat er noch Reformen umgesetzt. Doch nach den Anfangsjahren hat er 2007 seine Strategie verändert. Das, was dann in den vergangenen drei bis vier Jahren geschehen ist, hat es in 90 Jahren Türkei nicht gegeben. Ich meine speziell die Veränderungen durch Unterdrückung und Einschränkungen der Pressefreiheit. Erdogan akzeptiert keine anderen Konfessionen, Parteien und Minderheiten mehr außer den Türken, den Islam und den Sunniten. Alles Andere wird geleugnet und nicht als Teil der Türkei betrachtet. Außerhalb der Türkei, werden manchmal die Christen erwähnt, aber in der Türkei wird geleugnet, dass es diese Minderheit und Konfessionen überhaupt gibt.

 

Christen in der Türkei wird das Leben immer schwerer gemacht. Es drohten viele Enteignungen von kirchlichen Liegenschaften. Wie ist die Situation heute?

Celik: Seit die AKP an der Macht ist, hat diese Ungerechtigkeit gegen die syrischen Christen (Suroye) immer weiter zugenommen. Es kam zur Enteignung kirchlicher Liegenschaften − Kirchen, Klöster und Friedhöfe, aber auch von Privatpersonen. 2008 wurde die Enteignung eines der weltweit ältesten Klöster, das St. Gabriel Kloster, von der Regierung beschlossen. Nur auf internationalem Druck wurden die Besitztümer des Klosters zurückgegeben. In dieser Zeit wurden auch 50 Liegenschaften enteignet. Auch hierfür wurde von der Regierung versprochen, dass diese 50 Liegenschaften den Besitzern zurückgegeben werden, was bis heute nicht vollständig erfolgt ist. Von den 50 Liegenschaften sind heute nur zwölf zurückgegeben worden. Die Regierung behauptet, sie hätten alle Liegenschaften zurückgegeben, was nicht stimmt. Die Regierung publiziert nach außen hin, dass die Liegenschaften der Christen zurückgegeben wurden, was nicht der Wahrheit entspricht, da es nur eine Teil ist und nicht vollständig. Es zeigt sich, dass die Regierung auch heute noch jede Möglichkeit nutzt, Christen in der Türkei zu enteignen.

 

Als Christ im Parlament wären Sie eine Besonderheit. Wie wichtig ist diese religiöse Komponente für Ihre politische Arbeit?

Celik: Klar, offiziell ist die Türkei für alle Parteien und Konfessionen offen und frei, aber die Realität sieht anders aus. Die Türkei ist in der Praxis ein muslimisches Land mit sunnitischer Ausprägung. Andere Konfessionen haben keine Rechte. Ich persönlich vertrete die christlichen Werte auch im Parlament und verteidige sie. Die christlichen Werte treiben mich an, auch bei einer Ungerechtigkeit gegenüber anderen Konfessionen und Parteien im Parlament, werde ich mich für diese einsetzen und verteidigen.

 

Sie sind Journalist von Beruf, Hunderte Ihrer Kollegen wurden in den vergangenen Monaten entlassen. Was hat sich an Ihrer Arbeit verändert?

Celik: In den vergangenen fünf Jahren wurde in keinem anderen Land so viel Druck seitens der Regierung auf die Medien und den Journalismus ausgeübt. Alle regierungskritischen Medien wurden daran gehindert, ihre Arbeit. Verlage oder TV Sender wurden geschlossen, einzelnen Personen von ihren Arbeitgebern entlassen. Hunderte und tausende Journalisten sind arbeitslos geworden oder sitzen ohne eine Anklage in Gefängnissen. Viele haben die Türkei zu verlassen. Auch wir spüren mit unserer Zeitschrift "Sabro" den Druck der Regierung.

 

Wie erging es Ihnen?

Celik: Auch ich wurde vor einem Monat festgenommen und wieder freigelassen, wahrscheinlich wegen meiner Veröffentlichungen von kritischen Themen in unserer Zeitschrift. Eine offizielle Anklage habe ich nicht erhalten, und ich warte somit auf die Klage. Ich weiß ehrlicherweise nicht, was auf mich zukommt.

 

Welchen Druck spüren Journalisten?

Celik: Die Regierung übt psychischen Druck aus. Es werden aber auch andere Mechanismen in Gang gesetzt. Gehälter und Bankkonten werden eingefroren, so dass die Betroffenen in eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Schieflage geraten. Dadurch dass unsere finanzielle Unterstützung von unserem Volk ausgeht, haben wir hier einen anderen Spielraum.

 

Der Präsidentschaftskandidat der HDP, Selahattin Demirta?, macht aus dem Gefängnis Wahlkampf. Erwarten Sie eine faire Wahl?

Celik: Weltweit ist das wohl die erste Präsidentschaftswahl, bei dem einer der Kandidaten seine Wahl aus dem Gefängnis führt. Die anderen Kandidaten haben somit jede Möglichkeit ihr Wahlprogramm zu bewerben und zu publizieren. Unser Präsidentschaftskandidat, Herr Demirta?, hat leider keine Möglichkeit sich und sein Programm zu bewerben. Erschwerend hinzu kommt auch, dass es ein Verbot gibt, seine Worte oder Schriften zu veröffentlichen. Keiner der anderen Kandidaten hat diese Hindernisse. Als seine Partei sind wir sein Sprachrohr nach außen. Das ist nicht einfach, aber wir geben unser Bestes in dieser schwierigen Zeit.

 

Die türkische Gesellschaft ist heute tief gespalten, wo liegen die größten Herausforderungen für die Türkei?

Celik: Es gibt ja viele Gründe für die gesellschaftliche Spaltung. Dass die Türkei mehrere Konfessionen und Völker vereint und auch eine andere Geschichte als die Türkische hat, wird verleugnet. Aber es gibt auch wirtschaftliche Gründe für die Spaltung der Gesellschaft. Die Lira hat extrem an Werte gegenüber dem Euro und Dollar verloren, was dazu führt, dass Produkte teuer werden. Die Türkei ist ein großer Importeur und ist somit sehr stark von einzuführenden Produkten sowie dem Tourismus abhängig. Auch die wirtschaftlichen Herausforderungen werden die Wahl beeinflussen.

 

Wie wichtig ist die Wahl?

Celik: Sie ist wegweisende für die gesellschaftliche Entwicklung. Wird die Türkei von einer Volksgruppe oder von mehreren Volksgruppen regiert? Auch das demokratische Verständnis muss die Türkei entscheiden. Wie stellt sie sich künftig auf. Leugnet sie die Existenz von Minderheiten und Konfessionen? Führt sie die Unterdrückung der Meinungsfreiheit fort oder schlägt sie einen anderen Weg ein? Werden neue Abgeordnete und ein neuer Präsident gewählt oder bleibt es beim Alten? Egel aber wie die Wahlen ausgehen, es werden gesellschaftliche Herausforderungen auf uns zukommen, die die Türkei neu Formen werden.

 

Zur Person

Tuma Celik (Jahrgang 1966) ist Politiker der kurdischen HDP. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler lebte mehrere Jahre in der Schweiz. Er gehört der christlichen Minderheit der Aramäer in der Türkei an und engagiert sich in mehreren Gruppierungen für deren Rechte. Aktuell ist er Herausgeber der Zeitschrift „Sabro“ (Hoffnung) , die monatlich auf Türkisch und Aramäisch erscheint. 

 

 

 


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