Erdaufgang: Vor 50 Jahren fotografiert die Crew von Apollo 8 die Erde

Weltall  Unsere Weltkugel erscheint am Firmament und US-Astronaut Ron Garan wird klar: "Wir kamen, um den Mond zu erkunden und haben die Erde entdeckt."

Von Manfred Stockburger
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So sah die Crew von Apollo 8 exakt vor 50 Jahren den Aufgang der Erde. Der Astronaut Bill Anders zückte die Kamera.

Foto: NASA

Es war Liebe auf den ersten Blick, sagt Ron Garan. Liebe zu dem Planeten, dessen komplette Schönheit die Crew von Apollo 8 vor 50 Jahren zum ersten Mal gesehen und fotografiert hat. Earthrise heißt das Foto - Erdaufgang. Seit der Astronaut 40 Jahre danach selbst an Bord des Spaceshuttles Discovery zur Internationalen Raumstation ISS flog und mit seinen eigenen Augen die Schönheit des Planeten gesehen hat, lässt ihn diese Bild nicht mehr los.

Atemberaubend

"Das war einfach atemberaubend", erzählt Garan - am Ende seines Vortrags beim Audi-Technologiegipfel MQ! im November in Ingolstadt bekommt er Standing Ovations. "Es ist unglaublich, wie dünn unsere Atmosphäre ist", sagt er. Und wie zerbrechlich die ganze Erde. Alexander Gersts Twitter-Nachrichten der vergangenen Monate vermitteln eine ganz ähnliche Botschaft - Garan hat den Hohenloher noch während dessen Astronautentraining kennengelernt.

Das Foto vom Erdaufgang war nicht vorgesehen im engen Zeitplan der Apollo 8, erzählt der Amerikaner. Die Kameras hatten Bill Anders und seine Kollegen zur Hand, weil sie die Oberfläche des Mondes fotografieren sollten, um nach möglichen Landeflächen für die nächste Mondmission zu suchen. Dann tauchte am Horizont plötzlich die Erde auf. "Wir kamen, um den Mond zu erkunden. Aber wir haben die Erde entdeckt", brachte es Bill Anders einmal auf den Punkt.

Grenzen sind etwas Künstliches

Für Ron Garan ist die Botschaft des legendären Fotos - und seiner eigenen Erfahrungen im Weltall klar: "Wir sind alle ein Volk, das gemeinsam auf einem Planeten in eine gemeinsame Zukunft unterwegs ist", sagt er. "Aus dieser Perspektive gibt es keine Grenzen. Die sind etwas völlig Künstliches, das nicht auf der Realität basiert", sagt der 57-Jährige und zitiert aus einer Weihnachtspredigt von Martin Luther King, der bereits ermordet war, das Bill Anders den ersten Erdaufgang beobachtete: Am Ende haben wir ein gemeinsames Schicksal, zitiert Garan King. Wir können keinen Frieden haben, bis wir verstehen, wie sehr alle Wirklichkeiten strukturell verwoben sind.

Damit es die Erde auch in 20 Jahren, also ein Jahrhundert nach dem ersten fotografisch festgehaltenen Earthrise gibt, muss sich vieles ändern auf der Welt, davon ist Garan zutiefst überzeugt. Gemeinsam mit weiteren Astronauten hat er deswegen die Initiative Constellation Earth gegründet, die vergangene Woche im Kennedy Space Center in Florida vorgestellt wurde. Unter #Earth2068 lässt sie sich im Internet finden. "Wenn wir als Spezies unsere Entscheidungen weiterhin auf Basis der zweidimensionalen Landkarte treffen, dann geht es nicht weiter", sagt er. Benötigt würde ein Verständnis der größeren Zusammenhänge, langfristiges Denken und profunde Zusammenarbeit zwischen den Nationen - wie es bei der ISS der Fall ist. Außerdem spricht er sich für mehr Umweltschutz aus.

Projekt #Earth2068

Nicht nur Astronauten könnten daran arbeiten, sondern auch normale Erdenbürger. Mit #Earth2068 möchte er daran anknüpfen, dass Bill Anders" Foto 1968 für einen kurzen Moment die Welt in Bewunderung vereinte - auch die Sowjets. Obwohl 1968 mit dem Vietnamkrieg und Unruhen in vielen Ländern nicht gerade ein friedliches Jahr gewesen sei.

Dass Ron Garan diese Weihnachtsbotschaft absetzt, ist keineswegs selbstverständlich: Im zweiten Golfkrieg flog er für die US-Luftwaffe Kampfeinsätze, eine Zeit lang war der Mann mit einer klassischen Kalter-Krieg-Karriere auch in Deutschland stationiert. Umso tiefer hat sich in seinem Kopf das Bild eingebrannt von der Rakete, die ihn von Kasachstan aus in einer Sojus-Kapsel zum zweiten Mal ins All beförderte: Die russische und die amerikanische Flagge waren da nebeneinander angebracht, erzählt er. Dabei war er doch dafür trainiert gewesen, gegen die Russen zu kämpfen.

Fast sechs Monate verbrachte Garan auf der ISS - und hatte auch Zeit zum Nachdenken. Als er am 16. September 2011 wieder auf der Erde landete und aus dem Fenster seiner Kapsel in der kasachischen Wüste einen Stein und eine Pflanze sah, "da wusste ich, dass ich wieder zu Hause bin", sagt er. Zu Hause - obwohl seien Familie damals in Houston, Texas, lebte. Von der neuen Perspektive aus ist das kein Unterschied mehr. So erging es gerade auch Alexander Gerst.


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