„Ein ganzes Volk leidet unter der totalen Gehirnwäsche“

Interview  Kim Jong-Un droht, und die USA drohen zurück: Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte fürchtet, dass sich der Konflikt um Nordkorea zu einem echten Krieg ausweiten könnte.

Von Hans-Jürgen Deglow

Nordkorea
Kriegerische Symbolik: Zehntausende Nordkoreaner versammeln sich am 9. August in Pjöngjang zu einer Demonstration gegen die UN-Sanktionen. Foto: dpa

Im Krieg der Worte zwischen den USA und Nordkorea haben die USA am Mittwoch nachgelegt. „Mein erster Befehl als Präsident war, das nukleare Arsenal zu erneuern und zu modernisieren“, schrieb Präsident Donald Trump am Mittwoch auf Twitter. „Jetzt ist es weit stärker und kraftvoller als jemals zuvor.“ Wenig später richtete Verteidigungsminister James Mattis einen entschiedenen Aufruf in Richtung Pjöngjang: „Die Demokratische Volksrepublik sollte jeden Gedanken an Handlungen aufgeben, die zum Ende ihres Regimes und zur Zerstörung ihres Volkes führen würden.“

Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, ist angesichts dieser verbalen Eskalation tief besorgt über die Lage in Asien. Der Schlüssel für die Lösung der gefährlichen Krise liege in Peking, sagt er im Gespräch mit der Heilbronner Stimme.

 

Herr Lessenthin, haben Sie Erkenntnisse, wie sich die akute Krise auf die Bevölkerung in Nordkorea auswirkt? 

Martin Lessenthin: Nordkorea ist in einem Maße abgeschottet, dass die Auswirkungen auf die Menschen dort nicht direkt messbar sind. Die Lage ist aber so, dass die Bevölkerung in der nun dritten Generation unter einer totalen Gehirnwäsche leidet: Die Menschen dort haben keine Vorstellung von der Außenwelt. Das hat nur die Führungsschicht, die maximal ein Prozent der Bevölkerung stellt, die auch in den Genuss von Reisen und Ausbildung im Ausland kommt. Der große Rest sind Arbeitssklaven, die unter schrecklichen Bedingungen in Nordkorea, aber auch in China und sibirischen Wäldern ausgebeutet werden. Nordkoreanische Arbeitssklaven gibt es übrigens auch in Polen. Es ist schon paradox, dass ein europäisches Land, das den Blick zurück im Zorn auf die Sowjetunion kultiviert hat, nun Kim Jong Un durch den Einsatz solcher Arbeitssklaven zu Devisen verhilft.

 

Die Menschen in Nordkorea wissen also nicht, was um sie herum passiert?

Lessenthin: Die Bevölkerung ist geistig gleichgeschaltet. Die Religion wurde getilgt und durch einen Staatskult ersetzt, die Juche-Ideologie. Kim Jong Un wird - ebenso wie sein Vater und sein Großvater, der Staatsgründer – wie eine Gottheit verehrt. Alles was von dort kommt, ist wahr, alles andere wird als böse wahrgenommen. Und wenn sich nun Trump und Kim Jong Un gegenseitig hochschaukeln und verbal aufrüsten, dann wird es kein Nordkoreaner wirklich erfassen können, was diese Eskalation für die Menschen im Land und in der ganzen Region bedeuten kann.

 

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Martin Lessenthin. Foto: privat   Foto: privat

Fürchten Sie, dass sich der Konflikt durch die verbale Aufrüstung verselbstständigen kann?

Lessenthin: „Der Konflikt kann sich verselbstständigen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dem verbalen Krieg ein richtiger Konflikt folgen kann. Bei Trump ist nie klar, ob er so denkt wie er spricht, ob es Ausrutscher sind oder er wirklich mit dem Feuer droht. Wenn er damit einen atomaren Waffengang meint, dann hätte dies furchtbare Folgen weit über die Grenzen Koreas hinaus.  Die politisch kultivierte Elite in den USA ist zurecht alarmiert. Die Befürchtungen sind groß, dass hier jemand zündelt, der nicht merkt, was er damit auslösen könnte.  

 

Ist zu befürchten, dass Trump, je mehr er innenpolitisch unter Druck gerät, seine außenpolitische Macht als Oberbefehlshaber ausspielen möchte?

Lessenthin: Es gibt einige historische Beispiele, dass politische Karrieren durch einen Krieg eine Fortsetzung gefunden haben.  Ich glaube, dass dieses Kalkül nicht ausgeschlossen werden kann, aber nicht wahrscheinlich ist. Trump ist eher der Typ Dampfplauderer, der sich nicht unter Kontrolle hat. Genau diese Charaktereigenschaft kann aber böse Konsequenzen haben.

 

Wie kann der Konflikt befriedet werden?

Lessenthin: Der Schlüssel liegt in Peking, nicht in Washington. Peking entscheidet auch, wie viele Menschen jedes Jahr in Nordkorea verhungern. Peking entscheidet mit oder schaut zu, welche Eliten in Nordkorea liquidiert werden. China hat nie sichtbar reagiert auf die Menschenrechtsverletzungen durch das Regime in Pjöngjang.  Es würde schon helfen, wenn es bei den UN-Sanktionen gegen Nordkorea mehr Transparenz geben würde. Kim Jon Un hält sich bislang trotz jahrelanger Sanktionen an der Macht. Die neuen Sanktionen werden auch nicht über Nacht greifen, und es ist die Frage, wie Russland und China mitmachen. Klar ist: Kim braucht  China, aber China hat ihn bewusst gehegt und gepflegt. Sicher ist auch, dass Peking auf keinen Fall möchte, dass sich durch eine Wiedervereinigung Koreas der amerikanische Einflussbereich bis an seine Grenze ausdehnt.

 

Wir sprachen über Trump. Aber wie tickt Kim Jong Un?

Lessenthin: Seine Brutalität im Umgang mit Familienmitgliedern, mit Geiseln wie Otto Warmbier, aber auch mit Armee- und Parteiführung zeigt doch, dass er keine Skrupel kennt. Er hat zwar eine 1a-Ausbildung in der Schweiz genossen, aber Werte wie Humanität und Menschenwürde sind ihm fremd. Er lässt sein eigenes Volk verhungern, aber die kleine Elite genießt Luxus und investiert in Aufrüstung. Wer so von Machtkalkül getrieben ist, dem ist leider auch zuzutrauen, dass er von sich aus einen Krieg beginnt. Ihm ist nur beizukommen, wenn Peking mehr Einfluss nehmen würde. Aber China schickt heute noch nordkoreanische Flüchtlinge zurück in die nordkoreanischen Arbeitslager und damit zurück in den fast sicheren Tod.